Originell muss es sein

Als ich an jenem zauberhaften Frühsommertag durch Düsseldorfs Altstadt wanderte, das herrliche Farbenspiel der untergehenden Sonne betrachtete, wie es sich an den malerischen Hauswänden brach, wurde es mir schlagartig klar. Eine Serie über die Altstadt fehlt in der deutschen Fernsehlandschaft.

Am gleichen Tag setzte ich mich an meinen Computer und entwarf die ersten Ideen. Nur wenige Tage später war es bereits im Reifestadium und ein Exposé, nebst Storyline und drei Anekdoten, waren fertig erstellt. Der Clou dabei, es sollte keine Prost- und Halligalli Kneipenoper werden, sondern alle Bereiche gehörten da rein. Und ich meine ALLE!

Da ist zuerst die Hausbrauerei Hermes mit ihrem Götter-Alt. Vater Hermes bekommt einen Schlaganfall und seine Tochter Tina, bisher als Bankfachwirtin tätig, nimmt unbezahlten Urlaub und springt ein. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der ewige Konkurrenzkampf durch die Großbrauereien, bergen ein unendliches Entwicklungspotenzial dramatischer Ereignisse. Die modernen Erscheinungen des allseits gefürchteten Outsourcings sind natürlich enthalten, nicht zu vergessen die Corona-Pandemie, die viele Betriebe an den Rand der Verzweiflung treibt.

Dann als Kontrast das sorglos fröhliche Leben der Gäste, die Originale der Altstadt, aber auch der kleine Laden von Oma Krause kommt hier nicht zu kurz, noch weniger die als „Kellerkind“ tätige Pia, liebenswert, charmant und hübsch, aber sie arbeitet halt im Halbdunkel im Souterrain eines Kaufhauses, nur dem Kenner schöner Frauen bleibt sie natürlich nicht verborgen.

 Leben pur.

All die vielen unterschiedlichen Menschen, ihre schrulligen bis lustigen Eigenschaften, die Verschmelzung von Wunsch, Realität, Tagträumen und vorstellbaren Begebenheiten machen diese Serie so interessant.

Natürlich in bildlich reizvolle Szenerie gesetzt, soll es doch den Zuschauern die gereifte Erkenntnis vermitteln: Da müssen wir unbedingt mal hin, da ist was los!

Vier lange Monate musste ich auf Antwort eines bekannten Senders warten. Zaghafte Nachfragen: … könnten Sie sich damit anfreunden? Zeichnet sich schon was ab? Möchten Sie mehr lesen?

Kurze Antwort: wir sind noch dran. Mmmh, klingt nicht mal schlecht. Vier Monate diskutieren diese netten Leute schon darüber? Muss ich gut sein …

Zumindest reichte mein Entwurf aus um den Sender, ungeachtet hoher postalischer Gebühren, zur Rückantwort zu animieren. Auch einen netten Brief hatte die Lektorin mir geschrieben: … durchaus nachvollziehbar, lebendig und gekonnt erzählt. Doch hatten wir den Eindruck, dass es dem Projekt an Originalität mangelt. Wir befürchten, dass es der Geschichte insofern nicht gelingen wird, das Interesse der Zuschauer zu wecken.

Autsch!!! Natürlich schmerzte solch eine Antwort meine Seele. Mein Ego war geknickt und auch das vorzügliche Alt einer besonderen Düsseldorfer Brauerei schmeckte an jenem Tag nicht mehr so wie früher. Selbst der lustige Portugiese, mein Schwiegervater in spe, konnte mich nicht aufheitern.

Originell soll es sein? War es das denn nicht schon?

Wenn Lilian Stengelschreck seit fünfundzwanzig Jahren den Mann fürs Leben sucht, trotzdem nur Restposten bekommt, die Geschwister Fürchterlich ihre berüchtigten Kneipenrunden drehen; Sandra mal wieder charmante Äußerungen tätigt: … du und gutaussehend? Jede dritte Mülltonne vielleicht, aber du doch nicht!

Der angetrunkene Kneipengast, der eine Pistole aus der Hosentasche zieht und Gäste bedroht, El Sympatico romantische Liebesgedichte an Nicole schickt, deren Freund darf darauf hin nicht mehr …; Kirsten auf ihre große Liebe Monika trifft, Thomas einen schwul-lesbischen Tanzklub auf die Beine stellt, der auch toleranten Heteros nicht verwehrt wird und last, but not least: Gudrun und ihre tief verwurzelte Leidenschaft für SM, viele Männer versuchten vergeblich noch schnell die Flucht. Vielleicht auch die Rock- und Countrysängerin Heidi (Künstlername: High-Dee); oder die reizende und hübsche Anne, die eigentlich Anne-Doerte heißt, darf aber nur ihr Chef zu ihr sagen. Wir vermuten, ein verruchtes Geheimnis umgibt diese Frau. Was mag es sein? Ganz zu schweigen von Charlotte und Ele, Legionen von Männern liegen ihnen zu Füssen. Was fangen die damit an? Pst, manche Dinge müssen einfach geheim bleiben.

