Die Charakter-Tür, Sibirien-Flug, Notizen mit Narrenkappe und eine Geschichte von vorgestern – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Pinnow, 07.12.2018 (lifePR) – Dieser zweite vorweihnachtliche Newsletter präsentiert Menschenschicksale und Reiseerlebnisse und manchmal beides zusammen in einem Buch – wobei es mitunter auch die Reise zu sich selbst oder die Reise zu einem anderen Menschen ist. Solcherart Ausflüge präsentiert gleich der erste der fünf Deals der Woche, die im E-Book-Shop www.edition-digital.de jeweils eine Woche lang (Freitag, 07.12.18 – Freitag, 14.12.18) zum Sonderpreis zu haben sind. In dem Roman „Zeugnis zu dritt“ von Egon Richter, der übrigens tatsächlich direkt mit dem legendären Initiator und Organisator der legendären „Gruppe 47“, Hans Werner Richter, verwandt war, geht es um Annäherungen an eine Frau und deren Biografie. Die damaligen Konflikte sind aus heutiger Sicht eigentlich nur aus eigener Erfahrung oder aus guter Kenntnis von seriösen Quellen zur DDR-Geschichte zu verstehen. Im Übrigen ist man ebenfalls aus heutiger Sicht einigermaßen erstaunt, dass damals ein Titel wie „Zeugnis zu dritt“ überhaupt erscheinen durfte und dass kein lila-Haar-geleitetes Volksbildungsministerium dagegen Einspruch erhob …

Deal Nr. 2, „Sehnsucht nach Sonne. Geschichten vom Großen Fels bis zum Stillen Ozean“, ebenfalls von Egon Richter, ist aber nun ein wirkliches Reisebuch und Richters große Sehnsucht hieß damals Sibirien. Und Flugverspätungen gab es damals auch schon. Selbst in der großartigen Sowjetunion. („Das Flugwesen, es entwickelt sich …“)

Deal Nr. 3. trägt den anfangs nicht gleich verständlichen Titel „Hutschmerz“, stammt von Kristian Pech, und damit springt der Autor einer völlig unterschätzten und ebenso miss-verstandenen wie miss-handelten biologischen Spezies beiseite – den Pilililzen. Wenn Sie dieses leidenschaftliche Traktat gelesen haben, sind die Welt und Ihr Weltbild ein anderes. Und zwar gründlich, gründlich anders.

Deal Nr. 4 und Deal Nr. 5 stammen aus der Feder ein- und desselben Autors: Joachim Nowotny. In der spannenden Novelle „Letzter Auftritt der Komparsen“ finden gesellschaftliche Konflikte kein friedliches und fröhliches Happy-End. Im Gegenteil.

In Deal Nr. 5 sind zwei Kinderbücher zusammengepackt – „Ein Lächeln für Zacharias“ und „Der Popanz“. Und damit wieder zurück oder auch vorwärts zum Anfang zum aktuellen Deal der Woche Nr. 1.

Erstmals 1968 und inzwischen auch schon wieder EIN HALBES JAHRHUNDERT HER erschien im Rostocker Hinstorff-Verlag der Roman „Zeugnis zu dritt“ von Egon Richter: Zwei Erzähler gehen – gleichsam im epischen Teamwork – dem Schicksal von Elisabeth Möbius nach; forschen, prüfen, decken Unbekanntes auf und gelangen schließlich zu einer Lösung. Und wer ist sie, die Elisabeth Möbius? Eine talentierte Pädagogin, oder einfach eine überforderte Frau? Eine Frau, deren geliebter, hochbegabter Sohn kurz vor dem Mauerbau die DDR verlässt. Eine Frau, die sich nicht damit abfindet, dass sie deshalb den geliebten Lehrerberuf aufgeben muss. Eine Frau, die Fehler gemacht hat, aber trotzig helfende Hände ausschlägt. Als erster von denen, die sie gekannt haben, äußert sich …

„LOTZ

Der Tag, an dem ich sie kennenlernte, war ein sehr gewöhnlicher Tag, und ich erinnere mich an ihn nicht so sehr ihretwegen als vielmehr wegen des höchst unerquicklichen Vorkommnisses, mit dem er für mich begann.

Es war ein grauer, blätterloser Märztag, und aus niedrigen Wolken strichen dünne Regenfäden über die Stadt. Bei so einem Wetter bekomme ich selbst in überheizten Räumen ein nasskaltes Frostgefühl, und es kostet mich große Mühe, der Versuchung zu widerstehen, unter die wärmenden Daunen zurück zu kriechen. Meist überwinde ich sie dadurch, dass ich mich auf das Anziehen konzentriere. Sorgfältiges Anziehen stellt für mich eine Art sportlicher Startsituation dar.

