Mein Anstand ist fort

Es ist schon eine traurige Geschichte. Während ich diese Zeilen schreibe stehen mir die Tränen in den Augen, denn ich vermisse meinen geliebten Anstand außerordentlich!

Was war passiert?

Ich weilte für ein paar Tage im schönen Waldkirchen/Bayerischer Wald, die Natur zu genießen und mal abzuschalten von all den Horror-Meldungen in den Medien. Es war auch wirklich schön, das Essen erfreute mich, die Getränke auch, sogar den Bayernwalddiesel, Bärwurz genannt, als auch einen Schnaps aus der Blutwurz probierte ich. Ja mei, dess war a Freid.

An einem sonnigen Morgen spazierte ich durch die Wälder. Neben mir ein schnell dahin fliessender plätschernder Bach, die Vöglein sangen ein Lied, die letzten Fetzen des morgendlichen Nebels schwanden dahin, als plötzlich … das Herz blieb mir stehen … mein Anstand war weg! Er wird doch nicht den Bach hinunter gegangen sein? Flugs lief ich am Bachlauf entlang, meinen Anstand suchen. Doch es sollte vergebens gewesen sein. 

Die ersten Tage danach schloss ich mich im Zimmer ein. Düstere Visionen plagten mich. Was wird wohl geschehen, wenn mir die Dorfschönheit begegnet? Werde ich, trotz des Verlustes von Anstand, die Situation ohne größere Schwierigkeiten überstehen, wecke ich eventuell den Drachen in ihr und wir verglühen im Feuer der Leidenschaft mitten auf dem Dorfplatz im hellsten Tageslicht? So ein anstandsloses Leben ist nicht ohne Risiken …

Ich ging zum Psychiater, klagte mein Leid. Provozierend ruhig sprach er: „Sie müssen lernen ihren Stand zu akzeptieren. Eine völlig neue Erfahrung kommt auf Sie zu, nicht immer so negativ sein. Sie müssen positiv auf die Dinge zugehen, auch wenn es nicht immer einfach ist …“

Mh, ich sollte also positiv auf die Claudi zugehen. Nun gut, ich rannte durchs Dorf bis sie mir über den Weg lief. „Eh Schnegge, was geht?“ Patsch, hatte sie mir eine geknallt. „Saupreiss, dammischer Hirsch!“ Schrie sie mir noch hinterher. Das war nicht gut, ich brauchte eine Lösung für mein Problem.

Wieder daheim kam da diese TV-Sendung mit Julia. Eine nette Frau, stets war sie bemüht um Menschen, die etwas Liebgewonnenes verloren hatten. Ich schrieb sie an. Nur wenige Tage danach stand sie vor meiner Tür, lächelte sehr freundlich und verständnisvoll: „Ich möchte Dir helfen, erzähl mir mal genau was passiert ist.“

Ich sprach vom Waldspaziergang am Bach, von Claudi und wie ich fernab jeglichen Anstands mich offenbarte. Julia schaute nun recht ernst drein. Den Psychiater erwähnte ich auch, Julia nickte zustimmend und dann legte sie ihre Hand auf meine Schulter, schaute mich mit ihren treuen Augen an: „Ich mach mich jetzt auf die Suche nach Deinem Anstand, halte durch!“

Sieben endlos lange Wochen wartete ich, wartete und wartete. Meine Verzweiflung wurde grösser und grösser, doch dann, es klingelte! Julia stand vor der Tür.

Wir setzten uns ins Wohnzimmer, Julia klappte den Läppi auf: „Du hattest kürzlich den Anstand verloren. Ich habe mich auf die Suche im Bayernwald für Dich gemacht. Unterstützt von meiner Übersetzerin, denn die dortige Sprache beherrsche ich nicht. Das wollen wir uns jetzt einmal anschauen.“ Sie drückte die Taste und das Video begann.

