Wenn die neue Wehrpflicht kommt

Anfänglich erschrak ich, erinnerte mich an meine Zeit, als der Einberufungsbefehl einen kleinen Schrecken auslöste. Mami, was kommt da auf mich zu? Doch so schlimm, wie man denkt, ist es letztendlich doch nicht.

Um nun alle möglichen neuen Rekruten von jeglicher Skepsis zu befreien, informierte ich mich über den Ablauf einer modernen Grundausbildung. Hier ist mein absolut neutraler Bericht anhand eines fiktiven Einberufenen dargestellt:

Dieter, 19 Jahre alt, wohnhaft im Hotel Mutti, erhält den Einberufungsbescheid für einen zwölf monatigen Wehrdienst. Gleich nächste Woche, Zug um 7:15 nach Gifhorn, dort wird er abgeholt, Fahrkarte für die 1. Klasse lag bei.

Das war ein Schreck in der Morgenstunde. Wenn Dieter mitten in der Nacht den Zug besteigen soll, braucht er nicht mehr ins Bett zu gehen, da kommt man doch nicht mehr zu einem gesunden Schlaf.  Jener Tag brach an, Mutti weckte ihren Sprößling sanft, strich ihm über die Wange: „Dieterle, du musst aufstehen,  deine Kameraden warten schon …“ tatsächlich schaffte Dieter es, den Zug acht Sekunden vor Abfahrt zu erreichen, stopfte sich noch schnell das Hemd in die Hose, denn Mami bestand darauf, dass er beim Eintreffen einen guten Eindruck hinterließ.

Am Bahnhof in Gifhorn stand ein Oberfeldwebel, einen Strauß Blumen in der Hand, wartete auf Dieter: „Herzlich willkommen bei der Bundeswehr, schön sie bei uns zu haben. Leider ist unser VIP-Fahrzeug in der InSt (Instandsetzung), ich kann ihnen nur einen LKW anbieten. Unser Kommandant lässt ihnen seine Entschuldigung durch mich ausrichten. Ist ihm wirklich unangenehm.“

In der Kaserne angekommen fanden sich weitere Rekruten ein.  Die Zimmer wurden zugeteilt. Dieter war spontan über die karge Ausstattung befremdet. Sein Einzelzimmer hatte nur einen kleinen Flat-TV, die Minibar konnte man wörtlich nehmen, sehr Mini … und das Bett … eng und es entsprach auch nicht der üblichen Norm einer französischen Liegestätte. Harte Zeiten standen bevor.

Der Spies erklärte den Ablauf der nächsten Tage: „Soldaten, aus dem Verständnis heraus, alles ist neu und ungewohnt, haben wir eine Eingewöhnungsphase von fünf Tagen vorgesehen. Wecken um 11 Uhr am Vormittag, ich bringe den Kaffee und ein paar Kekse ans Bett, danach wird geduscht und angekleidet, gegen 15 Uhr Aufstellung auf dem Hof.“ Der Soldat neben Dieter raunte ihm zu, das wäre bereits eine brutale Härte, wie soll man so etwas überstehen? Ob die uns fertig machen wollen???

11 Uhr am nächsten Tag. Der Spieß brachte den Kaffee und die Kekse, doch schon gegen 12:30 Uhr erschien das Zimmermädchen, um das Bett zu machen. Dieter fühlte sich gehetzt.

15: 32 Uhr, Aufstellung im Kampfanzug. Der Spieß befragte die Soldaten, ob der Wäscheservice zu deren Zufriedenheit die Stiefel geputzt und die Klamotten ordentlich gebügelt hätte. Es wurde allgemein mit … na ja … beantwortet.

„Soldaten, wir beginnen heute mit einem Eingewöhnungsmarsch. Um sie nicht über Gebühr zu belasten, haben wir die Strecke angepasst. Sie werden mit leichtem Gepäck, bestehend aus einer Flasche Bier, Kabanossi und Chips, Hühneraugenpflaster und Wundsalbe, das nähere Gelände erkunden. Zwei Sanitäter werden uns begleiten. Wer einen Schwächeanfall bekommt, sofort melden!“

Dann ging es los. Zuerst über eine Wiese, kurz am Waldrand entlang, dann durch ein Feld. Hier erhielten die Soldaten Gelegenheit ein paar Kornblumen zu pflücken, um ihre Stube zu verschönern. Nach diesem 1,5 Kilometer langen Gewaltmarsch, die ersten Rekruten fuhren im Sanitätswagen zurück, kam alle wieder in der Kaserne an.