An diesem Morgen nun dehnte ich das Ankleiden ungebührlich lange aus, und nicht zuletzt deshalb passierte mir das Malheur, eine halbe Stunde zu spät in die Klinik zu kommen. Unpünktlichkeit aber stört mich. Sie stiehlt mir die Zeit und damit die Möglichkeit, mich länger und intensiver mit einem Gegenstand zu beschäftigen. Ich hasse Unpünktlichkeit, und da ich selten unpünktlich bin, ist mir dieser Tag so deutlich in Erinnerung geblieben.

Meine Abteilung liegt im obersten Stock der Klinik. Es ist eine im Verhältnis zur Klinik sehr kleine Station, bestehend aus mir und einer nur halbtags beschäftigten Sekretärin; sie ist grau meliert, dabei etwas füllig und mit den wenig verdeckten Komplexen unerfüllter Mütterlichkeit behaftet. Sie schreibt die Untersuchungsprotokolle, erledigt die Post, kocht einen außerordentlich starken Kaffee, und manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass sie trotz der Schweigepflicht in ihrem sicherlich recht interessierten Kreis gleichaltriger Freundinnen über vieles spricht, was sie hier erfahren oder miterlebt hat.

Der Eingang zu meiner Abteilung ist durch eine Stahltür gesichert. Ich weiß nicht, was sie verschlossen hat, bevor diese Abteilung hier oben eingerichtet wurde; ich weiß nicht, was sich hinter ihr verbarg, und ich weiß nicht, warum sie beim Umbau nicht entfernt wurde. Es interessiert mich auch nicht; sie ist schneeweiß lackiert und so dem Habitus des Hauses angepasst. Es ist eine keimfreie Tür, und – sie entspricht mir. Sie schließt, im buchstäblichen Sinne, den morgendlichen Auftakt meines Tagesablaufs ab. Wenn ich sie passiert habe, werde ich mit einer Fülle von Problemen konfrontiert, die mit widerwilligem Aufstehen, Ärger über allzu frühe Telefonate, schlechtem Wetter und ähnlichen die Stimmung beeinflussenden Faktoren nichts mehr zu tun haben. Die Tür, wenn sie hinter mir ins Schloss fällt, sichert mir eine mindestens achtstündige durch nichts gestörte Arbeitszeit. Insofern kommt die Tür auch meinem Charakter sehr entgegen.

Ich ging in mein Zimmer, hängte meine Garderobe in den kleinen einteiligen Schrank, dessen Tür nie richtig schloss, und nahm den weißen Kittel heraus. Schneeweiß und keimfrei wie die Stahltür. Mit dem Überziehen des Kittels erfüllte ich sowohl eine Vorschrift der Hausordnung als auch einen rituellen Akt. Normalerweise brauchte ich keine Bekleidung dieser Art, ich könnte meine Patienten ebenso gut im Straßenanzug empfangen und behandeln.

Drei Punkte allerdings waren es, die mich im Laufe der Zeit dennoch von der Notwendigkeit des weißen Kittels überzeugt hatten. Einmal entsprach er wie gesagt der Hausordnung ebenso wie die weißen Betten, die weißen Türen, die weißen Schränke, die weißen Schwesternhauben und das weiße Geschirr. Weiß ist die Haus-Atmosphäre, obwohl dies Haus oft andere Farben nötiger hätte. Aber weiß gehört sich, weiß ist hygienisch, weiß ist steril.

Wer in einer Klinik arbeitet, hat keimfrei und weiß zu sein. Beharrlichkeit in der Tradition. Es kann einem imponieren. Zum anderen ist das Anziehen des weißen Mantels für mich selbst so etwas wie der Beginn eines Arbeitstages nach Passieren der weißen Stahltür. Zum dritten aber, und das ist letztlich der für mich entscheidende Faktor, hat der weiße Kittel eine auf andere gerichtete Funktion: er wirkt auf den Patienten. Der weiße Kittel lässt den Patienten vertrauensselig und offenherzig werden, er macht ihn einsichtig und bisweilen sogar folgsam, er verschafft seinem Träger Autorität und Einfluss.

