Wir brauchen ein anderes Wirtschaftssystem!
Von Günther Hartmann in
Pressemitteilung von Wolfgang Bastian
ÖkologiePolitik: Herr Dr. Emde, als engagierter Christ beÂfassten Sie sich früher vor allem mit spirituellen Themen - seit eiÂnigen Jahren aber auch mit wirtÂschaftlichen Prozessen. Warum?
Günter Emde: Mitte der 1990er Jahre fand ich in einer Zeitung ein Diagramm, mit dem die UN-Organisation UNDP auf die wachsende Schere zwischen Reichen und Armen aufmerkÂsam machte. Demnach hatte das reichste Fünftel der Menschheit 1965 einen Anteil von 70% am Welteinkommen - und 1996 einen von 85%. Der Anteil der anderen vier Fünftel hat sich also innerhalb von 30 Jahren halbiert. Vermutlich wird der Anteil dieser vier Fünftel demnächst auf 10% gesunken sein. Es gilt also die Maxime „Wer viel hat, der möge noch dazu nehmen von denen, die wenig haben!“ Kann man sich einen schärferen WiderÂspruch zur Bergpredigt denken? Dort heißt es: „Wer zwei Röcke hat, der gebe dem einen, der keiÂnen hat!“
Die wachsende Umverteilung führt aber auf Dauer wohl auch zu großen Spannungen und KonÂflikten?
Verständlicher Weise wird sich das ärmste - und immer ärmer werdende - Fünftel der Weltbevölkerung - immerhin über eine Milliarde Menschen - diese Ungerechtigkeit auf Dauer nicht bieÂten lassen. Hier liegt die Wurzel des TerroÂrismus. Menschen, die hungern, sind zum Letzten fähig. Kinder, die aus Armut keine Schule besuchen könÂnen und darum keiÂne Berufsperspektive haben, werden sich leichter einer TerrorÂgruppe anschließen, weil sie dort Essen und Geld bekommen. Zu dieser Entwicklung kann man als Christ nicht mehr schweigen. Deshalb lassen mich zwei Fragen nicht mehr los: „Was ist die eigentliche Ursache für diese unglaubliche Fehlentwicklung?“ und „Wo ist der HeÂbel anzusetzen, um die wachsende wirtÂschaftliche Not in der Welt zu lindern?“
Wächst die UmÂverteilung auch in Deutschland?
Es gibt zwei sorgÂfältige Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie untersuchen die Verteilung der Nettogesamtvermögen - also einschließlich Immobilien und abzüglich Schulden - in den JahÂren 2002 und 2007 in DeutschÂland. Auch hier zeigt sich der Trend zur wachsenden Trennung zwischen Reichen und Armen: Der Vermögensanteil des reichsÂten Zehntels stieg in diesen fünf Jahren von 57,9% auf 61,1%. Wenn man die Differenz 3,2% auf die Spanne von 30 Jahre -wie in der UNDP-Studie - hochrechÂnet, kommt man auch hier auf über 15% Reduktion. Noch deutÂlicher: Die ärmeren zwei Drittel teilen sich heute in weniger als 10% des Gesamtvermögens, während das reichste HundertsÂtel allein schon mehr als 20% auf sich vereint. Auch im relativ reichen Deutschland findet also der schleichende Prozess einer Verarmung immer gröerer Bevölkerungsschichten statt.
Was läuft denn in unserem Wirtschaftssystem falsch?
Unser Wirtschafts- und FiÂnanzsystem besitzt einen MeÂchanismus, der den erarbeiteten Wohlstand von unten nach oben umverteilt: unser Zinssystem. Um das zu verstehen, muss man sich zunächst klarmachen: Bei jedem Einkauf bezahlen wir eiÂnen Zinsanteil mit, denn in allen Preisen sind sog. „kalkulatoriÂsche Zinsen“ zur Deckung der Kosten des eingesetzten KapiÂtals enthalten. Die summieren sich in der Wertschöpfungskette bis zu den EndverbraucherpreiÂsen zu hohen Beträgen auf: im Durchschnitt ist es ein Anteil von rund 40 % der Preise, die wir Bürger bei all unseren AusÂgaben mitzahlen. Diese Zinsen landen letztendlich bei den KaÂpitaleignern, also denen, die so viel Geldvermögen besitzen, dass sie es verleihen können. „Geld anlegen und für sich arbeiten lassen“ nennt man das. So fließt ein ständiger Strom von Zinsen in der unglaublichen Höhe von mehr als 1 Mrd. Euro täglich alÂlein in Deutschland von den BürÂgern zu den Kapitaleignern. Das waren 2007 über 400 Mrd. Euro, also weit mehr als der ganze BunÂdeshaushalt mit seinen 270 Mrd. Euro. Wenn die Bundesregierung über einen großen Teil dieser 400 Mrd. verfügen könnte, lieÂßen sich viele Probleme lösen, unter denen die Mehrheit der Bevölkerung wegen der KnappÂheit der öffentlichen Kassen leiÂden muss. Auch die ArbeitslosigÂkeit ließe sich dann nachhaltig beseitigen.
