Ischgl, Stadt des Heldentums

Als mein Redakteur mir auftrug ins Paznaun zu fahren, einer Heldenverehrung beizuwohnen und darüber zu berichten, wagte ich einen Einwand: „Der erste April ist doch schon lange vorbei …“, wurde ich sofort angemeckert. Er drückte mir einen dicken Umschlag in die Hand, dort steht drin wen ich wo und wann zu treffen habe, Hotel in Ischgl wäre schon gebucht, ab dafür!

Hat der wirklich Ischgl gesagt? Mami, ich bin doch noch so jung …, es verursachte etwas Panik in mir. Das war doch der Ort mit diesen vielen, vielen Corona-Opfern. Und da soll ich hin? Beinahe grenzte das bereits an vorsätzlichen Mord. Ein erneuter Versuch meinem Schicksal zu entgehen war umsonst, entweder ich fahre jetzt los, oder Kündigung. Redakteure können ja so gemein ein …

Nach acht Stunden Autofahrt, kurz hinter Landeck, hatte ich plötzlich ungewöhnlich viele Fahrzeuge diplomatischer Vertretungen vor mir. Dazwischen Security und Polizei. Ob es da eventuell ein Gipfeltreffen gab?  Genügend Gipfel umrahmen den Ort, wäre möglich.

Kaum im Hotel angekommen, erhielt ich eine Plakette, die muss ich immer tragen, es ist mein uneingeschränkter Zugang zu den Presseveranstaltungen. Heute Abend, so sagte die nette Dame an der Rezeption, also heute Abend sei das Highlight. Ursprünglich wollte sogar der schöne Sebastian kurz vorbeikommen, Grußworte sprechen, doch andere Aufgabe hielten ihn davon ab.

Zuerst schaute ich mich im Ort um. Schön anzusehen war er, keine Frage. Ein Schild an einem Haus erregte meine Aufmerksamkeit: Corona gibt es hier nicht mehr, wir machen wieder Fremdenverkehr. Eure Gabi, Rosi, Rosinrl und Zenzi. Ich staunte. Vor der Tür stand die scharfe Regina, sie lächelte mich an, gemma? Hat die wirklich Gema gesagt oder was meint die? Egal, der Presseabend rückte näher, ich las meine Instruktionen nochmals durch und begab mich in die bereits gut gefüllte Stadthalle.

Ich erhielt einen Platz in der zweiten Reihe zugewiesen, unmittelbar neben dem schwedischen Botschafter, der saß neben einem Vertreter der UNO und jener wiederum hatte einen Vertreter der Volksrepublik China neben sich sitzen.

Es kam ein Sprecher der Stadt Ischgl, stellte sich ans Podium und begann …

Liebe Gäste, verehrte Excellenzen, liebe Kollegen der Presse,

harte Tage liegen hinter uns. Verleumdungen, üble Nachrede und regelrechte Hetze erfuhren wir seit Ausbruch des berüchtigten Corona-Virus in unserer schönen Heimat. Wir, nur wir waren Schuld an der Verbreitung. Man mied uns, man warnte vor uns, wie Aussätzige sah man auf uns herab.

Wie sie inzwischen gemerkt haben dürften … Zwischenruf: Haben wir gemerkt …

Also wie sie gemerkt haben dürften, entsprach das absolut nicht den Tatsachen. Schon früh, sehr früh haben unsere Ischgeler Virologen und Forscher von Weltruf an der Bekämpfung jener Seuche Erkenntnisse erarbeitet, die nicht nur bahnbrechend, nein, sensationell neue Erkenntnisse brachten, welche von einigen Ländern bereits umgesetzt werden.

Es begann mit einem Stamperl, Hefen oder wie immer sie es nennen mögen. Je mehr man davon zu sich nahm, umso grösser war die innere Desinfektion. Zudem irritierte es das Virus, weil es zu torkeln begann und nicht mehr wußte wo es denn nun andocken sollte. Daraus ergab sich die Fragestellung nach der Dosis, als auch nach der Zusammenstellung. Vogelbeerschnaps wirkte nur mäßig, ein Obstler war auch nicht viel stärker, aber ein Schnapsrl aus jungen Zwetschgen, mit mindestens 60 Promille, lehrte ihm das Fürchten.  Weiterhin erarbeiteten wir das Konzept einer Durchmischung, was Schweden als erstes Land nach uns auch erfolgreich einführte.

Daher haben wir den geschützten Begriff: Ischgler Heilwasser für unseren Schnaps beantragt. Unnötig zu erwähnen das der amerikanische Präsident, als er davon erfuhr, seinen Bürgern gleichfalls empfahl flüssig zu desinfizieren, was leider zu falschen und gefährlichen Annahmen führte. Aktuell können wir derzeit noch nicht ausreichend Ischgler Heilwasser produzieren, weshalb wir sagen müssen: Austria first!

Heute können wir feststellen, Ischgl hat extrem wenige Erkrankungen zu verzeichnen. Die meisten unserer Bürger haben Antikörper gebildet, unser Konzept hat sich bewährt. Schreiben Sie darüber, machen sie den Menschen Mut uns und unser Heilwasser kennenzulernen. Ischgl ist ein Ort der Gesundheit, prost!

Donnerwetter auch!!! Heldenhaft trotzte man allen Anschuldigungen, bekämpfte überaus tapfer die Seuche und nun, strahlend wie Phönix in der Sonne, steht Ischgl da. Natürlich nahm ich deshalb zur Nacht etwas Ischgler Heilwasser zu mir. Nun verstand ich auch warum das Virus keine Chance mehr hatte, das Zeug hat nicht nur mich völlig umgehauen. Oder war es doch die Dosis? Meine Oma hat immer gesagt: viel hilft viel. Mal ehrlich, ein bescheidener Liter Heilwasser kann doch unmöglich zu viel sein … oder?

Alternativ gibt es noch die Schweiz, man sagt, dort gibt es diese Erkrankung nicht. Schweizer sind als langsam bekannt, so langsam sogar, dass ein Virus sich erstmals dann festsetzen kann, wenn es längst einen Impfstoff dagegen gibt. Hopp Schwyz!

 

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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