Was Unternehmen im Umgang mit Sucht helfen kann Interview mit Psychologie-Professorin Sabrina Krauss und Oberarzt Arne Lueg.

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Herr Lueg, Sie sind Oberarzt der Suchtmedizin der LWL-Klinik. Wie weit ist das Thema „Sucht“ in der Bevölkerung verbreitet?
Abhängigkeits- bzw. Suchterkrankungen sind insgesamt betrachtet ein weit verbreitetes Thema in der Bevölkerung. Gerade das Ruhrgebiet mit seiner ehemals hohen Dichte an Brauereien und Brennereien scheint eine gewisse Affinität zum Alkoholkonsum zu haben. So ist eine Geburtstagsfeier, auf welcher nicht ausgelassen Alkohol konsumiert wird, doch eher die Ausnahme. Vielmehr wird man schon beinahe mit Argwohn betrachtet, wenn man gar keinen Alkohol trinkt. So lag der Alkoholkonsum pro Kopf in Deutschland im Jahr 2017 bei etwa 10,9 Liter. Damit sind wir im Ländervergleich, laut Daten der WHO und der OECD, offiziell als Hochkonsumland ausgewiesen. Und auch die Wahrscheinlichkeit für Rauschtrinken an ein bis drei Tagen innerhalb eines Monats (30-Tage-Prävalenz) liegt für Männer immerhin bei 26,5 % und für Frauen bei 17,2 %.
Übrigens bereitet die ständige Verfügbarkeit von Alkohol vielen unserer Patienten durchaus Probleme.

Gibt es bestimmte Bevölkerungsgruppen, die besonders betroffen sind?
Von psychischen Erkrankungen stärker betroffen sind im allgemeinen Menschen aus Schichten mit geringerem Einkommen. Dies gilt natürlich auch für die Abhängigkeitserkrankungen. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass Betroffene auch eher der Gefahr eines sozialen Abstiegs, z. B. durch Jobverlust, ausgesetzt sind. Aber auch genetische Faktoren werden diskutiert. So ist bekannt, dass die Gefahr, selbst eine Suchterkrankung zu entwickeln, bei positiver Familienanamnese höher ist.

Wie lange kann es dauern, bis aus jemandem, der gerne trinkt, ein Patient in Ihrer Einrichtung wird?
Konkrete Zahlen liegen mir dazu nicht vor. Erfahrungsgemäß kann es aber durchaus Jahre dauern, bis sich ein Patient mit einer Abhängigkeitserkrankung bei uns in Behandlung begibt. Häufig erfolgt der Erstkontakt zu uns über die Familie, da der Leidensdruck nicht selten zunächst bei den nahen Angehörigen entsteht. Dann ist Motivationsarbeit gefragt, da viele Betroffene ja noch nicht über die Erkrankung aufgeklärt sind und entsprechendes Suchtverhalten z. B. als Charakterschwäche auffassen. Da gilt es dann Aufklärung zu betreiben.

Glauben Sie, dass Arbeitgeber etwas tun können, um die Suchtprävention zu unterstützen?
Arbeitgeber können aus meiner Sicht eine Menge tun, um die Suchtprävention zu unterstützen. So könnte ein Betrieb ab einer bestimmten Größe beispielsweise eine fachlich ausgebildete Sozialarbeiterin oder Psychologin einstellen, die Betroffene als direkte Ansprechpartnerin unterstützt. Viele Arbeitgeber verfügen bereits über entsprechende Maßnahmen. Ich denke aber, dass es diesbezüglich noch Ausbaubedarf gibt.

Frau Krauss, Sie sind Professorin für Psychologie an der SRH Hamm und bilden unter anderem Arbeits- und Organisationspsychologen aus. Welche Rolle spielen diese hinsichtlich des Themas Sucht?
Arbeits- und Organisationspsychologen sind oft in den Personal- oder in bestimmten Stabsabteilungen der Unternehmen angesiedelt und unterstützen vor allem Führungskräfte, aber auch Mitarbeiter durch z. B. Coachings, Seminare und individuelle Beratungen. Natürlich auch beim Thema „Umgang mit Sucht“. 

Wenn ein Mitarbeiter auffällig wird – dieser erscheint z. B. alkoholisiert im Betrieb –, wissen die Führungskräfte zumeist schon, dass etwas nicht stimmt und sie nun tätig werden sollten. Oft fehlt ihnen aber die Idee, was nun konkret zu tun ist. Hier setzen die Arbeits- und Organisationspsychologen an: sie schulen die Führungskräfte in den Themenkreisen Sucht und Prävention und bieten Gesprächsleitfäden an, die es den Führungskräften erleichtern, das Thema professionell und wertschätzend anzusprechen und weitere notwendige Schritte einzuleiten.

Darüber hinaus stellen die Psychologen einen vertrauensvollen Ansprechpartner innerhalb des Unternehmens dar, an den sich die Betroffenen selbst wenden können. Oft ist es für den Mitarbeiter viel einfacher, mit einer Person zu sprechen, die nicht in der Vorgesetztenfunktion steht. Sich seinem Chef zu offenbaren, ist weitaus schwieriger als sich einem Psychologen anzuvertrauen, der weder über die nächste Beförderung, noch über das Gehalt entscheiden muss. Nicht selten tragen die Gespräche zwischen Psychologen und Klienten dann dazu bei, dass die Betroffenen einen Weg in die Therapie, z.B. in die LWL Suchtklinik, finden. Die Arbeits- und Organisationpsychologen erfüllen somit eine wichtige Schnittstellenposition.

Wie genau funktioniert diese Überleitung dann?
Zunächst einmal muss die Person es selbst wollen bzw. für richtig halten. Dann können die Arbeits- und Organisationspsychologen darüber  informieren, was Sucht bedeutet und welche Möglichkeiten sich der betroffenen Person nun anbieten. Vielfach bieten die Arbeits- und Organisationspsychologen auch Kontaktadressen und Ansprechpartner an und beraten, wie der Klient mit der Familie oder Freunden sprechen könnte.
Zusätzlich können Arbeits- und Organisationspsychologen natürlich auch, und oft zusammen mit den Betriebsärzten, das Thema „Suchtprävention“ sehr gut in den Betrieben etablieren.

Zu den Personen:

Prof. Dr. Sabrina Krauss ist Professorin für Psychologie und Studiengangleiterin für die Studiengänge „Arbeits- und Organisationspsychologie“ und „Psychologie“ an der SRH Hochschule Hamm. Sie ist seit mehr als 10 Jahren psychologische Beraterin unterschiedlicher Wirtschaftsunternehmen, insbesondere zu den Themen Digitalisierung und Change Management.

Arne Lueg ist Psychiater und Oberarzt in der suchtmedizinischen Abteilung der LWL Klinik in Dortmund. Er ist langjähriger Experte für psychische Erkrankungen und hat sich auf die Therapie von Suchterkrankungen spezialisiert.

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