Der Flug auf dem Drachen

Es war ein schöner und warmer Tag. Die Sonne strahlte nur so vom Himmel. Aber Griffin hatte keinen Blick dafür. Er maulte vor sich hin und kickte zornig einen kleinen Felsbrocken zur Seite. Das war spielend leicht, denn Griffin war ein Troll und fast drei Meter groß. Von unten am Hang erklang ein markerschütternder Schmerzensschrei, dort hatte der Felsbrocken sein Ziel gefunden.
„Aua! Wer schmeißt hier mit Gestein um sich?!“ Ein schuppiger grüner Kopf erschien, und rotglühende Augen funkelten Griffin böse an.
„Eine Riesenechse“, brummte der und kratzte sich etwas ratlos am Schädel. Wo nur hatte er so ein Tier schon einmal gesehen?
„So blöd kann auch nur ein Troll sein“, zischte der grüne Kopf verärgert.
„Ich bin Dragor, der Feuerdrache! Hast du den Stein geworfen?“
„Feuerdrache?“, echote Griffin. „Bist du deshalb so grün?“
Der Drache erhob sich drohend und überragte den Troll nun um einige Kopflängen.
„Willst du mich vergackeiern oder bist du wirklich so dämlich?“
„Ich wollte dich nicht treffen!“ maulte Griffin. „Aber nenn mich nicht dämlich, das tun sowieso immer alle.“
„Ach wirklich? Ich kann gar nicht verstehen, warum die das tun“, spottete der Drache und stellte den Kamm auf seinem Kopf auf.
„Danke, dass du das sagst. Ich verstehe es nämlich auch nicht. Aber egal was ich tu, immer heißt es: Griffin ist dämlicher als jeder seiner Art, Griffin ist sogar für einen Troll zu tollpatschig, Griffin hat kein Gramm Hirn in seinem Schädel“, klagte der Troll dem Drachen sein Leid.
Dieser verbiss sich krampfhaft das Lachen und stieß dabei zwei kleine Rauchwolken durch seine großen Nasenlöcher.
„Kannst du kein anständiges Feuer blasen? Ich dachte, Drachen tun das“, erkundigte sich Griffin.
Der Drache senkte beschämt seinen Kopf.
„Deshalb bin ich weggelaufen von daheim. Ich kann kein Feuer blasen, bei mir kommt nur feuchter Qualm. Alle lachen schon über mich“, gestand er leise.
„Oje“, sagte der Troll und schüttelte mitfühlend seinen riesigen unförmigen Schädel,
„Vielleicht hast du zu feuchte Nasenschleimhäute.“
Dragor schnaufte verächtlich eine Rauchwolke durch die Nase. „Was versteht schon ein dummer Troll davon?“
„Dann kann ich ja wieder gehen“, beleidigt erhob Griffin sich.
„Warte“, sagte der Drache. „Hast du schon gehört, dass der Koboldkönig seinen Sohn vermisst?“ Griffin schüttelte den Kopf. „Der Prinz ist auch von zu Hause weggelaufen?“, fragte er irritiert.
„Nein! Er ist entführt worden. Von der Hexe Iwana. Sie fordert ein hohes Lösegeld.“
„Der König hat sicher genug Gold.“ Der Troll kratzte sich nachdenklich am Kopf.
„Aber richtig ist es nicht, dass er für seinen eigenen Sohn bezahlen soll.“
Der Drache blinzelte ihm zu. „Was ist? Wollen wir den Prinzen befreien? Bist du dabei?“
„Na klar! Dann los“, sagte Griffin und trat dem Drachen vor Freude auf den Fuß. Er durfte mit! Jemand wollte ihn wirklich dabei haben. Zum ersten Mal in seinem Leben war er richtig glücklich.
„Ahhhh, steig auf, ehe ich es mir doch noch anders überlege!“, kreischte das gepeinigte Tier und rollte vor Schmerz die Krallen ein.
Kurz darauf breitete es seine kräftigen Flügel aus und erhob sich steil in die Luft, während der Troll sich krampfhaft an dem schuppigen Hals festklammerte, um nicht herunterzufallen. Unter ihm wurden die Berge und Wiesen immer kleiner. Er schloss die Augen und fühlte, dass sein Frühstück nicht bei ihm bleiben wollte.
Nach einiger Zeit landeten sie vor einem mit Wald bewachsenen Hügel.
„Schau, dort müssen wir hinauf. In dem Wald wohnt die Hexe“, erklärte der Drache.
„Warum sind wir dann schon hier gelandet?“, fragte der Troll.
Der Drache stieß zwei kleine Rauchwolken aus. „Erstens weil Iwana uns nicht gleich sehen soll, und zweitens weil ich im Wald nicht genug Platz für die Landung habe.“
„Ja, das stimmt. Wir wären vielleicht in einem Baum gelandet und dort nie wieder herunter gekommen“, überlegte Griffin. „Was war nochmal Grund Nummer eins?“
„Pssst …wir schleichen uns leise an“, zischte Dragor, während sie geräuschvoll durch das Unterholz brachen.