Ich zog den Mantel an, wusch mir die Hände, verschloss mein Zimmer und trat auf den Gang hinaus, der am Zimmer der Sekretärin vorbei zu den Ordinationsräumen und zum Wartezimmer führt. Ich wusste, dass ich nur zwei, drei Schritte zu tun brauchte, um die Sekretärin hinter ihrer Schreibmaschine hervorzulocken. Sie pflegt dann die Tür zu öffnen und darin stehen zu bleiben, um mich zu begrüßen. „Guten Morgen, Herr Doktor’“, sagte sie, und ich sah ihr an, dass sie in Gedanken hinzufügte: Es ist schon neun Uhr! „Eine Dame wartet“, sagte sie.

„Schön“, sagte ich, „wenn Sie die Abschlussprotokolle über die Untersuchungen der Fettsüchtigen fertig haben, bringen Sie sie mir bitte rein. Ich will das noch mal durchsehen.“ Ich sah ihr an, dass sie noch etwas sagen wollte, aber ich hatte keine Lust, es mir anzuhören. Ich ging an ihr vorbei, aber bevor sie ihre Tür schloss, sagte sie doch noch: „Die Dame wartet schon eine halbe Stunde.“

„Warten ist das halbe Leben“, sagte ich, aber sie hatte ihre Tür bereits geschlossen. Ich ärgerte mich über meine Antwort, über die Allerwelts-Abgedroschenheit. Ich war nie schlagfertig, meine scheinbar schlagfertigen Antworten sind oft nur läppisch. Ich habe ein langsames Reaktionsvermögen. Ich muss alles, was ich erlebe, erst in Ruhe durchdenken. Erst dann bin ich zu richtigen Reaktionen fähig. Mein Beruf kommt mir dabei entgegen, wie ich auch im Allgemeinen glaube, dass sich viele Menschen ihre berufliche Tätigkeit weit mehr nach Eingebungen und mit unzureichenden Vorstellungen als nach ihren Anlagen und Fähigkeiten aussuchen.

Die Diskrepanz zwischen ihrer Leistungsfähigkeit und den objektiven beruflichen Anforderungen wird in Raum und solchen Fällen vielfach Ursache von Störungen in der Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen, und manche der Betroffenen landen dann in meiner Praxis. Es sind die wenigsten, allerdings. Die meisten versuchen ihr Versagen zu überdecken. Sie werden oft autoritär oder neigen gar dazu, mit unredlichen Mitteln ihre Position zu behaupten. Manche werden zu einer Plage.“

Neun Jahre später veröffentlichte derselbe Autor im selben Verleg ein ungewöhnliches Reisebuch – erstmals 1977 erschien im Rostocker Hinstorff-Verlag „Sehnsucht nach Sonne. Geschichten vom Großen Fels bis zum Stillen Ozean“ von Egon Richter: In Geschichten und Berichten, in Wort und Bild beschreibt dieses Buch Leben und Treiben auf dem „siebenten Kontinent“. Es erzählt vom sagenumwobenen Mangaseja und vom Ursprungsland der Indianer, von einem Pelzkaufmann, der Amerika erobern, und einem Reporter, der keinen rohen Fisch essen wollte, von einem Kaiser, der Alaska verkaufte, und einem Mann, der eine diamanthaltige Friedenspfeife rauchte, von einem Schriftsteller, der eine Eisenbahn baute und nebenbei eine Millionenstadt gründete, von dem ältesten See der Welt und dem Wunderkraut Tshen-tshen. Das Buch berichtet über einen Professor, der die Stadt seiner Vorfahren versinken ließ, und über den Kosakenhetman, der ein Tatarenreich eroberte, sowie über einen Schamanen, der sein Kostüm verschenkte. Es schildert die dramatische Rettung von Schiffbrüchigen und den Zustand eines Marineoffiziers, der eine vergessene Flussmündung wiederfand sowie die Reise in einem Flugzeug, in dem ein Schaukelpferd reitet. Von Pferdehirten, Goldgräbern und Diamantenschürfern ist die Rede, von Eiswüsten, in denen Tomaten wachsen und Milch in Kiloblöcken verkauft wird, von einem Fernsehturm, der aus einem alten Kran besteht, von Männern, die niemals Glatzen bekommen, und von einer Stadt, in der Computer Erdölfelder „errechnen“. Berichtet wird von einem See, in dem man Fische zwischen Lärchenwipfeln fängt, und von einem voreiszeitlichen Urwald, in dem Tiger und Wölfe hausen und Bären aus den Bäumen springen. Ein Mann und eine Frau bereisen das Land zwischen Großem Fels und Stillem Ozean, kriechen ins Ewige Eis und fliegen über glühende Steppen, durchstreifen enge Straßen in alten Siedlungen und wandeln auf den breiten Boulevards neuer Großstädte. Sie lernen Unbekanntes kennen und scheinbar Unverständliches verstehen – überall treffen sie Menschen, die im Kampf mit den Unbilden der Natur einen Erdteil mit unermesslichen Reichtümern erschließen und die das einst unwirtliche Gebiet in ein Land unbegrenzter Möglichkeiten verwandeln. Bevor es aber losgeht, soll auch hier das seinem Buch vorangestellte Lob Egon Richters für seine damalige Reisegefährtin zitiert werden: „Ich danke Sofja Lwowna Friedland für ihre umfangreiche Hilfeleistung als Dolmetscherin und landeskundliche Beraterin – man beachte übrigens den überraschend mecklenburgischen Namen von Sofja Lwowna. Ob sie wohl von den einst von Katharina der Großen nach Russland eingeladenen Siedlern abstammt? Ob sie überhaupt noch lebt? Immerhin ist auch dieses Buch schon wieder 41 Jahre her. Und rechnet man diese Zahl mit dem vom Autor Egon Richter mit 40 Jahren angegebenen Alter von Ljuba zusammen, dann müsste sie jetzt 81 Jahre alt sein …

