Eine unheimliche Geschichte

Die schwarze Katze
Um schwarze Katzen ranken sich unzählige unheimliche Geschichten. Aberglauben, meinen Sie? Nun, die kleine Stadt, deren Namen ich nicht nennen möchte, wimmelt geradezu von abergläubischen Menschen.
Peters Augen waren voller Furcht, als er zu dem Haus am Ende der Straße hinübersah. Noch niemals war er dem alten Gemäuer so nahe gekommen. „Hier wohnt sie also, die Hexe“, wisperte er seinem Freund Ralf zu. Der nickte. „Sie hat eine schwarze Katze, und nachts tanzt sie um das Feuer.“ „Dort sollen sogar schon Kinder verschwunden sein“, flüsterte Ralf zurück. „Woher wisst ihr das?“ Mark blickte seine Freunde argwöhnisch an. „Das sind doch Ammenmärchen!“ „Pssst“, zischte Peter verärgert. „Du bist fremd und weißt gar nichts. Willst du, dass sie uns hört und herauskommt?“ Es stimmte, Mark war erst vor wenigen Tagen aus Berlin hierhergezogen. Dank der Schule hatte er schnell Anschluss gefunden, wenn er auch die Leute hier ein wenig seltsam fand. Vor allem diese Geschichte mit der angeblichen Hexe war ihm mehr als suspekt. „Wollen wir nicht lieber Fußball spielen? Bis zum Abendbrot ist noch etwas Zeit,“ lenkte er ab. Johlend entfernten sich die Zehnjährigen in die entgegengesetzte Richtung. „Ich hole den Balll“, schrie Ralf. Für den Augenblick war das alte Haus mit seinen unheimlichen Bewohnern vergessen.
„Ihr wart doch nicht dort oben bei der Alten, oder?“, wurde Peter von seinem Vater am Tisch empfangen. „Nein, ganz bestimmt nicht, Papa“, versicherte der eine Spur zu schnell. Stirnrunzelnd schaute Herr Jansen seinen Sprössling an. „Du weißt, dass es gefährlich ist. Damals ist dort ein Junge verschwunden. Also haltet euch fern.“ „Aber Heinrich, das ist doch nie aufgeklärt worden …“, warf seine Frau zaghaft ein. „Martha, dort gehen seltsame Dinge vor sich. Neulich erst ist mir dieses schwarze Katzenvieh direkt vor die Füße gelaufen. Es kam von links! Kurz darauf hatte ich einen platten Reifen. Am nächsten Morgen habe ich mich mit dem Kaffee verbrüht und mir dabei den neuen Anzug ruiniert.“ „Und das alles wegen der Katze“, schmunzelte Martha. Heinrichs Faust donnerte auf den Tisch. „Ich verbiete euch, dort hinzugehen! Basta!“ „Ich bin heute bei Frau Wummer zum Kaffee eingeladen“, entgegnete seine Frau. „Oh cool, das ist doch die Mutter von Mark!“, rief Peter begeistert. Wohlwollend schaute Heinrich über seinen Brillenrand. „Das scheint eine sehr nette Familie zu sein. Soweit ich weiß hat Mark noch ein kleines Schwesterchen. Dann mal viel Spaß nachher! Ich muss jetzt los zur Arbeit.“
Bei Wummers waren noch andere Frauen aus der Nachbarschaft eingeladen, unter ihnen auch Ilona, Ralfs Mutter, mit der Martha seit langem eng befreundet war. „Hazel, du wohnst ja hier recht hübsch, aber mir wäre es doch zu nah am Hexenhaus. Pass nur gut auf dein Töchterchen auf!“, sagte sie gerade. Die gebürtige Engländerin lachte und reichte der kleinen Jenny noch einen Schokokeks. „Eine echte Hexe, oh wie interessant! Möchte noch einer Kaffee?“ Unbekümmert reichte sie die Kanne herum und brachte das Gespräch schnell wieder in andere Bahnen. Es ging um Schule, Erziehung, Kochrezepte und diverse andere Themen. „Oh Jenny, du hast dich ja eingesaut, du kleines Ferkel!“ Niemand hatte auf das blonde Lockenköpfchen geachtet. Nicht nur im Gesicht sondern auch auf dem geblümten Kleid und der Tischdecke hatten Sahnetorte und Schokokekse deutliche Spuren hinterlassen. „Mutti, das macht doch nix, das waschen wir wieder“, zärtlich fuhren die Schokohände der Vierjährigen durch das Haar ihrer Mutter. Unter Gelächter und mit guten Ratschlägen fand der Kaffeeklatsch seinen Abschluss.
