Endlich weihnachtet es

Als ich erwachte, wunderte ich mich ein wenig über das fahle Tageslicht, welches durch mein Fenster schien. Näher trat ich hinzu und … Erstaunen drückt es wohl am besten aus! Dicke fette Schneeflöckchen wirbelten durch die Luft, die Landschaft versank im tiefsten Winter. Zuerst dachte ich noch bei mir: Die Grünen haben doch alles richtig vorhergesagt, das muss die Klimaerwärmung sein, wie konnte ich nur daran zweifeln?! Und ich begann mich zu schämen. Ein Blick auf den Kalender zeigte mir Frühling in seiner reinsten Form an, immerhin bereits der 07. April. Der alte Kastanienbaum vor meinem Küchenfenster zeigte seine Knospen, der Magnolienbaum nebenan blühte in schönster Pracht, die gelben Blüten der Forsythien schauten keck unter dem Schnee hervor und es schneite, schneite, schneite …
Als der Schneepflug am Haus stecken blieb, der Fahrer fluchend in sein Smartphone schrie, da erwachte der Praktiker in mir. Im Web begann ich nach Weihnachtsbaumlieferanten zu suchen. Zu stimmungsreich war die Szenerie, um nicht ausgenutzt zu werden. Kinder zogen mit ihren Schlitten am Haus vorbei, mein Weihnachtsschmuck kam aus dem Keller, ein paar Bienenwachskerzen hatte ich auch noch, nun wird’s endlich richtig heimelig.
Glühwein fehlt!!! Das war furchtbar, muss man mal so sagen. Mühsam stampfte ich durch den Schnee, die nahe Bankfiliale mit dem Geldautomaten zu erreichen, weil ich der veralteten Ansicht vom Wert des Bargelds frönte. Ein Schild befand sich an der Tür: Aufgrund der aktuellen Wetterlage können unsere Angestellten den Arbeitsplatz nicht erreichen, die Filiale bleibt vorerst geschlossen.
Nun, man muss Gott für alles danken, notfalls auch für geschlossene Banken. Immerhin verwies man auf die nahe gelegene nächste Zweigstelle, nur 12 Kilometer entfernt. Rettet den Glühwein, dachte ich und stieg in mein Auto. Was für ein Glück, denn ich hatte noch keine Zeit gehabt die Winterreifen auszuwechseln. An der nächsten Ecke stoppte mich die Polizei. Froh über meine Winterbereifung zeigte ich entspannt den Führerschein, die Zulassung, wollte dem netten Polizisten noch einen schönen Tag wünschen und weiterfahren, das sagt der doch: „Warum haben Sie keine Schneeketten über die Winterreifen gezogen? Ich muss das Fahrzeug aus dem Verkehr nehmen, fahren Sie auf den Parkplatz dort drüben und gehen Sie zu Fuß weiter.“ Mein Glühwein! Ich fürchte, der fällt aus.
Am Ende eines langen beschwerlichen Weges kam ich wieder in meiner Behausung an. Was nun? Not macht erfinderisch, sagte schon meine Oma immer. Daher schmückte ich in Ermangelung eines Weihnachtsbaums den großen Feigenbaum, stellte ihn auf den Balkon, wo er von all den lustigen Schneeflöckchen umsäumt wurde, während ich mich ins beheizte Wohnzimmer zurück zog, in behaglich molliger Atmosphäre.
Gleichfalls holte ich, der Not des ausgebliebenen Glühweins folgend, eine Flasche irischen Whiskys aus dem Schrank, setzte Kaffee auf, extra stark versteht sich, schlug Schlagsahne auf und Traraaaaa, Irish Coffee ist doch auch eine feine Sache, glüht auch länger … was ist schon Glühwein?
Schnell zeigte der seine unnachahmliche Wirkung! Ich schrieb einen Brief: Lieber Herr Habeck, also das is nu ma so, hicks, immer habe ich so gemeckert, hicks, höörn se ma, also Allolol is doch ne Lösung, wennse nu noch dieses Klimadings anmachen odder nich, egal, iss sowieso schon warm. Und die Erde is ne Kugel, merke ich weil sich alles dreht, odder wat los? Als Ösi kennen sie das bestimmt. Also sie müssen Ösi sein, aus Wien. Meine Nachbarin sacht imma, de Wiener, wenn sie im Dings, im Fff..ern seeehen auftreten, hicks. Ne watte ma, Schlawiner hat se jesacht, sind se nu nen Ösi oder doch nicht?
Ich krabbel ma eben noch ne Tasse Zeugs holen … dann wurde es Nacht. Aber ich bin sicher, wenn wir, mein Kater und ich, am nächsten Frühlingsmorgen erwachen, freuen wir uns über die schöne weiße Pracht! Schneeflöckchen, weiß Röckchen, endlich kommst Du geschneit …

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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