Und noch ein Hindernis stellt sich den beiden Sibirien-Reisenden entgegen – der sprachlose Lautsprecher auf dem damals jüngsten, modernsten und schönsten Moskauer Flughafen Domodedowo. Panimajetje, ili njet?

„Die Säule im Ural

Die Stunden verrinnen. Ljuba hat es aufgegeben, sich nach dem Abflugtermin zu erkundigen. Die kornblumenblau gekleideten Aeroflot-Damen verweisen achselzuckend auf den Lautsprecher. Der Lautsprecher schweigt. Draußen rauscht der Regen. Von den hohen Glaswänden laufen Wasserbäche.

Aufgeregte Franzosen warten auf eine Nonstopmaschine nach Chabarowsk, eine Arbeiterfamilie aus Kiew mit Kisten, Kästen, Koffern und „Seesäcken“ zieht um nach Bratsk, ein lauter Schwarm amerikanischer Touristen reist nach Irkutsk. VISIT SIBERIA! Domodedowo, Moskaus jüngster, modernster und schönster Flughafen, ist Europas Tor gen Osten.

Ljuba fügt dem variationsreichen sibirischen Leitspruch HUNDERT KILOMETER SIND KEINE ENTFERNUNG – HUNDERT RUBEL SIND KEIN GELD – HUNDERT GRAMM SIND KEIN SCHNAPS nun noch die Bemerkung hinzu: „Hundert Stunden scheinen auch keine Zeit zu sein!“

Zehn Tage lang haben Ljuba und ich uns auf diese Reise vorbereitet, hat das lockende, abenteuerverdächtige Sibirien all unsere Gedanken in Anspruch genommen. Unermüdlich hat Ljuba Aussprachen und Interviews organisiert: Schriftsteller, Journalisten, Rundfunkleute, Aeroflotdirektoren und Geologen, Kohlespezialisten, Erdölfachleute, Verkehrsexperten und Meteorologen waren unsere Partner. Taschen und Mappen haben sich mit Prospekten und Tabellen, Monografien und Statistiken, unsere Notizbücher mit Merksätzen, Hinweisen, Exzerpten und Interview-Niederschriften gefüllt. Gestern Abend, als Ljuba die Flugkarten besorgt hatte, sank sie erschöpft in einen bunten Hotelsessel des „Rossija“ und erklärte: „Ich glaube, wir brauchen nicht mehr nach Sibirien zu fliegen. Wir wissen schon alles!“

Ljuba kenne ich seit Jahren. Stets hat sie solche „abschließenden Bemerkungen“ parat. Klein und kugelrund, erweckt sie in ihrer emsigen Betriebsamkeit den Eindruck quirliger Nervosität. Dabei steckt die vierzigjährige Moskauer Literaturwissenschaftlerin voll Hilfsbereitschaft und liebenswerter Fürsorglichkeit, weit über das für diensteifrige Reisebegleiterinnen übliche Maß hinaus. Ohne Ljuba wäre ich aufgeschmissen!