Zur gleichen Zeit beschlossen die drei Jungs, die Hexe mal aus dem Haus zu locken, da Mark sie unbedingt sehen wollte. „Sicher ist sie alt und hässlich. Mit einer dicken Warze auf der Nase“, kicherte Ralf. „Ja, und mit einem schwarzen Umhang und einem Zauberstab“, ergänzte Peter. „Quatsch, sie ist doch nicht Gandalf, der Zauberer“, lachte Mark. „Wirst schon sehen! Aber wie machen wir das jetzt?“ „Wir müssen dichter ran und werfen dann Steine gegen ihr Fenster!“ „Ich habe eine Zwille dabei!“ Auf Zehenspitzen schlichen sie sich im Schutz der Bäume an. Da öffnete sich die Tür. Vor Schreck stolperten die drei Freunde übereinander und küselten über den Boden. „Mensch, die ist ja gar nicht alt und ..“ „Komm endlich!“ Ralf und Mark hatten bereits das Weite gesucht. Peter rappelte sich auf und sah direkt in die Augen der Hexe.
Er war wie erstarrt, obwohl er doch eigentlich davon laufen sollte. „Hast du dir weh getan?“ Die Hexe half ihm vorsichtig auf. Eine sanfte Stimme, smaragdgrüne Augen und kurzes dunkles Haar. Sie war jung und hübsch. Peter sah sie zweifelnd an, als könne sie sich doch noch in eine alte Frau oder etwas anderes verwandeln. „Komm mit, ich möchte dein Knie drinnen verarzten. Hab keine Angst, ich werde nicht plötzlich eine andere Gestalt annehmen.“ Ihr Lachen war glockenhell. Konnte sie etwa Gedanken lesen? Erst jetzt sah der Junge, dass sein Knie stark blutete. Mit gemischten Gefühlen folgte er der Hexe in ihr Haus.
„Was machen wir denn jetzt? Er geht tatsächlich mit der mit!“ Verzweifelt sah Ralf seinen neuen Freund an. Mark zuckte ratlos mit den Schultern. Auch ihm saß der Schrecken noch in allen Gliedern. „Wir warten, bis er wieder raus kommt.“ „WENN er wieder rauskommt.“ Verzagt ließ sein Kumpel den Kopf hängen.
Inzwischen hatte die Hexe drinnen Peters Knie verarztet. „Was ist das für eine Salbe“, erkundigte der sich argwöhnisch. „Krötenfett, Schneckenschleim und noch ein paar geheime Zutaten, die ich dir leider nicht verraten kann.“ Sie beugte sich dicht an sein Ohr: „Berufsgeheimnis.“
„Bist du eine … eine…“ „Eine Hexe? Finde es selbst heraus!“ Prüfend wanderte sein Blick durch die Küche, die eigentlich ganz normal aussah. Naja, bis auf den großen altmodischen Kessel über der Feuerstelle, die vielen Kräuter, die überall zum Trocknen hingen und ein Regal mit seltsamen Flaschen und Behältern. Aber weder Hexenbesen noch Zauberstab konnte er entdecken. Die junge Frau war ganz normal gekleidet: Jeans und weißes Shirt. „Übrigens heiße ich Laura.“ Wieder ertönte ihr helles Lachen. Peter merkte, dass er rot anlief. „Ich bin Peter“, stotterte er. „Klar!“ Die grünen Augen blitzten. „Möchtest du einen Kakao oder einen Tee?“ Er glaubte fast, ein Schnurren in ihrer Stimme zu hören. „Wo ist deine Katze?“ „Welche Katze? Ach so, die. Na sie kommt und geht, keine Ahnung, wo sie grad ist. Also, doch lieber Kakao?“ Lauernd sah sie ihn an. Sie sieht selbst aus wie eine Katze, dachte der Junge. „Danke, aber ich muss los. Meine Freunde warten auf mich.“ Laura nickte. „Vielleicht nächstes Mal. Bring doch Ralf und Mark einfach mit.“ Nichts wie raus hier! Woher wusste die die Namen seiner Freunde? Und schon rannte er los.