„Hör doch mal“, sagte der Troll, nachdem sie schon eine ganze Weile gegangen waren. Noch immer war kein Hexenhaus in Sicht. Dafür ertönte aus der Ferne ein fürchterlicher Gesang, nein, eher ein disharmonisches Gekreische.
„Wer jammert denn da so erbärmlich?“, stöhnte der Drache genervt.
Sein Begleiter deutete auf einen Käfig, der an einem Ast im Baum hing. In ihm saß ein Vogel mit einem Menschenkopf und gab schrille Töne von sich. Langes schwarzes Haar umrandete ein zartes Gesicht mit kirschroten Lippen und wunderschönen blauen Augen.
„Sicher ein Verwandlungswerk der Hexe“, überlegte Dragor.
„Was?“, fragte Griffin, der seine Worte nicht gut verstehen konnte, weil er sich die Ohren zuhielt.
„Nein, ich bin eine Sirene“, sagte der Vogel mit dem Mädchenkopf und unterbrach dabei das Geheule. „Wir singen auf den Grabstätten die Trauerlieder für die Toten.“
„Ja, genauso hört sich das auch an“, stimmte der Drache zu. „Und warum bist du dann nicht auf einem Grabstein sondern in diesem Käfig?“
„Die Hexe hat mich eingesperrt und in den Wald verbannt, nachdem durch meinen schönen Gesang ihre hässlichen Fensterscheiben zersprungen sind“, beschwerte sich die Sirene mit schriller Stimme.
Dragor nickte verständnisvoll. „Griffin, nimm endlich deine Daumen aus den Ohren“, sagte er und rüttelte am Arm des Trolls. Der gehorchte widerwillig und betrachtete dann interessiert das Ohrenschmalz unter seinen langen Nägeln.
„Ich dachte immer, Sirenen wären sowas wie Meerjungfrauen, halb Frau und halb Fisch“, überlegte der Drache.
„Es gibt zwei Arten von uns“, erklärte die Sirene kichernd. „Die, die du meinst leben im Wasser und locken die Fischer mit ihrem betörenden Gesang in die Irre und dann ins kühle Meer hinab. Dort sind sie auf ewig gefangen. Meine Art kann niemanden mit Liedern anlocken.“
„Nein, wohl kaum“, bemerkte der Drache trocken.
„Aber was wolltest du eigentlich bei der Hexe?“, fragte er dann.
„Gar nichts. Sie wollte eine Sirene der anderen Art herbeirufen, die sollte dann Menschen in ihr Haus locken. Aber ihr Zauber ist misslungen. Es machte puff, und dann stand ich auf einmal in ihrer Hexenküche“, die Sirene hob zum Klagegesang an.
Griffin schüttelte abwehrend den Kopf, und Dragor stieß kleine Flammen durch seine Nasenlöcher aus.
„Ist es denn wirklich so schlimm?“, fragte die Sirene. Die beiden nickten einvernehmlich.
„Du hast es geschafft, du schnaubst Feuerfunken“, sagte der Troll stolz zu seinem geflügelten Begleiter.
„Oh wirklich? Das kommt sicher, weil ich eben richtig wütend war“, freute sich der Drache.
„Lasst ihr mich aus dem Käfig raus?“, fragte die Sirene hoffnungsvoll.
„Nur wenn du nicht mehr singst“, antwortete Dragor. „Wie ist eigentlich dein Name? Wir sind Griffin und Dragor.“
„Aglaope, das bedeutet herrliche Stimme“, antwortete die Sirene stolz.
„Oh ja, das passt wie die Faust aufs Auge.“ Der Drache hatte Mühe, nicht laut los zu prusten, und dem Troll sah man an, wie es hinter der flachen Stirn arbeitete.
„Wie singen wohl die anderen?“, brummelte er vor sich hin.
„Hat die Hexe einen kleinen Koboldjungen bei sich?“, fragte Dragor, während er die Käfigtür öffnete. Aglaope nickte. „Ja den kleinen Prinzen. Aber der ist richtig ungezogen. Gestern hat er Hühnermist in den Kessel mit dem Eintopf geschmissen.“
Das war zu viel für den Drachen, er lachte so laut, dass es durch den ganzen Wald schallte.
Auf der anderen Seite des Waldes hob die grauhaarige Hexe Iwana ihren Kopf und zog witternd die Luft ein. „Ich rieche einen Drachen und noch etwas anderes – ah, einen Troll!“ Verächtlich rümpfte sie die Nase. Der kleine Prinz Nepomuck nutzte die Unaufmerksamkeit der ungeliebten Hexe, um etwas roten Pfeffer in den Trank zu mischen, der in einem kleinen Fläschchen auf dem Holztisch stand. Danach setzte sich der Fünfjährige artig in seine Ecke und spielte weiter mit der schwarzen Katze.
„Bald gehst du zurück nach Hause. Ich tausche dich gegen einen Sack mit Gold ein. Und von dem Gold baue ich mir ein großes Schloss, tausendmal schöner als diese elende Hütte“, versprach sie dem Jungen. Aber Nepomuck wollte gar nicht nach Hause. Hier war es ja viel interessanter für ihn.