Union und FDP sprechen gerÂne von „Neidkampagnen“, wenn diese Umverteilung korrigiert werden soll.
Das hat mit Neid nichts zu tun. Ich würde den Superreichen ihr Vermögen gerne gönnen, wenn es nicht mit der Not andeÂrer Menschen erkauft würde. DeÂren Milliarden kommen ja nicht aus dem Nichts, sondern wurden zuerst von anderen Menschen erarbeitet und dann von dort abgesaugt. Das Geld fehlt dort aber. Die Umverteilung führt zur Armut vieler Menschen, und das halte ich in dieser GrößenordÂnung für unverantwortbar.
In der öffentlichen DiskussiÂon werden immer das zu geringe Wirtschaftswachstum, die steiÂgende Arbeitslosigkeit und die steigende Staatsverschuldung als eigentliche Probleme geÂnannt.
Sinkende Einnahmen zwingen den Staat zur Aufnahme weiterer Schulden, wodurch der Sockel an Schuldzinsen immer höher wird. DaÂdurch wird er unfähig, die Arbeitslosigkeit wirkÂsam zu bekämpfen, was wiederum die StaatseinÂnahmen vermindert - ein Teufelskreis! Dieses Problem besteht seit Jahrzehnten, und seit jeÂher bemüht man sich mit der Parole „Noch mehr Wachstum!“ vergeblich, um eine durchgreifende nachhaltige Besserung. Die eigentliche Ursache liegt in einem grundleÂgenden Systemfehler, der nicht benannt wird. Um den zu verstehen, müsÂsen wir uns zunächst einmal klar werden, dass das BruttoinlandsproÂdukt (BIP) im Ergebnis immer zwischen den KaÂpitaleignern und den ArÂbeitenden aufgeteiltwird. Wächst die WirtschaftsÂleistung und damit das Volkseinkommen z. B. um 2 %, dann können auch die Kapital- und Arbeitseinkommen jeÂweils um 2 % zunehmen, ohne dass es zu irgendwelchen Schwierigkeiten kommt. Verlangt aber eine der BezieherÂgruppen mehr als jene zusätzlich erwirtschafteten 2%, dann muss sich die andere zwangsläufig mit weniger zufrieden geben. Da sich die WirtschaftsunternehÂmen heute weit überwiegend mit Fremdkapital finanzieren, müssen sie im Gegenzug WertÂsteigerungen erwirtschaften, die dem marktüblichen ZinseszinsÂwachstum entsprechen. - InsÂgesamt steigen die GeldvermöÂgen und damit die Zinserträge aber ungefähr exponentiell, also jährlich um den gleichen ProÂzentsatz. Und jetzt kommt das entscheidende Problem: Das BIP kann mit einem solchen Wachstum nicht mithalten. Ein immer schärfer werdender VerÂteilungskampf zwischen KapiÂtaleignern und Arbeitenden ist dadurch vorprogrammiert. Die Kapitaleigner haben im heutigen Wirtschaftssystem aber immer den Erstzugriff.
Mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Günther Hartmann veröffentlicht. Sage herzlichen Dank dafür!
Quelle:
ÖP-Redakteur Günther Hartmann 2009
Dr. Günter Emde 2009
Erstveröffentlichung ÖkologiePolitik
www.oekologiepolitik.de

Ausgabe November 2009 (144)
Dr. Günter Emde Jahrgang 1929, studierte Mathematik, Physik und Philosophie. Nach der Promotion in mathematischer Logik war er beruflich bis 1988 in Wissenschaft, Lehre und Industrie tätig. Daneben leitete er von 1982 bis 2008 den Verein „Via Mundi“, eine Interessengemeinschaft für transzendenz- offene Wissenschaft und christliche Spiritualität. Zur Publikation dieser Themen gründete er 1982 einen kleinen Verlag. 1992 gründete er zudem die „Ethikschutz-Initiative“ (ESI), eine Hilfsorganisation zur Unterstützung von Arbeitnehmern, die aus Gewissensgründen in Konflikt mit ihrem Arbeitgeber gerieten, und leitete sie bis 2000. Seit 1996 beschäftigt er sich immer stärker mit der Rolle des Geldes in Wirtschaft und Gesellschaft.
Dokumente
Wir brauchen ein anderes Wirtschaftssystem! (312 Kb)
Interview mit Dr. Günter Emde
Wolfgang Bastian
Rheinstraße 35
36341 Lauterbach
(Deutschland)
Telefon: 0177 5768248
Ansprechpartner: Wolfgang Bastian
Pressekontakt:
Wolfgang Bastian's "Freie Stimme Online für Politik, Gesellschaft und Kultur - Internet Zeitung für Deutschland", Wolfgang Bastian, Rheinstraße 35, 36341 Lauterbach, Handy: 0177 5768248, E-Mail: bastianwolfgang@aol.com
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