Unter ihrem schwarzen Wuschelhaar steckt ein Kopf voller Geschichten. Neulich, als wir in Museen und Archiven einen trocken-historischen Studientag hinter uns gebracht hatten, versuchte sie mich mit folgender Legende auf Sibirien „einzustimmen“: „Weißt du – wir überlegen alles noch einmal. Bestimmt kennst du noch nicht den Angestellten des alten Nowgoroder Kaufherrn Gjurata, der schon vor neunhundert Jahren hinter den Ural wanderte, wo das Pelzland Mangaseja lag und wo die Jugrer wohnten. Na, du kennst ihn nicht, bitte sehr. Dabei will er dort das ‚allerkälteste Meer’ gefunden haben und ganz verabscheuungswürdige Leute, die ‚Aas und Leichen verzehrten’.“

„Ljuba“, sagte ich, „weißt du nicht etwas Besseres?“

„Doch“, sagte sie. „ich muss mich von Sergei verabschieden!“

Jetzt also stehen wir beide erwartungsvoll vor den regennassen Glaswänden des Flughafens Domodedowo – Ljuba hat sich von ihrem Sohn Sergei und dem Ingenieurs-Gatten verabschiedet – und unser in Taschen und Koffern verpacktes Papierwissen schaukelt auf einem Elektrokarren einem unsichtbaren Flugzeug entgegen.

Keiner von uns hat Sibirien je gesehen. Jeder hängt seinen eigenen Vorstellungen über das ferne Unbekannte nach. Trotz der informationsreichen Moskauer Studientage fällt mir jetzt nur das Übliche ein, Kindermärchen, Schulbuchweisheiten, Literaturbruchstücke, euphorische Zeitungsberichte, schemenhafte Bilder aus lyrischen Dokumentarfilmen: Hundeschlittengespanne und Rentierherden, klirrende Fröste und hungrige Wolfsrudel, ein sagenhafter Meteor und das größte E-Werk der Welt, Holzhäuser, Bohrtürme, ewiges Eis, Transsibirische Eisenbahn und Anton Tschechows Wort über die Taiga: Nur die Zugvögel wissen, wo sie endet. Ljuba und ich erwarten ein Land voller Wunder.

Endlich taucht ein gelber Bus auf. Durch den strömenden Regen bringt er uns zum Flugzeug. In der Garderobe der TU 104 nimmt uns die Stewardess die feuchten Mäntel ab. Schließlich erwischen wir zwei Sessel über den Tragflächen. Ljuba schneidet Grimassen: Unter uns dröhnen die Düsenaggregate. Auf den Bulleyes zittern Wasserschlieren.

Gegen 14 Uhr Moskauer Zeit starten wir. Die Maschine zieht steil nach oben, zuerst durch eine graue Regenwand, dann, minutenlang, durch weiches milchiges Nichts. Moskau schrumpft zu einem Mosaik fast geometrischer Formen zusammen, zu kleinen Fetzen, die entschwinden. Plötzlich überfällt uns strahlendes Licht. Ein glänzend blauer Himmel tut sich auf. Ljuba blinzelt. „Na. was sagst du? Wir fliegen in die Sonne!“ Weit unter uns bilden Wolkengebirge eine schneeweiße Südpollandschaft.

Nach anderthalb Stunden öffnet sich der grüne Plüschvorhang, der die Pantry von den Passagiersalons trennt, und die Stewardessen balancieren blaue Plastetabletts mit einem Imbiss durch die Gänge. Sehr zu Ljubas Überraschung, die mir noch kurz vorher versichert hat, auf Inlandsstrecken gebe es kein Essen. Aber ihre europäischen Aeroflot-Erfahrungen haben hier keine Gültigkeit: Wir bekommen die obligatorische Bordmahlzeit – gebratenes Huhn auf Reis mit jungen Erbsen. Schwarz- und Weißbrotschnitten von anderthalb Zentimeter Stärke, einen Berg fetter, stark gewürzter Wurstscheiben, ein süßes Brötchen, einen makronenartigen Kuchen, Kompott aus gelben Pflaumen, Tee und ein Glas Wasser. Aeroflot ist nicht nur die größte, sie ist auch die am meisten abstinente Luftverkehrsgesellschaft der Welt: kein Tropfen Alkohol wird während des Fluges ausgeschenkt.

