Vor Gericht

Hühnerdieb Falk X. stand vor Gericht. Ein Einbruch bei einem Bauern wurde ihm zur Last gelegt, die Verhängung einer Gefängnisstrafe stand im Raum, doch sein Verteidiger hielt ein flammendes Plädoyer, dessen Wirkung sich wundersam entfaltete.
Verteidiger:
Hohes Gericht, hier steht ein Mensch vor Ihnen, dessen verwerfliche Handlungsweise nun angemessen beurteilt und verurteilt werden soll. Auf den ersten Blick soll dem Gesetz Genüge getan werden, doch wurde dem Angeklagten auch Genüge zuteil? Wurden seine Tat ausreichend durchleuchtet, hat man wirklich das Edle eines angeblichen Hühnerdiebstahls tatsächlich nicht erkannt? Dann lassen sie es sich erläutern.
Als mein Mandant geplagt von Hungersnot, ausgelöst durch behördliche Kontenpfändung, in den Hühnerstall eindrang, da hatte er bereits nicht mehr nur sein eigenes Wohlergehen im Auge, sondern auch das anderer Menschen, deren Schicksal ihm nicht egal war.
Beginnen wir mit der Versicherung, die dem Bauern den Schaden ersetzen sollte. Zahlreiche Formulare wurden ausgefüllt, viele von Entlassung bedrohte Mitarbeiter wurden dem Unternehmen durch diese Mehrarbeit wieder unentbehrlich. Sogar Versicherungsdetektive, die bereits gezwungen wurden ihre Sachkenntnisse einem Erlebnis-TV anzubieten, um über die Runden zu kommen, standen plötzlich wieder in Arbeit und Brot.
Vollbeschäftigung auf der dörflichen Polizeistelle, es musste ermittelt werden. Nicht zu vergessen die finanziellen Transaktionen, Versicherung an Bank des Geschädigten, Bank zahlt aus, der Bauer erwirbt neue Hühner. Ein ganzer Geschäftszweig wurde komplett neu belebt. Rechnen wir das einmal zusammen, so ergibt sich ein immenser Mehrgewinn auf den Seiten der Volkswirtschaft als ein minimaler Schaden zu Beginn. Und auch hier halten wir einmal fest, die Hühner sollten nach Aussage des Bauern sowieso in den nächsten Tagen geschlachtet werden, ein Verlust an Tieren ist aus dieser Sichtweise nicht erkennbar. Auch der Staat profitiert durch vermehrte Einnahmen der Mehrwertsteuer.
Hohes Gericht, vor ihnen steht nicht ein verabscheuungswürdiger Hühnerdieb, sondern ein Wohltäter der Menschheit. Natürlich ist dessen Ausgangslage nicht sonderlich lobenswert, was mich dazu bringt dem Wunsch meines Mandanten nachzukommen, indem er sich unter Nutzung des Zitats eines bekannten Politikers wie folgt entschuldigt:
Die Justiz kann solche Wunden kaum heilen. Aber er kann versprechen, sein Bestes zu geben, dass eine solche Tat nicht mehr vorkommt.
Hiermit beantrage ich Freispruch für meinen Mandanten und beantrage das Bundesverdienstkreuz wegen vorbildlicher Bemühungen um die deutsche Wirtschaft.
Tosender Applaus von den Zuschauerbänken. Richter und Staatsanwalt lagen sich in den Armen, von Weinkrämpfen geschüttelt.
Auch wenn die Presse es im Bericht weitaus weniger emotional zum Ausdruck brachte, war die Überschrift doch eine Hommage an die Justiz: Der Rechtsstaat hat sich wieder einmal bewährt!!!

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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