Folgenschwere Fehleinschätzung

Es war kurz nach Ostern. Ein Blick in das Gefrierfach meines Kühlschranks offenbarte mir: Brot ist alle. Also muss ich mich in die Stadt zu meinem Lieblingsbäcker begeben. Zwar war der Takt der U-Bahnen ausgedünnt, doch lange werde ich sicherlich nicht warten müssen.

An der Haltestelle bekam ich einen Schreck. Mehrere Männer mit langen Rauschebärten standen herum, warteten auf die U-Bahn. Also dass die dermaßen selten fahren, ich hätte vielleicht besser ein Lunchpaket eingepackt …

Das Glück war mir hold, von fern näherte sich eine U-Bahn. Ich stieg ein, setzte mich mit ordentlichem Abstand zu den wenigen anderen Fahrgästen. Schon an der nächsten Haltestelle wurde es schwierig Abstand zu halten, eine größere Gruppe junger Leute bestieg singend, schwatzend und Bierflaschen haltend die Bahn. Die waren recht angesoffen, konnte man nicht übersehen. Nun ging es los. Drei Frauen waren dabei und die grölten ungeniert recht obszöne Sprüche herum, ganz rot wurde ich davon. Vielleicht hatten die mich nicht bemerkt, also hüstelte ich verhalten, um darauf aufmerksam zu machen: Ihr seid hier nicht allein!

" Eeeeeh, der Alte da, der hustet, roten Kopp hat der auch, Corona! Eh, ich fahr nich mit Infizierten, ruf mal einer die Bullen an!" Das hörte der U-Bahnfahrer und reagierte. Meine verehrten Fahrgäste, wegen des Verdachts einer möglichen Infektion bleiben die Türen geschlossen bis der Rettungswagen kommt. Man konnte direkt danach schon das tattüü tattaaa hören. Nun ging es erst so richtig ab. Kreischen, alle, wirklich alle Fahrgäste guckten mich angewidert an und rückten noch weiter von mir ab. Ein Tür wurde geöffnet und fünf Wesen kamen herein. Keine Ahnung wer oder was das war. Sie sahen aus als kämen sie soeben von einem Weltraumausflug der Enterprise zurück. Die Gesichter unter einem Helm verborgen, Sauerstoffflaschen auf dem Rücken. Die packten mich und zerrten mich in den Rettungswagen, wo ich gleich auf einer Liege festgeschnallt wurde. Mit erneutem Tattüüü und Tattaaaaaa fuhren die mich in ein Krankenhaus, wo ich sofort von einem Team auf der Isolierstation in Empfang genommen wurde. Nun wollte ich den Irrtum aufklären, doch man gebot mir zu schweigen, es gäbe Fragebedarf. Peinlich wurde es, als man mich in einen kleinen Raum sperrte, eine Krankenschwester kam herein, gab mir ein OP-Nachthemd und befahl mir im Kommandoton:  „Ausziehen!“

Natürlich genierte ich mich, bat sie, sich doch kurz umzudrehen. Steinernes Gesicht von ihr: „Glauben Sie etwa, ich habe noch niemals nackte Männer gesehen?“ Also ehrlich, bei deren Aussehen verwunderte mich das schon recht erheblich.

Kaum hatte ich das OP-Hemd an, offen am Rücken, kam ein Pfleger herein, nahm mich tätschelnd an die Hand: „Komm, Bengelchen, ich zeige Dir jetzt Dein Bettchen.“ Dabei streichelte er meine Hand. Mit Schrecken dachte ich an mein hinten offenes OP-Hemd. Jedoch kam es zu nichts Außergewöhnlichem, denn in meinem Zimmer stand schon eine Gruppe von Ärzten und Schwestern. Zuerst wurde Fieber gemessen, meine Temperatur war 36,8 Grad, bedenklich schüttelte der Arzt den Kopf. „Haben Sie Stuhlgang?“ „Keine Ahnung, hier steht überhaupt kein Stuhl …“ „Schwester, schreiben sie: Patient zeigt mentale Auffälligkeiten bei erhöhter Körpertemperatur. Der Kollege aus der Neurologie soll sich der Sache mal annehmen.“ Die Gruppe rauschte hinaus, ich hörte ein Klicken, man hatte mich eingeschlossen.

