Hätte ich das nur vorher gewusst

Es begann mit einem Stadtbummel. Ich schlenderte so durch die Kaufhäuser, einfach mal gucken was es so alles gibt. Fernab jeglicher Kaufabsicht kam ich in ein grosses Spezialgeschäft für Unterhaltungselektronik. Natürlich war ich cool und abgeklärt, aber dann, also dann packte es mich.

Ein riesiger 125-Zoll Fernseher erregte meine begeisterte Aufmerksamkeit. Ein brillantes Bild, tolle Farben und dermaßen real, man wähnte sich mitten im Film. So etwas wird natürlich nicht nur extrem schön, sondern ebenso teuer sein.  War es auch, denn als ich den Preis sah, schnappte ich nach Luft.

Schon im Begriff das Haus zu verlassen, bemerkte ein Verkäufer meinen entrückt-begeisterten Blick. Prompt zog er mich am Ärmel zurück in den Shop und ein Wörterschwall technischer Begriffe erschlug mich regelrecht. Mal ehrlich, sagt Ihnen HDMI 12.0 etwas? Backlight mit lasergesteuerten Lichtdioden oder ein Ultraplasmamonitor mit gleichzeitigem Energiesparmodus und Umweltzertifikat? Ich kratzte mich am Kopf, alles böhmische Dörfer, ich wollte einfach bloß ein schönes Bild und nicht zu klein. Nur mein TV daheim war gegen dieses Monster natürlich eine fürchterliche Peinlichkeit, dringend musste ich ein Besuchsstopp verhängen, so soll niemand meine Wohnung sehen. Ein magerer 65-Zoll TV geht überhaupt nicht …

Ja, ja, aber der Preis … übersteigt ein ganz klein wenig meine Möglichkeiten … warf ich als verzweifelte Gegenrede ein. Darauf hatte der Mann nur gewartet, ein einladend freundliches Lächeln, „ … aber, aber, dafür haben wir unsere Finanzangebote. Sie zahlen in bequemen 680-Monatsraten, wobei die ersten 6 Monate Ratenfrei sind.“ Huch, das ist ja der Hammer! Langer Rede kurzer Sinn, jetzt steht er im Wohnzimmer, verdeckt zwar den Blick auf den Schrank, füllt beinahe das ganze Wohnzimmer aus, doch ein Bild hat der … also … haaaach …

Leider hatte ich die Realitätsgarantie falsch verstanden. Der TV war nicht nur nahe an der Realität, er war furchteinflössend real.

Zuerst sah ich einen Horrorfilm, Angst schnürte mir das Herz ab. Die kleinen Blutstropfen, die bereits aus dem TV liefen, übersah ich zuerst. Nach diesem Film wollte ich was für´s Gemüt tun. Selbstverständlich kam da nur „Vermisst“ in Frage. Wieder einmal wunderschönes Bild, ergreifende Geschichte. Die bildhübsche Sieglinde aus Dingsbumshausen sucht ihren Peiniger, dem sie vor über 20 Jahren die Tür wies und weil sie nun zu Jesus gefunden hat, will sie ihm verzeihen. Sandra muss ihn ausfindig machen. Also so etwas haut rein. Ich griff schon nach der großen Box mit den Papiertaschentüchern, da hörte ich so ein plätscherndes Geräusch. Zuerst störte mich das nicht weiter, weil die Moderatorin und Sieglinde gerade um die Wette heulten, doch dann sah ich die Bescherung. Was, zum Teufel geht hier vor? Aus meinem schönen neuen Fernseher floss die Tränenflüssigkeit in Strömen. Nicht einmal der Wischlappen, den ich darunter legte, konnte etwas ändern.

Als die Überschwemmung Dank weiterer tränenreicher Beiträge seinen Höhepunkt erreichte, hatten die zahlreichen bunten Fischlein in meinem Aquarium schon freien Auslauf quer durch die Wohnung … ich musste mein Kajak aus dem Keller holen um die Tierchen mittels Schleppnetz wieder einzufangen.

Der TV ging zurück an den Händler, real ist ja ganz nett, aber zu real muss Technik nicht sein. Außerdem brauche ich das Geld jetzt für die Stadtwerke. Der über die Steckdose gelieferte Strom reicht nicht aus, um all die Heizungsgebläse zu versorgen, die mir die Wohnung trocknen sollen. Eine 400-Volt Leitung musste gelegt werden.

Liebe und geschätzte Frau Eckhardt, hätten Sie eventuell eine Haftpflichtversicherung? Es würde mir ernsthaft helfen. Die notwendige Knete zur Schadensregulierung wird „vermisst“ …

Ich suchte das Geschäft auf, wo ich diesen TV erworben hatte, um den Kauf rückgängig zu machen. Der Verkäufer stimmte mich redegewandt wieder um. Für nur 600 Euro erwarb ich eine Auffangschale, die exakt unter den TV passte, bis zu drei Stunden Film durchhält mittels Absorbation von Tränen, Blut oder anderen Flüssigkeiten. Technisch auf dem besten Stand ever, wie man mir versicherte. Fleckenschutz durch Spezialbeschichtung aus der Weltraumtechnik. Rostfrei, edel designed, ein echtes „Must Have“.

Ein wenig war ich dann wieder versöhnt, doch dann gab es diese Sendung über die freiwillige Feuerwehr. Die Sache mit dem Feuer klappte, das mit den Löscharbeiten aber nicht. Das dazu nötige Wasser kam von draußen, weil mein Nachbar einen Löschzug angefordert hatte.

Jetzt interessiert mich nur noch eine Sendung: Willkommen im neuen Zuhause …

 

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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