Cradle to Cradle als Lösung für Gebäude und Städte der Zukunft

Der C2C Summit Bau & Architektur 2020 am gestrigen Dienstag hat gezeigt, dass das innovative Kreislaufprinzip Cradle to Cradle in der Bauwirtschaft eine immer wichtigere Rolle spielt. Die Zahl der Architekt*innen, Planer*innen und Immobilienentwickler*innen, die sich mit gesunden, kreislauffähigen und rückbaubaren Gebäudestrukturen beschäftigen, wird immer größer. Und das ist aus Sicht von Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen, geschäftsführende Vorstände von Cradle to Cradle NGO, auch dringend notwendig. Denn nach wie vor ist das Bauwesen in Deutschland für mehr als 60% des Abfallaufkommens verantwortlich. Daneben ist die Bauwirtschaft eine der ressourcenintensivsten Branchen. Und beide Entwicklungen können wir uns mit Blick auf Megatrends wie Urbanisierung und Bevölkerungswachstum sowie Umwelt-, Klima- und Ressourcenproblemen nicht länger leisten.

 

"Wir freuen uns, dass wir unsere erste physische Veranstaltung seit Februar mit einer so hochkarätigen Besetzung durchführen konnten. Die Diskussionen und Praxisbeispiele haben gezeigt, dass Cradle to Cradle in der Bauwirtschaft angekommen ist und für Architekt*innen, Projektentwickler*innen und Bauunternehmen eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Es braucht allerdings verlässliche politische Rahmenbedingungen, um überall gesunde und kreislauffähige Büro- und Wohnimmobilien zu finanzieren und zu bauen und so die Zukunftsfähigkeit von Städten zu sichern“, so Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen.

 

Den Auftakt der Veranstaltung machte in der Oberhafenkantine in Berlin Regula Lüscher, Staatssekretärin in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen „Der achtsame Umgang mit Ressourcen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zugleich liegt darin eine Chance, der vielleicht größte Innovationsbeschleuniger unserer Zeit“, sagte die studierte Architektin vor rund 50 Gästen aus sämtlichen Bereichen des Bauwesens. Auch die Stadt selbst wolle ihren Teil dazu beitragen, so Lüscher, und nannte den Umbau des Flughafengeländes Tegel als Beispiel. Dort soll ab 2021 ein Stadtquartier, unter anderem nach Cradle to Cradle-Kriterien, entstehen. Die darin enthaltenen 5000 Wohneinheiten aus Holz emittieren Lüscher zufolge nicht nur 80% weniger CO2 als bei einer konventionellen Bauweise. Darüber hinaus fielen auch die Baukosten um 25% geringer aus, so die Staatssekretärin.

Jasna Moritz, Partnerin bei Kadawittfeldarchitektur, zeigte am Beispiel des Moringa-Wohnkomplexes in der Hamburger Hafen-City, dass Bauen nach Cradle to Cradle mitnichten nur bei Bürogebäuden relevant und umsetzbar ist. „Bei Moringa geht es auch darum, die Massentauglichkeit von C2C im Wohnungsbau zu testen“, sagte Moritz. Rund 1,5 Jahre hätten das Aachener Architekturbüro Kadawittfeld mit der Stadt Hamburg und der Landmarken AG über das Projekt diskutiert und es Stück für Stück nach Cradle to Cradle entwickelt. „Es ging uns neben den ökologischen auch um soziale Aspekte“, so Moritz. Daher sei Cradle to Cradle der richtige Ansatz gewesen. So ist ein Teil des Gebäudeensembles für sozialen Wohnungsbau ausgelegt. Mit jedem weitere Wohngebäude, zeigte sich Moritz sicher, würden die aktuell noch anfallenden Mehrkosten geringer.

Die Erfahrung hat auch Edwin Meijerink gemacht, CEO des Immobilienentwicklers Delta Development Deutschland. Aktuell arbeitet sein Team am C2C-Projekt Pulse Berlin. Das niederländische Unternehmen gehört zu den erfahrensten C2C-Immobilienentwicklern und steht unter anderem hinter dem niederländischen Business Park 2020. Für Meijerink lässt sich die Motivation von Delta, sich auf C2C-Immobilien zu spezialisieren, ganz einfach erklären: „Wir versuchen, für die nächste und übernächste Generation zu bauen. Wir haben keine Zeit mehr, so weiter zu bauen wie bisher. Denn was wir aktuell überwiegend bauen, wird zu 80% zu Abfall“, sagte er. Im Gegensatz zu den Anfangszeiten des Park 2020 könne Delta beim Pulse Berlin auf deutlich mehr Materialien zurückgreifen, die Cradle to Cradle entsprechen – und damit kontinuierlich im biologischen oder technischen Kreislauf zirkulieren können, gesund für Mensch und Umwelt sind und reversibel verbaut werden können. Das führe auch dazu, dass die Kosten für C2C-Gebäude immer weiter sinken. „Ein C2C-Gebäude kann heute noch mehr kosten. Aber die Preise gehen schon nach unten und es wird von Projekt zu Projekt günstiger“, so Meijerink.

