Schlagerfuzzies Weihnachtsshow

Mitten im November saß der äußerst beliebte Barde, Krischan Tittiluna, in seiner Villa und blies Trübsal. Keine Live-Aufführungen auf der Dorfbühne oder gar im großen Theater an der Elster, nein, die Pandemie ließ es nicht zu. Natürlich verstand er die Notwendigkeit von Einschränkungen, doch fehlten ihm die Groupies, die ihn anhimmelnden Fans, das große Gekreische wenn er auf die Bühne kam. Erfolg muss man als Künstler erleben, dafür lebt man doch.

Sein Manager, John Raffzahn, klingelte an der Tür. Dringend musste die aktuelle Lage diskutiert und verbessert werden. „Ich habe mal Deine Zahlen durchgerechnet,“ begann John, „wir sollten etwas unternehmen, dein Vermögen schwindet.“ Krischan erschrak, John las ihm die aktuellen Vermögenswerte vor: „ Du hast die Villa, ein paar Mietshäuser, Aktienpakete und einige Beteiligungen, doch hier kommt das Problem. Deine Villa wurde zuletzt vor drei Jahren renoviert, in den Mietshäusern sind einige Mieter ausgezogen, die Räume müssen kernsaniert werden, die Prozesse wegen der letzten Mieterhöhung waren auch nicht billig. Die Abfindungen für deine Musiker schlagen auch zu Buch. Am Ende hast Du, trotz Mieteinnahmen ect. nur noch zirka 35.000 Euro netto monatlich, das ist knapp! Wie willst Du da noch über die Runden kommen? Wir müssen dringend Einnahmen generieren. Vorsorglich habe ich schon mal Nothilfe für dich beantragt.“
„Aber ich bin doch Krischan Tittiluna, die Veranstalter reißen sich um mich! Mein Publikum liebt mich abgöttisch!“ Der alte Barde raufte sich das Toupet. „Pass auf,“ John machte einen Vorschlag, „ich rufe mal den Produktionschef von Extremo TV an, der schuldet mir noch einen Gefallen und dann machen wir eine umwerfende Weihnachtsshow, die alles in den Schatten stellt.“

Pünktlich am 06. Dezember war es dann so weit. Keine Liveveranstaltung, sondern eine Aufzeichnung. Krischan fuhr leicht verstimmt in seiner Luxuskarosse vor, bemängelte schon einmal den Empfang. Statt tausender begeisterter Fans, vornehmlich Damen, stand einzig eine Produktionsassistentin am Hintereingang, deren wirklich herzliche Begrüßung half da auch nicht weiter.

Auf dem Weg ins Aufnahmestudio erläuterte sie Krischan die Drehpläne. „Also, wir haben ein paar Zuschauer einladen können, Zurufe der begeisterten Menge spielen wir vom Band ein und um akustische Probleme zu umgehen machen wir alles im Vollplayback, na ja, sie kennen das ja.“
So führte sie den Künstler in die „grüne Hölle“, wo er vor einer grünen Wand stehend aufgenommen werden sollte, während man im Regieraum die jeweils passenden Hintergrundmotive virtuell einspielte.

Ein wenig verdutzt schaute Krischan auf ein paar ältere Damen, die im Abstand von je zwei Metern auf einem Stuhl vor ihm saßen um ihn, den göttlichen Schlagersänger, live zu erleben. „Mehr Zuschauer konnten wir aus gesundheitsprophylaktischen Gründen nicht einladen. Wir sind dem örtlichen Seniorenheim sehr dankbar, weil dessen Bewohner frisch getestet sind und alle, wirklich alle waren im Vorfeld schon ganz aufgeregt, weil sie Krischan Tittiluna nun live erleben dürfen. Sprechen sie doch mal kurz mit den Fans …“

Krischan lächelte verlegen in die Runde, jedoch brach eine Dame das Eis. Sie ging auf ihn zu: „Das ich das noch erleben darf, in meinem hohen Alter, Krischan Tittiluna, meine einzige wahre Liebe.“ Der Künstler kramte eine Autogrammkarte aus der Jackentasche. „Wie heißt du denn? Ich schreibe dir eine Widmung drauf.“ „Rita heiße ich, genauer: die scharfe Rita. Ich war früher der Star im Striplokal auf der Reeperbahn.“ Dabei blinzelte sie ihm vertrauensselig zu. Zum Glück rettete ihn die Redaktionsassistentin vor weiterem Kontakt, indem sie ihn in die Maske bat.