Ljuba zieht die Gardine vor das Fenster und schläft ein. Unter uns singen die Düsen. Je weiter wir nach Osten kommen, desto mehr verändern die Wolkenfelder unter uns ihre Farbe: aus Weiß wird im wechselnden Sonnenlicht Rosa, dann golddurchwirktes Rot, endlich ein mattes Grau. Irgendwo weit unter dem Farbenspiel liegt in abendlicher Dunkelheit der Ural, Europas Grenze. Ich kann ihn nicht sehen. Nicht einmal die Stewardess hält es für nötig, den Erdteilwechsel mitzuteilen. Die meisten Passagiere schlafen. Wir fliegen über Sibirien.

Mein Vater hat nie reisen können. Das Geld reichte stets nur für Miete und Lebensunterhalt. Mein Vater liebte die Atlanten und die Fotobände, die Forschungsberichte und die Reisebeschreibungen, Er machte damit weite Fahrten in alle Winkel der Erde, er träumte sich in ferne Kontinente und unbekannte Welten hinein. Seine einzige „Auslandsreise“ war ihm ein Gräuel und endete mit einer schweren Verwundung in einem ukrainischen Dorf.

Danach wurden die Atlanten zugeklappt. Erst später, als Ukrainer, Russen und mandeläugige „Mongolen“ aus Sibirien unseren Ort bevölkerten und mein Vater anfing, gemeinsam mit ihnen ein Land aufzubauen, in dem solcher Art „Auslandsreisen“ für immer verboten sein sollten, schlug er ab und an die vergilbten Reisebücher wieder auf. Aber die Zeit lief ihm davon. Nur das Fernweh und die Sehnsucht vererbte er den glücklicheren Nachkommen. Die Sehnsucht nach dem fernen Land, über dem die Sonne aufgeht.

Von ihm erfuhr ich auch von jener Säule auf der Passhöhe des Ural, deren westliche Seite die Aufschrift EUROPA und deren östliche, nach Sibirien weisende, die Bezeichnung ASIA tragen soll. Asia – das war Märchenhaftes und Abenteuerliches. Furcht einflößendes und Gewaltiges. Fridtjof Nansen und Amur-Partisanen. Asia war Wunschtraum und Verlangen. Asia war vor allem unüberschaubare Größe. Mein Vater und unsere heimischen Lexika sprachen von der „sibirischen Landmasse“ zwischen Ural und Pazifik, Eismeer und „Mongolei“ – dies war zeit meines Lebens Sibirien für mich: siebeneinhalbtausend Kilometer „lang“ und viertausend Kilometer „breit“, ein Ozean von Land, wie ich einmal bei Belinski gelesen hatte. Ein fast menschenleerer Ozean: mein Vater redete stets von 10, unsere Lexika sprachen von 20 Millionen Einwohnern – genau wusste es niemand. Es war eben Sibirien. Es war, sagte mein Vater, „die Hälfte der Sowjetunion und drei Viertel von ganz Russland“ (= RSFSR); es ist, sagt unser Lexikon, anderthalbmal so groß wie die USA und könnte die DDR einhundertdreißig Mal aufnehmen. Und dennoch ist, wie unsere Moskauer Recherchen ergaben, das nicht Sibirien! Sibirien ist „nur“ 10 Millionen km2 groß und reicht auch nur vom Ural bis zu den der Pazifikküste vorgelagerten Gebirgsketten des Tscherskiund des Stanowoigebirges.

Kontakt:
Gisela Pekrul
Verlagsleiterin
+49 (3860) 505788
+49 (3860) 505789

Herausgeber:
EDITION digital Pekrul & Sohn GbR
https://www.lifepr.de/newsroom/edition-digital-pekrul-sohn-gbr

* * * * *

Publiziert durch LifePR

Veröffentlicht von:

unn | UNITED NEWS NETWORK GmbH

Lorenzstraße 29
76135 Karlsruhe
Deutschland
Telefon: +49 721 987793-30
Homepage: https://www.lifepr.de/info/impressum/

Ansprechpartner(in):
LifePR
Herausgeber-Profil öffnen


         

Firmenprofil:

Die lifePR ist ein von Bloggern, Journalisten und Meinungsmachern stark genutztes Portal für Verbraucherthemen.

Über die lifePR erreicht Ihr Content zuverlässig Blogger, Influencer, Journalisten und Meinungsmacher und erzielt somit eine große Reichweite!

Informationen sind erhältlich bei:

unn | UNITED NEWS NETWORK GmbH

Lorenzstraße 29
76135 Karlsruhe
E-Mail: service@lifepr.de
Tel: +49 (0) 721 98 77 93 17
Fax: +49 (0) 721 98 77 93 11

Themenverwandte Pressemitteilungen: