Die Sprache prägt unsere Sicht auf die Welt

 
Die alljährliche Diskussion um das «Unwort des Jahres» zeigt einmal mehr, dass die Sprache mehr ist als ein neutrales Instrument, mit dem wir Informationen übertragen und verständlich machen. Sie prägt nicht nur unser Denken und Handeln, sondern auch unsere Weltsicht. Dabei hängt die Weltsicht von der Sprache ab, die wir sprechen. Denn die verschiedenen Sprachen bilden die Welt nicht auf ein und dieselbe Weise ab, sind nicht universell, sondern relativ. Menschen in unterschiedlichen Sprachen denken bis zu einem gewissen Grad auch unterschiedlich. Jede Sprache verfügt über ihre eigenen Wortbedeutungen, wie sie sich in einer Sprachgemeinschaft geschichtlich und kulturell ergeben haben.
So spiegelt sich etwa in den deutschen und englischen Bezeichnungen «Sonntag» und «Sunday» eine germanische Weltsicht, nämlich der germanische Sonnenkult, während die Bezeichnungen für den gleichen Wochentag in den romanischen Sprachen – franz. dimanche, ital. domenica, span. domingo – in der Bedeutung «Tag des Herrn» auf eine christliche Weltsicht schliessen lassen. Und so finden sich zwischen den Sprachen auch Unterschiede, was den Bedeutungsumfang von Wörtern betrifft: Wo wir im Deutschen undifferenziert von «Glück» sprechen, da unterscheiden die Spanier zwischen «suerte» und «felicidad», die Engländer zwischen «luck» und «happiness» und die Franzosen gar zwischen «chance», «fortune» und «bonheur», je nachdem, ob es sich um ein Zufallsglück oder um innere Harmonie und Glückseligkeit handelt. Andererseits gibt es z.B. im Englischen keine Entsprechung für die deutschen Wörter «gemütlich» und «Gemütlichkeit».
Diese unterschiedliche Weltsicht der einzelnen Sprachen führt dazu, dass sich kein Wort einer bestimmten Sprache im Massstab 1:1 in eine andere Sprache übersetzen lässt. Das französische Wort «ésprit» umfasst mit seinen verschiedenen Bedeutungen vom «Verstand» bis hin zur «Idee» wesentlich mehr als das deutsche Wort «Geist» und die italienische «signora» ist nicht einfach eine (verheiratete) Frau, sondern in diesem Wort schwingt je nach Zusammenhang, in dem das Wort steht, auch etwas Herrschaftliches mit.
Die Tatsache, dass die Sprache unsere Sicht auf die Welt prägt, bleibt nicht ohne erhebliche Folgen. Mit der Herrschaft über die Sprache lässt sich nämlich auch die Herrschaft über das Denken der Menschen gewinnen. Das wusste und weiss niemand besser als Diktatoren. Das schrecklichste Beispiel dafür hat uns bekanntlich die Propaganda der Nationalsozialisten geliefert. Wenn da etwa von «Endlösung» die Rede war, aber «Massenmord an den Juden» gemeint wurde, war das eine der niederträchtigsten Formen von Sprachlenkung. Und wenn heute Fürsorgeämter, um politisch angeblich korrekt zu sein, von «Kunden» oder «Klienten» sprechen, aber «Sozialhilfebezüger» meinen, so ist das nichts weiter als eine Umbiegung der Sprache. Darüber sollten wir vermehrt nachdenken.
So bestimmt denn die Sprache nicht nur unser Denken und Handeln und unsere Gefühle, sondern weitgehend auch unsere Weltsicht. Wer sich sprachlich nicht oder nur ungenügend äussern kann, der kann nicht nur seine Gedanken schlecht ordnen, sondern hat auch keine klare Sicht auf unsere Welt, denn die Welt, in der wir immer schon erfahrend leben, ist stets sprachlich erschlossene Welt. Daher ist Sprachbildung, und dies nicht nur in der Schule, dringender denn je, soll uns die Sprache als hohes Kulturgut und als unser wichtigstes Werkzeug erhalten bleiben. Tragen wir also, bei aller Würdigung des sprachlichen Wandels, Sorge zu unserer Sprache; sie ist die Sprache, mit der wir aufgewachsen sind, deren Klang wir von der ersten Minute unseres Lebens an hörten. Ihre Worte halfen uns, die Umwelt wahrzunehmen, uns die Welt zu erschliessen und damit letztlich unsere Identität zu finden. «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.» Dieses weithin bekannte Wort des österreichisch-englischen Philosophen Ludwig Wittgenstein ist heute gültiger denn je.
 

Mario Andreotti, Mitherausgeber der eXperimenta

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