Nur ein Verdacht

Zur Erklärung vorab dies: Kürzlich tauchten in einigen Medien ein Foto und ein Bericht auf, der von Mädchen in angeblich rechtsextremer Aufmachung sprach. Zwar gab es tatsächlich uniformähnliche Hemden, sehr lange Röcke und Zöpfchen gab es auch. Mehr war dem Bericht nicht zu entnehmen, überzeugende Fakten zum Thema Rechtsextremismus fehlten, es könnte sich eventuell sogar als völlig anders gedacht herausstellen. Weil aktuell aber immer und überall manche Menschen das Gras auch dann wachsen hören, wenn gar kein Gras vorhanden ist, kam ich nicht umhin meinen Senf dazu zu geben. Bitte schön:

-.-



Es war ein schöner Frühlingstag. Nicht zu heiß, angenehme 25 Grad am nahegelegenen See eines kleinen Städtchens in Sachsen. Die Vögelein zwitscherten ein Lied, die Grillen zirpten und … hallo, was ist das denn? Aus der Ferne hörte man Gitarrenklänge, Mädchenstimmen, die sich langsam näherten. Im Schilfgebüsch bewegte sich etwas, kurz blitzte das einfallende Licht auf die Linse eines Fernglases, dann schob sich ein Antennenstab hervor: „Mücke 5 an alle, Zielobjekt nähert sich, unbedingt in maximaler Deckung bleiben, Richtmikrofone an.“ 

Was war da los? 

Eine Gruppe junger Frauen näherte sich. Drei der Girls hatten sich Klampfen umgehängt, alle sangen: „Damals, damals … (wir erkennen das Lied von Bärbel Wachholz) … war alles so schön.“

„Mücke 12 an Mücke-Leiter, verfassungsfeindliche Gesänge beweiskräftig aufgenommen, Ende.“

Die Mädchen kamen näher. Lange Röcke, Hemden die Ähnlichkeit mit einer Uniform hatten, an der linken Ärmelseite ein aufgesticktes Emblem, das einem teuflischen Wotansknoten recht ähnlich sah. Dazu waren alle blond und trugen lange Zöpfe. Der Verdacht des Grauens erhärtete sich zusehends.

„Mücke 3 an Zentrale. Eines der Mädels öffnet ihren Zopf, flicht ihn neu, rechtsherum …!!!“

„Zentrale an alle Mücken, bitte rechtslastigen Beweis mit der Kamera aufnehmen, Drohnenunterstützung ist unterwegs.“

Während dessen setzten sich die jungen Frauen in einem Kreis zusammen und begannen Wiesenblumen zu pflücken, aus denen sie Kränze flochten, die sie sich auf den Kopf setzten. Dazu sangen sie wieder ein Lied: „Komm lieber Mai und mache …“

„Mücke 3 an Aufnahmeteam. Ist dieser Mai bekannt? Falls nicht, sofort ein Dossier anlegen, den Typ in die Observationsliste aufnehmen, dringende Überprüfung erforderlich, da steckt mit Sicherheit ein demokratiefeindlicher Aufruf dahinter. Wir müssen unbedingt wissen, wozu der hier aufgefordert wird!“

„Aufnahmeteam an Zentrale. Wir haben gerade die Tonlage analysiert. Es wird nur in C-Dur gesungen, C wie Chaos … Dur wie duration … demnach Chaosdauer … und die angeblich unbedenklichen Liedtexte scheinen verschlüsselt zu sein, wir arbeiten noch daran.“

Kurze Funkstille, dann:

„Zentrale an alle. Bitte vorsichtig zurückziehen, Das Material werden wir durch unseren Zopf-Analytiker auswerten lassen. Sie könnten in unmittelbarer Gefahr sein, verlassen sie den operationellen Observationsbereich.“

Inzwischen hatten sich einige Mädchen entkleidet, wollten in den See hüpfen. Dabei bemerkten sie einen Mann in Tarnkleidung hinter einer großen Kamera im Gebüsch. „Hilfe, ein Spanner, Polizei …!!!“ Laut schreiend liefen die Girls herum, es war nicht einfach für die demokratiefreundlich gesinnten Einsatzkräfte sich in Sicherheit zu bringen. Der entdeckte Kameramann musste natürlich geopfert werden, wie man das aus Spionage-Thrillern so kennt, indem man ihn allein und hilflos zurück ließ.

Tatüü Tattaaaaa, mit hoher Geschwindigkeit brauste ein Streifenwagen der örtlichen Polizei heran.

Was dann passierte, lässt sich am besten dem abschließendem Observationsbericht entnehmen.

Hein Fröhlich, Leiter Gruppe Aufklärung.

Zusammenfassung bisheriger Erkenntnisse bezüglich demokratiefeindlicher Frauengruppen.