So vergingen die Tage, Dieter träumte gerade von Zuhause, als ein schriller Ton, schon um 9:00 Uhr in der Frühe, die Soldaten aus dem Schlaf riss. ALARM!!! Jetzt ging es aber los, der Spieß entschuldigte sich kurz für die Unterbrechung des Gesundheitsschlafs, aber Alarm ist Alarm. Nicht einmal Kaffee und Kekse wurden gereicht. Unmöglich, diese Art eine Truppe zu führen. Die morgendliche Kälte von plus 18 Grad schlug den Soldaten ins Gesicht, nun zeigte sich der Vorteil der Thermounterwäsche. Auch die Klimaanlage auf dem Truppentransporter half diese furchtbare Erfahrung zu meistern. 

Im Camp angekommen, wurden die beheizbaren Zelte aufgebaut. Zwei schlimme Tage sollten die Jungs hier kampieren. Weil Natur nun einmal Natur ist, fanden sich auch bald ein paar Krabbelviecher ein. Die Schreckenschreie der Soldaten hörte man bis in den nahe gelegenen Ort.

Schießübung! Waffen wurden ausgegeben. Dieters Kamerad Andy verweigerte den Dienst an der Waffe sofort. Aus ethisch-moralischen Gründen, wie er betonte. Da half auch das flehentliche Bitten des Kommandeurs nichts, Andy blieb bei seiner Einstellung. Der Truppenpsychologe erklärte Andy, es sind doch nur Wasserpistolen, die tun nicht weh, verletzen auch keine anderen Lebewesen, da kann er doch ruhig mal mitspielen. Mürrisch willigte Andy ein.

Es knatterte laut in der Nähe. Ein Hubschrauber landete auf einer Waldlichtung. Alle Soldaten sollten ihr Marschgepäck umschnallen, den Stahlhelm aufsetzen und zum Hubschrauber gehen. Einige der Männer meckerten über den schlechten Tragekomfort der Helme. Doch der Spieß bestand darauf, es sei doch nur zum Schutz vor herabfallenden Blättern. Verletzte will man nicht.

Alle nahmen Platz und der Hubschrauber hob ab, etwa 40 Minuten sollte der Flug dauern. Nun merkten die Männer erstmals, was für beinharte Kerle sie geworden waren. Obwohl keine Stewardess an Bord war, weder Sandwich noch Drinks gereicht wurden, ertrugen sie tapfer die Tortur. Nur Andy wollte sich beim Wehrbeauftragten beschweren.

Nach der Landung stellte man fest, ein Sumpfgebiet liegt zwischen uns und der Kaserne. Muss man etwa durch das schmutzige Wasser laufen??? Erst als der Spieß versicherte, man könnte ihm nach Rückkehr die verschmutzen Klamotten zur Reinigung übergeben, beruhigte sich die Lage etwas.

Kaum in der Kaserne zurück, Abendessen war fertig zur Ausgabe, wurden die Männer schon wieder hart rangenommen. Es gab nur acht verschiedene Essen im Angebot, und nicht ein einziges Menü hatte mehr als drei Gänge. Einfach unmöglich!

Doch auch hier zeigte sich wieder die Fürsorge der Truppenverwaltung. Der Chor der Stabsoffiziere sang den Soldaten zur Nacht noch ein Lied: Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein …

Kurzum: Die zwölf Monate Wehrdienst zogen sich bei all den Anfordernissen total in die Länge. Es war eine wirklich harte Zeit der Entbehrungen, Prüfungen, Belastungen, unter Verzicht auf persönlichen Komfort.

Jawohl, die mögliche Neueinführung der Wehrpflicht verlangt viel von jungen Männern ab, aber dafür sind es nach Beendigung dieses Dienstes knallharte Männer vor denen ein möglicher Feind das Zittern bekommt.

 

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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