Ein paar Tage vergingen, man brachte mir dreimal täglich etwas, das man als Essen bezeichnete, ich nannte es anders.

Plötzlich kam wieder die Gruppe von Docs hinein: „Na, wie fühlen wir uns?“ „Uns?“, ich war erstaunt, „ich kann nur für mich sprechen, also das ja nun mal so ….“ Sofort wurde ich unterbrochen: „Wie war Ihr Stuhlgang? Sie wissen doch hoffentlich inzwischen was das ist? Ich meine Verdauung und so …“ Ach das meinte der, alles klar. „Nee,“ sagte ich, „bevor es zur Verdauung kommen konnte, kam es oben schon wieder heraus. Ihre Küche ist so schlecht, da kann selbst Frank Rosin nichts mehr retten.“

Hätte ich besser nicht gesagt, sofort erhielt ich eine dicke Spritze, die hätte gereicht um Elefanten zu betäuben, danach lag ich zwei Wochen im Koma.

Als ich wieder erwachte, waren meine Docs auch schon da. „Wir haben gute Neuigkeiten, Sie sind seit einigen Tagen unauffällig. Bald können Sie nach Hause, wir warten nur noch die Meinung einiger weiterer Experten ab. Schwester, ich würde vorher gerne noch die Meinung von Maybritt Illner, Dunja Nochwas, Frank Plasberg und Tommy Gottschalk einholen. Veranlassen sie das bitte. Hat der Professor sich schon geäußert? Ach nee, der ist ja gerade in Hollywood, berät eine Filmcrew zu einem Katastrophenfilm, war mir gänzlich entfallen.“ „Moment mal,“ ich stand auf. Sehr, sehr wütend, „jetzt wird hier erst einmal etwas klargestellt …“ Weiter kam ich nicht, die Elefantenspritze kam wiederholt zum Einsatz.

Zwei Wochen später. „Mein lieber Patient, uns liegen nun alle Expertenmeinungen vor. Einhellig kamen wir zu der Meinung, Sie sind nicht infiziert. Da freuen sie sich sicherlich, nicht wahr?“ „Äh“, ich war fassungslos. „Wissen Sie,“ der Doc lächelte mich freundlich an, „sie haben eine Fürsprecherin gehabt. Frau Maischberger hat sich ihren Fall angesehen und kam zu dem Schluss, Ihr Aussehen vergrämt jeglichen Virus im Ansatz. Zu Ihrer und unserer Aller Sicherheit sollten Sie aber noch 14 Tage in häuslicher Quarantäne verbringen.“ 

Ich war Zuhause, eine große Last fiel von mir ab, da klingelte es. „Hallo, hier ist Ihr Briefträger. Ich lege Ihnen einen großen Brief vor die Tür, der passt nicht in den Briefkasten.“ Anstandshalber wartete ich bis der Briefträger das Haus verlassen hatte, dann öffnete ich die Tür. Potzblitz, ein Brief der städtischen Krankenanstalten. Na, bei dem Umfang sicherlich ein besonders langes Entschuldigungsschreiben, ist doch klar.

Leider war es nicht klar, es war eine lange, lange Rechnung, an deren Ende mir fast schwarz vor Augen wurde. Pro Tag kostete das Bett einen Preis, dafür hätte ich in Montreux im teuersten Hotel die Präsidentensuite mieten können und es wäre immer noch billiger gewesen.

Es ist wirklich ein Risiko, in diesen Zeiten U-Bahn zu fahren. Bleibt Zuhause!!!

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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