Ein Sommermärchen

Die fortschreitende Humanisierung hat auch vor dem Knast nicht haltgemacht. Bestes Beispiel dafür ist Halle/Saale. Ein Außenposten des ehemals berüchtigten Gefängnisses Roter Ochse wurde in einen Stadtteil verlegt, dessen Name tatsächlich Frohe Zukunft lautet. Also wenn das nicht ein Zeichen der Hoffnung ist?

Erleben Sie anhand einer fiktiven Inhaftierung wie es dort zugeht.



Lonzo Müllermeier, stadtbekannter Kleinganove, feierte gerade mit ein paar Freunden die fünfundzwanzigste Bewährungsstrafe, als ein Streifenwagen vor seiner Mietskaserne hielt. Ihm entstiegen drei Polizisten und sein Bewährungshelfer. Dieser verkündete Lonzos sofortige Inhaftierung wegen diverser Verstöße gegen dessen Bewährungsauflagen.

Lonzo bekam es mit der Angst. Niemals zuvor war er in einem Gefängnis gewesen, man hörte doch immer schlimme Sachen darüber. „Wo bringt ihr mich jetzt hin?“ Seine zitternde Stimme konnte die Angst nicht verbergen. Die Polizisten klopften ihm auf die Schulter: „Du kommst in die Frohe Zukunft, also so schlimm wird es schon nicht.“

Der Streifenwagen fuhr durch das Eingangstor, Lonzo musste aussteigen und wurde von zwei JVA-Bedientesten in Empfang genommen. Kurze Aufnahme der Personalien, dann ging es zum Schneider, der für die Strafgefangenen vorgesehene Anzug sollte gut sitzen. Der Name Frohe Zukunft verpflichtet!

Lonzos Zelle war auch nicht so schlimm, wie es in manchen Spielfilmen immer gezeigt wird. Ein französisches Bett, Flachbild-TV und natürlich ein PC, Direktverbindung mit dem Knastnet, Informationsaustausch fördert die Bereitschaft zur sozialen Neuintegration, wie der Knastpsychologe bestätigte.

Es klopfte an der Zellentür, ein Beamter trat ein und stellte sich kurz vor: „Ich bin Johann, ich schließe sie am Abend ein, damit keine Einbrecher in ihren Wohnraum eindringen können. Hier ist ihre Menükarte, dort müssen Sie noch ankreuzen welches Frühstück sie möchten, dazu die Menüwahlkarte für das Abendessen und um welche Uhrzeit ich es ihnen servieren darf. Dann möchte der Direktor gerne wissen, möchten sie für ihren TV ein HD Zusatzprogramm? Unser Name ist uns nämlich Programm, Frohe Zukunft wird bei uns wörtlich genommen. Ach, beinahe vergessen, es gab in letzter Zeit Klagen einiger ihrer Kollegen. Die Stereo-Anlage hat ab und zu ein paar Tonaussetzer. Sollte das bei Ihnen auch der Fall sein, einfach klingeln, ich schicke dann einen Service-Techniker vorbei.“

Lonzos anfängliche Nervosität wandelte sich langsam zu einem wohligen Gefühl. Er fühlte sich gut aufgehoben und verstand auch nicht mehr, wieso man Angst vor solch einer Einrichtung haben konnte.

Nachdem dann am nächsten Tag das erste Frühstück verputzt wurde, gab es ein kleines Manko. Nur ein einziges Mittagsmenü, allerdings von einem Sterne-Koch zubereitet, das versöhnte mit dem minimalen Angebot etwas.

Abendessen: Also das war eine Wucht! Zwischen den verschiedensten Leckerbissen konnte man seine Auswahl treffen, es mundete vorzüglich, dazu der freundliche Johann, dem Lonzo nun spontan das Du anbot. Wir merken, Resozialisierung ist nicht nur ein Wort …

Am Ende der Eingewöhnungsphase kam Lonzo in eine Arbeitsgruppe. Es wurden Sitzmöbel in der Knastschreinerei hergestellt. Wer besonders fleißig war, wurde am Umsatz beteiligt. Manch langjähriger Insasse kam so zu einem ansehnlichen Kapital. Diese Möbel waren ausgesprochen hochwertig, wurden immerhin von Sitzexperten hergestellt. Natürlich führte das gelegentlich zu Übermut. So kam es vor, dass einige Insassen über einen Makler die JVA aufkaufen wollten und eine Wohlfühloase daraus zu machen. Es gab ein finanziell attraktives Angebot, leider scheiterte das an einigen ultra-konservativen Verwaltungsbeamten, die noch nicht begriffen hatten wie die Zeiten sich verändern.

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Lonzo erlebte einen Schreckenstag, die Entlassung stand an. Er flehte, er bettelte, ein Leben ohne Frohe Zukunft ist ein unzumutbarer Härtefall. Doch es half nichts. Johann versprach ihm aber zum Trost, er würde jedes Jahr zu Weihnachten eine Grußkarte von der JVA bekommen. Zusätzlich käme sein Foto in die Eingangshalle als Knasti des Monats, weil er sich so vorbildlich verhalten hat.

So endet dieses Sommermärchen als auch die frohe Zukunft für Lonzo. Wer aber mal nach Halle/Saale kommt, der findet sogar eine Straßenbahn, deren Endhaltestelle Frohe Zukunft heißt, es ist die Linie 1. Man muss also nicht extra einen Streifenwagen dazu bemühen.

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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