Draußen war die Erleichterung groß. „Mensch, du lebst!“ „Erzähl mal!“ „Wie sieht es bei der aus?“ „Du hast hoffentlich nichts gegessen!“ Und Peter erzählte – natürlich nur das Gute. Laura war wunderschön und hatte sein Knie verarztet, ihm dann auch was zu trinken angeboten Nein, einen Zauberstab hatte sie wohl nicht, auch keinen Hexenbesen. Aber nächstes Mal sollte er seine Freunde mitbringen. „Ja klar, dann hat sie uns alle drei auf einen Streich“, sagte Ralf. „Ist sie denn nun eine Hexe?“, erkundigte sich Mark. „Woher soll ich das wissen?“ Peter zuckte die Schultern. „Wenn deine Wunde morgen verheilt ist, dann hat sie Hexenkräfte“, entschied Ralf. „Genau! Wir dürfen zu Hause aber nicht erzählen, wo wir waren!“, warnte Peter.
Auf dem Weg kreuzte die schwarze Katze ihren Weg. Sie machte einen Buckel und fauchte. Peter nahm einen Stein auf und warf ihn nach dem Tier. „Ich glaube, du hast sie getroffen“, meinte Ralf zufrieden. „Hoffentlich nicht. Wie könnt ihr nur so gemein sein?“ Der eigentlich weichherzige und tierliebe Mark wunderte sich einmal mehr über das Verhalten seiner Kameraden.
Am nächsten Morgen war Peters Knie vollkommen in Ordnung, nicht einmal Schorf hatte sich gebildet. „Also ist Laura doch eine Hexe“, murmelte er. Nach der Schule beratschlagten sie eifrig. „Wir müssen sie von hier vertreiben!“ „Sollen wir nicht erst nochmal am Haus vorbeischauen?“ Mark war trotz aller Beweise unsicher. Das konnte nicht verkehrt sein, also stimmten alle zu. Allerdings war we immer Vorsicht geboten. Im Vorgarten sahen sie Laura beim Himbeeren pflücken – sie humpelte leicht. Peter zog die anderen zur Seite und erzählte von seinem Verdacht: „Auf ihrem Grundstück und im Haus ist sie ein Mensch und draußen auf der Straße eine Katze. Seht selbst: gestern habe ich sie mit dem Stein verletzt, und heute humpelt sie.“ Mark sah ihn noch immer zweifelnd an. „Sollen wir das nicht lieber erst unseren Eltern erzählen?“ Peter schüttelte den Kopf. „Dann bekommen wir tierischen Ärger. Wir sollen ja nicht mal in die Nähe des Hexenhauses. Nein! Das erledigen wir selbst!“
Nun wurde ein Schlachtplan entworfen. Und am nächsten Morgen schwänzten die drei Helden die Schule, um ihr finsteres Vorhaben in die Tat umzusetzen. Diesmal kamen sie von hintenum das Haus herum und kletterten über den Holzzaun. Peters Hände zitterten leicht, als er die mitgebrachte Stoffbluse anzündete – er verbrauchte dann auch drei Streichhölzer dafür – und durch ein offenstehendes Fenster in ein Zimmer an der Rückseite des Hauses warf. Synthetik fängt bekanntlich schnell Feuer, und schreiend wälzte sich der Junge kurz darauf am Boden. Er hatte sich die Hand verbrannt. Doch auch die Gardinen standen inzwischen in Flammen. Plötzlich wurden Stimmen laut. Die Jungen standen unschlüssig herum. Sollten sie Peter einfach wieder einmal zurücklassen?
