Abstand ist Trumpf

Endlich war es wieder einmal so weit. Die ganze Nation fieberte am heimischen TV der überaus beliebten Kuppelshow zu. Aufgrund des großen Erfolgs hatten sich die Macher entschlossen eine Live-Veranstaltung zu Ehren der fünfundzwanzigsten Sendung zu gestalten. Dazu mietete man ein Fußballstadion, wo drei Kandidaten, verteilt über das Feld, Fragen ihrer zukünftigen Partnerin, welche auf der Tribüne saß, beantworten mussten. Natürlich benötigte man auch ein Publikum. Die Atmosphäre einer Live-Veranstaltung wäre sonst nicht komplett gewesen. Daher wurden 25 Zuschauer eingeladen und auf die Plätze im Stadium verteilt.

Zuerst erschien der Moderator vor der Kamera. Konnte man aber anfänglich nicht sehen, weil noch eine Maske über der Linse lag. Nachdem aber ausreichend Abstand hergestellt wurde, entfernte man die Maske von der Kamera, fing das Konterfei des Moderators mittels Tele ein.

Moderator:

Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren, hallo liebe Kandidaten und ein herzliches Willkommen zu Chrissy, unserer Maskenkönigin. Ich bin schon sehr gespannt mit welchen Fragen Du Deine Auswahl triffst. Auf geht’s …

Tosender Applaus der 25 Zuschauer, Der Tontechniker musste den Level ganz nach unten stellen.

Chrissy:

Kandidat 1, ich komme aus der Schweiz, bin bodenständig, aber auch manchmal sehr romantisch und fordernd, odder. Wie würdest Du mich von Dir überzeugen?

Kandidat 1:

Liebe Chrissy, dette is doch janz einfach, wa? Ikke koofe nen jroßen Blastiksack, dann jehe ick mit Dir uff nen Schwoof ins Desinfektionsbad. Wenn de denne desinfiziert bist, kriste den Sack üwwer jezogen und dann drück ikke Dir janz janz dolle, wa?! Nüschte soll zwischen uns sein, als ein dünner Plastefilm.

Chrissy kratzte sich am Kopf, murmelte etwas wie nume nid gschprängt (nun mach mal langsam …) und wandte sich an Kandidat Nummer zwei.

Kandidat 2:

Chrissylein, ich wohne seit Kurzem nicht weit weg von Dir, im schönen Schwabenländle. Darum mag ich auch die Berge und Ausflüge in die freie Natur. Mit Dir würde ich Gipfel erklimmen. Du auf dem Piz Nair, ich auf dem Feldberg und dann rufe ich Dir über Funk zu: Bischt mei Scheißerle!

Chrissy zeigte sich gerührt, Ihre feuchten Augen durchnässten die Maske, Ein Assistent ließ ihr per Drohne eine Ersatzmaske zukommen.

Chrissy:

Kandidat 3, leicht hast Du es jetzt nicht mehr, Hättest Du auch noch ein überzeugendes Angebot?

Kandidat 3:

Ach Chrissy, die zwei anderen Kandidaten tun mir jetzt schon leid. Die sind doch chancenlos im Vergleich zu mir. Ich bin nämlich Koch. Ich werde Dir am Kamin ein traumhaftes Essen zubereiten. Das Feuer prasselt, der Duft des Essens schwebt durch den Raum und dazu öffne ich zuerst eine Flasche Champagner, dann den passenden Rotwein zum Essen und ich lege mich auf ein Bärenfell …

Chrissy rastet aus, DEN nehme ich!!!!! 

Doch Kandidat 3 war noch nicht fertig mit seiner Bewerbungsansprache, denn er ergänzte zeitgerecht:

Ich habe extra drei Webcams gekauft, mit denen kannst Du die Szene dann am heimischen Laptop nachverfolgen. 

Moderator:

Eigentlich sollte unser Autobot jetzt eine Zusammenfassung vortragen, doch Chrissy hat sich entschieden. Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Das zarte Glück soll sprießen, wir spendieren den beiden Liebenden eine Reise, die es in sich hat. Chrissy fliegt nach Alaska, wo sie in einer einsamen Hütte fünf romantische Nächte verbringen wird. Unser Koch hingegen kommt in die Steppe der inneren Mongolei, wer zwischen Pferden und Kamelen mit seiner Chrissy über den mitgelieferten Läppi die ersten zarten virtuellen Küsse austauschen darf.

Ein wahnsinniger Applaus des anwesenden Publikums beklatscht den Moderator, Chrissy und ihren Traumprinzen, Romantik ist Trumpf. 

Ich werde mich dort gleichfalls bewerben. Selbstverständlich legte ich auch ein Foto von mir in das Schreiben und ab damit. Auch in diesen Zeiten hat die Liebe nicht ausgedient. Irritiert war ich dann aber, als ein Antwortschreiben des Senders kam. Kein Brief, nein, nein … eine CD war im Umschlag. Will mir vielleicht eine Kandidatin ein Ständchen bringen? Mit klopfendem Herzen lud ich die CD in den Player. Dann hörte ich den alten Hit von Joe Dolce: Shaddap with your face …

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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