Selbst die Tatsache, dass Plöner nicht unbedingt schöner sind, beweist ein Gast durch seine Anwesenheit in einem der angesagten Lokale. Zum Trost sei ihm gesagt, man muss ihn nur ausreichend schminken, dann sieht er vielleicht sogar gut aus.

 Finden Sie das tatsächlich nicht originell?  

 Also gut!  Hier kommt die maximal ultimativoriginelle Altstadt-Serie:

Braumeister Hermes bekommt beim Liebesakt mit seinem Bi-Freund Hermann eine Herzattacke. Tochter Tina, in der Identitätskrise sexueller Wünsche verfangen, mal Männer, mal Frauen vernascht, obendrein leicht nekrophil veranlagt ist, springt ein. Ihre progressive Reklameaktion beschert ihr Ärger mit dem Juniorchef eines Konkurrenzunternehmens. Sie erpresst ihn mit seiner geouteten Neigung zum Transvestiten. Das erbost den Bürgermeister der Stadt, weil dieser ein Verhältnis mit besagtem Sohn hat, seine Tochter hingegen nymphoman ist, im Stadtpark Männer überfällt, sich gar schändlich an ihnen vergeht. Die seit langem gesuchte Terroristengang FBF (Freie Bier Fraktion – tritt für Fremdbiersorten in Düsseldorf ein) verteilt kostenlos Kölner Bier an die Bürger, was eine Massenhysterie verursacht und die Uniklinik ist überfüllt. Der Polizeichef der Stadt, heimlicher Hauptaktionär von Hermes, ruft den Notstand aus. Da hat er aber nicht mit der Entschlossenheit der FBF gerechnet. Die entführen seine Nichte und machen sie Kölschabhängig. Ein Akt beispielloser Brutalität. Nach einem Befreiungsschlag durch die GSG-9 gestaltet sich die Entziehungskur als problematisch, weil das Kölsch die Gehirnzellen angegriffen hat und die Nichte sich als Erbauerin einer kleinen Kölner Dorfkirche (genannt: DOM) fühlt, Düsseldorfer Kultur vollkommen entsagt. Man muss sie in eine Nervenheilanstalt einweisen, wo sie eine schöne weiße Gummizelle bekommt. Auch der ihr zu Hilfe eilende Wunderheiler, Cousin Anton, der extra aus Tirol einreiste, vermag nicht zu helfen. Tragisch!

Selbstverständlich vergessen wir nicht Marlow und Lukas aus dem Rocklokal. Geben sich immer als Brüder aus und das sind vielleicht zwei Brüder …

Klarabella, Bardame aus dem FEMME FATAL, heiratet einen Gast und geht aus Enttäuschung über dessen beginnendes Desinteresse in ein Kloster, von wo aus sie fortan den sozial schwachen Mitbürgern aus der Not hilft, weil das Sozialamt aus Kostenersparnis keine Bordellbezugsscheine mehr ausgibt. Wahrhaft christlich gedacht, sagt man doch: Liebe Deinen Nächsten … usw., und wer ihr gerade am nächsten steht … der kann auf Mario Simmel schimpfen, weil Liebe eben nicht nur ein Wort ist, Klarabella ist eine Frau der Tat.

Susi und Giselle, zwei DER Schönheiten jener Kneipenszenerie, verteilen extrem dunkle Sonnenbrillen und Schutzanzüge an ihre Gäste, zu stark ist ihre Ausstrahlung, davor muss der Gast geschützt werden.

Rechtsanwalt Peter streitet mit Freundin Lilo um die letzte Flasche Killepitsch. Lilo schreit ihn an: lass das Zeug, du hast noch eheliche Verpflichtungen zu erfüllen, sonst kannst du nachher wieder nicht. Peter kontert erbost: deshalb will ich das Zeug doch … Wir ahnen, zwischenmenschliche Probleme, die sich äußerst emotional offenbaren. Nicht nur im Wein scheint Wahrheit zu liegen …

Diese dramatischen Momente im Leben der Düsseldorfer Altstadt sind sicherlich jedem Szenekenner nachvollziehbar geschildert. Denkt man sich dazu einen von Glassplittern gekachelten Burgplatz, vom Taubenkot entstelltes Jan Wellem-Denkmal und an Kirchengemäuer pinkelnde Altstadtbesucher, so wird dem Betrachter die Seele weit. Ein wahrhaft schönes Heimatepos.

Liebe und wirklich geschätzte Lektorin, ist es nun originell genug?  Vertrag und Scheck bitte an die Ihnen bekannte Anschrift.

Dieser Text, versandt als Brief, gedacht als witzig-ironische Reaktion auf eine etwas eigentümlich begründete Lektorierung eines privaten TV-Senders, wurde als Filmstoff behandelt und erneut lektoriert, dann mit einem Textbaustein versehen (… in der Redaktion diskutiert, blablabla …) und abgelehnt.

Offensichtlich werden dort die Lektoren dermaßen zugetextet, dass keine Zeit mehr verbleibt, um richtig zu lesen. Traurig, traurig, traurig, traurig …

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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