 

C2C-Gebäude lohnen sich auch finanziell

 

Bei dieser Rechnung liegt der Fokus allerdings auf der Anfangsinvestition, wie Meijerink im anschließenden Gespräch mit Griefahn, Martin Pauli (Leiter Foresight Beratung beim Ingenieurbüro Arup) und Benedikt Scholler (Niederlassungsleiter Engineering beim Immobilienunternehmen Drees & Sommer) deutlich machte. Auf die Nutzung von mehreren Jahrzehnten gerechnet führen indes – je nach Nutzungsszenario – mehrere Dinge dazu, dass im Zweifel Kosten gespart werden. „Die niederländische Stadt Venlo spart bei ihrem C2C-Rathaus beispielsweise rund 16 Millionen Euro über die Nutzungsdauer von etwa 40 Jahren ein. Und das bei zusätzlichen Anfangsinvestitionen von 3 Millionen Euro“, wie Nora Sophie Griefahn einordnete. Unter anderem, weil durch die gesunden Räume die Krankheitstage der dort Beschäftigten geringer sind als früher. Drees & Sommer arbeitet gerade daran, wie die Rohstoffwerte von C2C-Gebäuden erfasst und die die Bewertung und die Grundbucheinträge eingehen können. Scholler ist überzeugt, dass die Weiterentwicklung von nachhaltigem Bauen nach Cradle to Cradle unumgänglich und bereits im Gange ist. „Wenn wir heute eine Mieterbaubeschreibung von Unternehmen bekommen, dann entsprechen die Kriterien darin Cradle to Cradle“, sagte er. Speziell die Materialgesundheit, so Scholler, sei für Mieter oft bereits ein entscheidendes Kriterium. Allerdings, so warf Arup-Experte Martin Pauli ein, hänge es nach wie vor stark von einzelnen Personen oder Unternehmen ab, ob diese Vorgaben dann auch zu einer Umsetzung nach Cradle to Cradle führten. Zwar werde die Politik bei diesem Thema zunehmend aktiver. Er befasse sich derzeit beispielsweise im Auftrag der Bundesregierung in einem Projekt mit Zukunftsszenarien für das Bauwesen, in denen Nachhaltigkeit und Ansätze wie C2C natürlich eine zentrale Rolle spielten. Es sei aber auch essenziell, so Pauli, „von Pilotprojekten weg hin zur Serie zu kommen“. Dazu müssen man nicht nur in einzelnen Gebäuden, sondern stärker in Richtung Stadt- und Quartiersentwicklung denken.

Cradle to Cradle muss bewertbar werden

Zu dieser Entwicklung beitragen würde es, wenn Institutionen wie die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) Cradle to Cradle in ihren Kriterienkatalog aufnähme. Martin Hoffmann (Vorsitzender des DGNB-Fachausschusses) räumte ein, dass dies noch nicht der Fall ist, er aber mittelfristig damit rechne. „Bisher ist C2C in der Zertifizierung ein Bonusthema. Wir merken aber, dass das Thema für viele wichtig ist. Daher muss man es einbringen und bewertbar machen“, so Hoffmann. Das würde dazu beitragen, dass auch für Banken deutlich werde, dass ein Bau nach C2C bestimmte Risiken verhindere. Laut Marc-Henning Sass, der beim Glashersteller AGC Interpane Architekten berät und sich auf C2C spezialisiert hat, ist dieser Prozess indes bereits angestoßen. Große Investoren drängten Unternehmen immer stärker zu mehr Nachhaltigkeit. „Nachhaltigkeit bedeutet für diese Investoren, dass sie künftig kein Geld verlieren“, so Sass im abschließenden Gespräch mit Pauli, Christoph Felger (Partner bei David Chipperfield Architects) und Tim Janßen. „Ich würde mir wünschen, dass in diesem Kontext auch Cradle to Cradle sichtbarer in der Gesellschaft wird“, so Sass. Der Architekt Felger rief die Branche indes zum einen zu mehr Risikofreude bei der Umsetzung innovativer Ansätze wie Cradle to Cradle auf. Zum anderen sei aus seiner Warte als Architekt bei der Diskussion um die Zertifizierung und Bewertung von C2C-Gebäuden ein Punkt unverständlich: „Warum muss ein Haus am Ende wertlos sein, weil der Materialwert nicht beachtet wird?“, fragte er. Vor dem Hintergrund von Ressourcenknappheit und Müllbergen sei dies ein ihm unverständlicher Ansatz. Dieser Aussagen stimmte auch Tim Janßen voll zu. „Bei Cradle to Cradle im Bau geht es ausdrücklich nicht nur darum, Materialien zu zertifizieren. Es geht vielmehr um eine ganz andere Baukultur und eine andere Denk- und Herangehensweise an das Design von zukunftsfähigen Gebäuden“, fügte er hinzu.

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