Krischan sollte den blau-roten Glitzeranzug anziehen. Klappte aber nicht so ganz, der war ja viel zu eng. „Sie haben schon wieder zugenommen“, merkte die Maskenbildnerin an, tadelnder Blick von Krischan. So spricht man nicht mit einem großen Künstler. Inzwischen kam eine Schneiderin, schnell ein paar Änderungen vornehmen. Etwas Rouge auf die Wangen, toi, toi, toi. Krischan ging auf die Bühne. Virtuell blendete man einen tief verschneiten Winterwald ein, in welchem Krischan nun stand. Playback ab, zwei-eins-go! Krischan bewegte sich rockig um eine weihnachtlich geschmückte Tanne, im Playback hörten wir …rock´n around the christmas tree … „STOP, das ist doch Quatsch.“ Krischan schaute Richtung Regie. „Wieso muss ich Coversongs bringen, ich will meine eigenen Hits singen! Und ich allein im Wald, wo bleibt das Fernsehballett?“

Wie gut, dass man vorausschauend gearbeitet hatte. Die Damen des vor 45 Jahren aufgelösten Balletts waren alle geladen worden. Nicht mehr ganz so gelenkig wie früher, aber das kann man faken, gute alte TV-Tradition. Schon die Gründerväter sagten damals: Faken gehört zu den Medien wie die Krawatte zum Anzug.

Neue Aufnahme: Krischan rockt um den Baum, die Damen vom Ballett im Häschenkostüm, schwangen melodisch den Krückstock im Rhythmus von Krischans Playbackgesang. Die wenigen Zuschauerrinnen rasteten aus vor Begeisterung, Applaus und nochmals Applaus, vom Band wurde auch noch einer eingespielt und die scharfe Rita (92) lief auf Krischan zu, drückte ihn, küsste ihn und schaute ihn mit glühenden Augen an: „Soll ich mich jetzt mal für dich ausziehen?“ Man merkte Krischan die innere Erregung der dritten Art an. Spontan half ihm der Regisseur aus der Klemme. „Wir machen jetzt das Duett mit Ingeline Schneggli. Sie wurde extra für dich aus der Schweiz eingeflogen.“

Krischan begrüßte die Kollegin kurz, dann wurde Aufstellung genommen, Playback ab! Einschmeichelnd ertönte Krischans Stimme:
Der Himmel voller Geigen,
sollt Weihnacht mir nun zeigen,
die Liebe ist allmächtig.
Ich find dich wunderprächtig!
Worauf hin Ingeline sanft lächelnd einstimmt:
Bald bist du mir zu Willen,
kriegst täglich deine Pillen,
das befeuert dich mit Macht
für die Liebe in der Nacht.
Gemeinsam singen sie, halten sich im Arm dabei:
Wir lieben uns unsäglich,
dank Pille beinah täglich,
in Zuneigung vereint,
das ist Glück wie uns nun scheint.
Zugabe, Zugabe, die Damen aus dem Seniorenheim klatschen, pfeifen vor Begeisterung, bis Oma Caren das Gebiss dabei herausfällt. Da besinnt sich Krischan seines treuesten Fans, der Jessi aus Berlin. Nur für sie war das gesungen, wie er sagt, und obwohl sie beim letzten Fantreffen total besoffen war, hatte sie doch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Richtig feuchte Augen bekam Krischan dabei. Die rauhe Wirklichkeit holte ihn dann wieder ein, als die Zuschauerinnen bei dem nun folgenden Lied ihre Feinripp-Schlüpfer, u.a. in Größe XXL, mit halber Beinlänge, auf die Bühne warfen. Echte Fanbegeisterung, muss man mal anerkennend sagen.

In der Werbepause kamen Großaufnahmen von den CD´s der Künstler und man hörte sie kurz singen:
Kauf mich doch noch einmal,
lass mich Deine Euros spür´n …
Ergänzt durch einen Sprecher: Das schenkt der Weihnachtsmann auch seiner Familie.

Nur wenige Tage später besah sich der Künstler dann im abendlichen TV seine Darbietung an. Toll gemacht, er war noch besser als er selbst gedacht hatte. Ein dickes Lob für die Grafiker, denn die Feinripp-Höschen wurden plötzlich wundersam zu Tangas und G-Strings konvertiert. Als dann noch die Nothilfe einen sechsstelligen Betrag überwies, war Weihnachten gerettet, er konnte weiter investieren und den mühsam erarbeiteten Notgroschen in eine höhere zweistellige Millionensumme umwandeln.

Natürlich hat diese Geschichte auch eine Moral: Klingt die Stimme anfänglich verkehrt, per Studio wird sie Goldes wert. Schon hat es im Kopf weihnachtlich geklingelt, wenn schön das Geld im Spartopf bimmelt.

Schöne Weihnachten allerseits!!!

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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