Aufmerksam wurden wir durch den Hinweis eines Kollegen, dessen Ehefrau als Lehrerin am städtischen Gymnasium tätig ist. Ihr waren einige Schülerinnen merkwürdig erschienen, die sich ausgesprochen verdächtig verhielten. Sie erzielten Bestnoten in allen Fächern, waren ungewöhnlich lernwillig und fleißig. Kamen täglich zum Unterricht und verweigerten den üblichen freitäglichen Schulstreik, begründeten es damit, für eine bessere Welt intensiv lernen zu wollen. Dies war unser Ansatzpunkt.

Schnell ließ sich erkennen, hier gab es erschreckende Auffälligkeiten. Die jungen Frauen, alle kurz vor dem Abitur, trafen sich in der Freizeit zum Wandern. Dabei suchten sie überwiegend alte deutsche Burgen auf, schwärmten u.a. für Musik von Richard Wagner, huldigten der Natur, lasen Literatur, in welcher alte germanische Göttersagen den Hauptteil bildeten. In den von ihnen favorisierten sozialen Medien konnten wir keinerlei negative oder gar hasserfüllte Kommentare lesen. Weiterhin führten sie nach außen hin ein extrem unauffälliges harmonisches Familienleben, es konnte keinerlei Streitigkeit zwischen den Familienmitgliedern verzeichnet werden. Die absolute Abnormalität. So etwas ist immer verdächtig!!!

Durchaus ein krasser eklatanter Widerspruch zum Verhalten der heutigen Jugend.

Keine Drogen, keine Gewaltorgien, keine Party, nicht einmal alkoholische oder sexistische Exzesse, Teilnahme an Demos kamen gleichfalls nicht vor. Ein ausgesprochen suspektes Verhalten. Selbst musikalische Höhepunkte bestimmter Rockgruppen lehnten sie ab. Da steckt eindeutig mehr dahinter!

Die Entdeckung von Mücke 7 während der Observation lässt Rückschlüsse auf Schulungen zu, wie sie von verfassungsfeindlichen Kräften angeboten werden. Unser Agent war durch einen Gilly-Anzug perfekt getarnt, nur sorgfältig geschulte Agenten konnten ihn im Schilf vermuten und letztendlich ausfindig machen.

Als besonders kaltschnäuzig muss man den Schrei nach der Polizei werten, ebenso die geschickt verdrehte Äußerung einen „Spanner“ entdeckt zu haben. Spontan mussten wir die Observation abbrechen, Mücke 7 vorübergehend dem Polizeigewahrsam überlassen, um unsere Tarnung nicht auffliegen zu lassen.

Fazit: Wir haben es mit einer besonders raffinierten Bewegung zu tun, deren Zielsetzung sich derzeit noch nicht einschätzen lässt. Wir empfehlen dringend die genaue Beobachtung aller scheinbar unauffälligen, angepassten, friedfertigen Jugendlichen. Ein neuer Trend demokratiefeindlicher Kräfte muss angenommen werden. 

Im Übrigen empfehlen wir durch Klubs, Saufgelage usw. die Stärkung bekannter Jugendaktivitäten zu fördern, um einen massiven Gegenpol zu setzen.

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Spontan warf ich die alte Schallplatte von Bärbel Wachholz auf den Müll, meldete mich bei einigen Demos an, man will ja nicht unangenehm auffallen. Ruhiges Verhalten entspricht scheinbar nicht dem Zeitgeist. Schöne neue Welt … Hallo James Bond, retten Sie uns?! Sonst bitte ich Miss Marple um Hilfe! Herrn Poirot bat ich bereits um ein Gutachten und Kommissar Maigret rief mich an, er will mich in meinen Bemühungen unbedenklichen Wohlverhaltens unterstützen. Sein Freund, Sherlock Holmes sprach mit Marlowe auch schon darüber, Jessica Fletcher hat gerade das Flugzeug zu mir bestiegen. Eigentlich wollte sie Inspektor Columbo mitbringen, doch der kriegt ein neues Glasauge, kann darum nicht kommen. Magnum hat sich mit Higgins zurückgezogen, recht enttäuschend.  Pfarrer Braun will nicht helfen, ich soll zuerst mal Kirchensteuer bezahlen. Krause fährt lieber Motorrad, den kann ich demnach abhaken. Da bleibt mir nur noch Schimanski, wenn der nicht gerade wieder irgendwelchen Rotlichtdamen aus dem Pott nachläuft. Und ich dachte immer, das Leben ist einfach nur problemlos schön, errare humanum est als auch mea culpa.

P.S. Wenn alle Stricke reißen, fahre ich nach Hengasch und bitte Sophie Haas um Unterstützung. Dann geht´s aber ab!

Angelika Schnell aus Wien wäre sicherlich auch eine Option, aber sie mochte die Imbißbuden bei uns nicht, ihr Weaner Chinees bleibt ihr Favorit. Soon Pech … Dahoam is dahoam wörtlich genommen …

Ich sollte eine Auszeit bei Schwester Hanna im Kloster Kaltenthal nehmen, Weißbier mit Herrn Wöller trinken und schon lernt man -um Himmels Willen- ganz, ganz andere Probleme kennen.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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