Dann ging alles ganz schnell. Wasser spritzte durch das Fenster, und noch schwelende, leicht verkohlte Vorhänge flogen in den Garten. Eine Frauenstimme überschlug sich: „Was ist denn hier los?!“ Eine schwarze Katze zischte miauend an ihnen vorbei über den Zaun, und ein kleines Mädchen rannte jauchzend mit ausgebreiteten Armen auf Mark zu. „Jenny!“ „Drinnen ist ein Feuer, das riecht so gut! Aber ich musste raus!“, berichtete sie mit glänzenden Augen. „Mark! Was tut ihr denn hier?“ Streng klang die Stimme seiner Mutter. Nun füllte sich der Garten langsam mit Frauen. „Ralf, habt ihr etwas mit dem Feuer zu tun?“ Drohend kam Ilona auf ihn zu. Martha beugte sich über Peter und rief um Hilfe. Jetzt erschien auch Laura, die die wenigen Flammen endgültig gelöscht hatte. Zum Glück hatte Merlin, der Kater, den Brand sofort bemerkt und sie darauf aufmerksam gemacht. So konnte grösserer Schaden verhindert werden. „Aber, wir wollten doch nur…“, stammelte Ralf hilflos. Während Laura ein Pulver auf Peters Brandblasen gab, erstatteten die anderen kleinlaut Bericht. „Wie könnt ihr nur so dumm sein und so unverantwortlich handeln?!“, fragte Ilona kopfschüttelnd. „Wir hätten alle verbrennen können!“ „Ganz unschuldig seid ihr ja nicht“, stellte Hazel fest. „Was erzählt ihr euren Kindern auch solche Geschichten – von wegen Hexe und so!“ Beschämt senkten die Nachbarinnen den Blick. „Aber wir konnten doch nicht wissen, dass ihr … wieso seid ihr eigentlich alle hier?“, fragte Mark kleinlaut. „Von dir hätte ich eigentlich mehr Verstand und Herz erwartet, Mark, ich bin sehr enttäuscht“, sagte seine Mutter ernst. „Laura hat uns alle zu Kaffee und Kuchen eingeladen, damit endlich diese blöden Gerüchte aufhören. Und dann kommt ihr daher und fackelt ihr beinahe das Haus über dem Kopf ab! Solltet ihr nicht stattdessen in der Schule sein und lernen?“
„Tja Peter, hoffen wir, dass die Hand ebenso schnell wie dein Knie heilt“, schmunzelte Laura und setzte nur für ihn hörbar hinzu: „Wäre es die linke gewesen, die das Feuer gelegt hat, so würde ich gewiss für ein lebenslanges Andenken sorgen. So aber – na, wir werden sehen …“ Peter lief ein Schauder über den Rücken. Woher wusste die Hexe, dass er Linkshänder war? Es war und blieb rätselhaft und unheimlich. Am Ende waren sich alle im Ort einig, dass Laura doch eine wunderbare Nachbarin war, der man grosses Unrecht getan hatte – alle bis auf Peter, der da so seine Zweifel hatte.
(Aus dem Buch „Unheimliche Geschichten“
https://www.amazon.de/Unheimliche-Geschichten-Christine-Erdic-ebook/dp/B07QH1P9M3/ref=sr_1_4?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&dchild=1&keywords=christine+erdi%C3%A7&qid=1619602005&s=digital-text&sr=1-4 )

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