„Hallo, ich bin Julia, ich suche für einen verzweifelten Menschen den Anstand, den er hier verloren hat. Vor Kurzem war er hier im Ort, zusammen mit seinem Anstand, urlauben. Kennen Sie ihn vielleicht, können Sie mir helfen?“ Julias Gegenüber polterte los, sehr unverständlich, aber zum Glück wurden Untertitel eingeblendet. Den ganzen Wörterschwall zu wiederholen ist nun etwas lang, ich fasse kurz zusammen: „Der Depp, der depperte, mei Dochter wollde der faführn, Burschi, trau Di, wanns no amoal herkimmst …“ „Sie können mir also nicht weiterhelfen?“ Julias Stimme war die Enttäuschung anzumerken. „Freili helf I, und wieeee I demm helf … kimm Du no amoal nach Waldkirchen …“

Julia blickte in die Kamera: „Hier kommen wir nicht weiter, ich muss mir etwas anderes überlegen.“

Die folgenden Tage recherchierte Julia unermüdlich. Sogar meine alten Lehrer aus der Schulzeit befragte sie. Im Video konnte ich es sehen.

„Der Zauner? Das war doch so ein Frecher? Immer aufmüpfig, ließ sich niemals etwas sagen und wusste immer alles besser. Meine Kollegen und ich waren schon recht gestraft mit diesem Schüler. Dann war da mal was mit einer Schülerin, Elke Schettel oder so ähnlich hieß die. Warten Sie mal … ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Beide mussten die Schule verlassen, sie war schwanger …“

Julia sah mich an, das blanke Entsetzen konnte sie nicht verhehlen. „Ach was“, entgegnete ich. „die Sünden der jugendlichen Drangzeit wollen wir doch jetzt nicht überbewerten, oder?“ Mein fehlender Anstand machte sich bemerkbar.

„Ich habe aber auch Gutes gehört, sieh mal hier …“ Sie drückte wieder den Knopf am Läppi und ich sah das Girl aus dem Nachbardorf, die Katja. Zirka 280 kg Lebendgewicht, leichte Fehlstellung der Augen (im Volksmund intermittierendes Auswärtsschielen genannt) und auch sonst etwas schlicht. Die Kamera nahm sie aus der Ferne auf, sonst hätte das 16:9 Format nicht ausgereicht. Katja war ausgesprochen bildfüllend.

„Ah geh, den kenn I. Oan süßer Bengl, hallo Schatzi, mogst mi? I wull Dei Hoasn sei!“

„Nahhhhhhhhhhhh …“ Spontan hob es mich aus dem Sessel. Julia gebot mir ruhig zu bleiben, sie wollte nun das Resultat ihrer Suche verkünden. „Lange habe ich gesucht, viele Menschen befragt und alle, wirklich alle kamen zu der Feststellung, Du hat niemals einen Anstand besessen, das hast Du Dir nur eingebildet.“

Uff, das haute mich um. Jedoch kam mir der Spruch des Psychiaters wieder in den Sinn, positiv denken. Nun gut, wenn das doch so ist. Frohen Herzens lief ich durch meinen Heimatort, direkt in das Baggerzentrum der Stadt, die berühmte Altstadt.

Schon lief mir ein attraktives Girl über den Weg. Ich zog sie mit unanständigen Blicken aus, klatsche ihr auf den Hintern: „Na Baby, wie wär´s mit uns?“ Sie bekam einen knallroten Kopf: „Haben Sie keinen Anstand?“ „Nö“, antwortete ich fröhlich, „der ist den Bach hinunter …“ „Super, so einen Typen wollte ich schon immer mal, komm, wir fahren zu mir, ich wohne nicht weit weg.“

So kam es, dass ich dem Verlust meines Anstands doch etwas sehr, sehr Positives abgewinnen konnte.

Gestärkt durch jenes Erfolgserlebnis traute ich mich nun auch in die Berufsberatung. Schließlich möchte ich mal was werden. Psychotests, Befragungen usw., einen Tag später gab es dann die Besprechung mit abschließender Beratung. Mein Berufsberater eröffnete mir: „Selten haben wir so eine klare Zielführung gesehen. Du hast weder Anstand noch Moral, Du lügst überzeugend wie gedruckt und bist frei von Hemmungen jeglicher Art. Zwingend raten wir Dir in die Politik zu gehen …“

Wer wählt mich???

 

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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