Eine Anleitung für den Weltfrieden

Kang Youwei, der große Reformer und Philosoph, beschrieb in den 1920er Jahren die Utopie einer ‚großen Gemeinschaft‘, die in der Lage ist, die Grenzen von Nation, Rasse, Geschlecht und Hierarchie zu überwinden. Eine detaillierte Schritt-für-Schritt Anleitung liefert er gleich mit. Während heute zunehmend wieder das Trennende anstelle der Suche nach Gemeinsamkeiten in den Vordergrund rückt, macht Kang deutlich, dass die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft kein westlicher oder östlicher, kein europäischer oder asiatischer, kein deutscher oder chinesischer Gedanke ist: Es ist ein zutiefst menschlicher!

Gemeinsamkeit und Miteinander gesetzlich verankern
In Zeiten zunehmender Nationalismen und Diskriminierungen wegen Herkunft oder Hautfarbe, in denen sich die Menschen eher auf das Trennende als das Gemeinsame und Verbindende besinnen, bilden Kang Youweis außergewöhnliche Vorschläge für eine gerechte und funktionierende Weltgemeinschaft einen interessanten Kontrapunkt. So machte er sich schon damals für die Gleichberechtigung der Frau und homosexuelle Beziehungen stark oder setzte sich für eine fleischlose Ernährung ein, um gegen das Tierleid vorzugehen. Alles, was zu einem besseren Miteinander beiträgt, sollte in Gesetzen verankert werden, deren Einhaltung ein regelmäßig neu zu wählendes Gremium der „Großen Gemeinschaft“ überwacht.

Schon zu seinen Lebzeiten fielen seine reformistischen Theorien für ein besseres Miteinander aller Lebewesen auf und brachten Kang den Beinamen „Martin Luther Chinas“ ein. In der Einführung, die Prof. Dr. Thomas Heberer, Seniorprofessor für Politik und Gesellschaft Chinas an der Universität Duisburg-Essen, für diese Neuauflage verfasst hat, erklärt er eindrücklich, warum dieses Werk gerade jetzt wieder höchst aktuell ist!

Zum Autor:
Kang wurde 1858 im Kreis Nanhai (南海) , Dorf Danzaosu (丹灶苏) in der Provinz Guangdong (广东) in eine alte und lokal prominente Beamten-Gelehrtenfamilie geboren. 1927 verstarb er in Qingdao (青岛), der ehemaligen deutschen Kolonie in der Provinz Shandong (山东), wo sich auch seine Grabstätte und das „Kang Youwei-Museum“ (康有为 故居纪念馆) befinden. Er war einer der bedeutendsten Gelehrten, politischen Reformer und ein Vorreiter der intellektuellen Entwicklung des modernen China. Früh erhielt er eine Ausbildung in den konfuzianischen Klassikern mit dem Ziel, über Beamtenprüfungen eine Beamtenkarriere einzuschlagen. Kang interpretierte den Konfuzianismus in neuer Weise, denn er sah – anders als viele seiner Zeitgenossen – in Konfuzius keinen Reaktionär, sondern einen Reformer, der die Institutionen des Staates den jeweiligen Veränderungen anzupassen gedachte. Würde Konfuzius noch leben – so Kang – würde er mit Sicherheit versuchen, das bestehende politische und ökonomische System zu reformieren. Der Konfuzianismus war für ihn eine prophetische Lehre der Moderne, die es zu „purifizieren“ gelte. Zugleich bezog er diese nicht nur auf China, sondern auf die ganze Welt und die Menschheit insgesamt. Diese Lehre ließe sich überdies in eine Religion überführen und könne auf diese Weise eine Alternative zum westlichen Christentum anbieten, wobei viele chinesische Intellektuelle allerdings eine enge Verbindung zwischen dem Christentum einerseits und dem imperialistischen Verhalten westlicher Mächte andererseits sahen. Kang vertrat die Auffassung, der Konfuzianismus könne von daher zur Schaffung einer neuen chinesischen Identität und zur moralischen Erziehung der Chinesen beitragen. In diesem Sinne sprach sein bedeutendster Schüler Liang Qichao (梁启超, 1873-1929) von Kang als dem „Martin Luther der konfuzianischen Lehre“. Luther habe das Christentum in seiner ursprünglichen Gestalt wiederherstellen wollen, Kang die Lehre des Konfuzius.

Zum Herausgeber:
Prof. Dr. Thomas Heberer studierte Politologie, Sinologie und Ethnologie in Frankfurt am Main, Göttingen und Heidelberg. Nach seiner Promotion im Jahre 1977 arbeitete er zunächst als Lektor in einem Verlag in China. 1989 habilitierte in Bremen. Im Jahre 1998 übernahm er den Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Ostasien an der Universität Duisburg-Essen. Seit 2009 ist er Co-Direktor des Konfuzius-Instituts Metropole Ruhr mit Sitz in Duisburg und betreut den Programmteil Politik und Gesellschaft Chinas. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Prozesse, Strukturen und Akteure des politischen und sozialen Wandels in China. Durch zahlreiche Forschungsprojekte in China und über 35 Jahre Forschungstätigkeiten gehört er zu den führenden Ostasienexperten in Deutschland.

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