„Du bist doch eine Hexe“, sagte er, „warum kannst du die Hütte nicht einfach in ein Schloss verzaubern und die Katze in einen Panther? Aber vielleicht bist du ja gar keine echte Hexe!“ Herausfordernd sah er Iwana mit seinen dunklen Augen an.
„Das kann ich wohl, du dummer Junge“, kreischte die. „Aber mein Zauber hält nur eine gewisse Zeit. Sobald er vergeht ist das Schloss wieder nur eine Hütte.“
„Alles Schall und Rauch“, sagte der Kobold. Diese Worte hatte er bei seinem Vater aufgeschnappt. Die Hexe fauchte vor Wut und machte einen Buckel wie ihre schwarze Katze.
Inzwischen hatten Griffin, Dragor und Aglaope die Hütte erreicht. Der Troll klopfte höflich an und sah dann fasziniert zu, wie die Tür einfach unter seiner Hand wegbrach.
„Aglaope“, jauchzte der Prinz und rannte mit ausgebreiteten Armen auf die Sirene zu. Iwana zuckte zusammen. Nein, das durfte nicht sein! Der Albtraum ihrer schlaflosen Nächte war zurückgekehrt.
Der Drachenkopf verdunkelte den Eingang.
„Wir sind gekommen, um dich zu deinen Eltern zurück zu bringen, kleiner Prinz!“
„Och nöööö, wo es doch gerade so schön ist“, murrte Nepomuck enttäuscht.
„Ich gebe ihn nicht raus! Ihr bekommt ihn erst, wenn ich mein Lösegeld habe“, kreischte die Hexe und umklammerte das Kind. „Da hast du dein Gold“, schnaubte Dragor und blies eine Feuerwolke in den Kamin. Laut knisterte das frisch entflammte Holz, und lodernde Flammen schlugen unter dem schmiedeeisernen Kessel hoch, in dem alsbald die Suppe zu brodeln begann. Der Troll schlug bekräftigend auf den Tisch, der mit einem knarzenden Geräusch unter seinen Fäusten zusammenbrach.
„Griffin, schnapp dir den Kleinen und dann nix wie weg“, rief der Drache.
„Das werden wir ja sehen“, schrie Iwana und fing geschickt die Flasche mit dem Zaubertrank auf. „Jetzt werde ich zur Bestie!“ Bevor jemand es verhindern konnte, kippte sie das Gebräu in einem Zug hinunter. Plötzlich war das Chaos perfekt. Die Hexe lief rot an und bekam einen schrecklichen Hustenanfall. Die Sirene begann zu singen, die neuen Fensterscheiben zersprangen klirrend in tausend Scherben, der Troll schnappte sich aufheulend den Koboldprinzen und stürmte, gefolgt von der fauchenden Katze, nach draußen, und zu allem Überfluss steckte der schreckliche Drache schon wieder seinen Kopf in den Raum und drohte: „Wenn du dich noch einmal in der Stadt blicken lässt und dem Kleinen auch nur ein Haar krümmst, setze ich deine ganze Hütte in Brand!“
Zitternd und mit Tränen in den Augen blieb die Hexe zurück. Sie hatte sich noch immer nicht vom Husten erholt, und der Pfeffer kratzte und brannte wie Feuer in ihrem Hals. Schemenhaft sah sie, wie der Troll mit dem Kobold auf den Rücken des Drachen stieg. Eigentlich war sie ganz froh, alle los zu sein, einschließlich des Prinzen. Aufatmend sah sie den beladenen Drachen in Begleitung der Sirene davonfliegen. Sie würde jetzt ihre Katze suchen und die Tür wieder einsetzen. Wie war das doch noch? Besser eine Hütte in der Hand als ein Schloss auf dem Dach? Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Der Umgang mit diesen seltsamen Sirenen, Drachen und was auch immer machte sie noch völlig meschugge. Von nun an würde sie sich fernhalten von allem, was da draußen war, es tat ihr nicht gut.
Nepomuck aber genoss den Flug auf dem Drachen und fand das alles noch viel interessanter und aufregender als die schöne Zeit im Hexenhaus. Von nun an waren sie dicke Freunde, der Koboldprinz, der Drache, der Troll und die Sirene. Und wenn sie nicht gestorben sind,
(Eine Leseprobe aus dem Buch „Nepomucks Märchenr“)

Nepomucks Märchen
Kobold Nepomuck entführt euch in die bunte Welt der Märchen. Und hier ist allerlei los! Das ganze Zauberland steht Kopf, denn der vergessliche Zauberer Ugoblix hat sein Zauberbuch verlegt, Ginny findet sich an ihrem siebten Geburtstag plötzlich im Elfenland wieder, Nepomuck reist mit einem Flaschengeist durch die Lüfte und Jenny versucht das Märchenland zu retten, das die Hexe Babula in einem See aus flüssiger Schokolade ertränken will.
Zu jedem der 14 spannenden Märchen gibt es ein lustiges Ausmalbild – so können die kleinen Leser das Buch ganz individuell mitgestalten.
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Die deutsche Buchautorin Christine Erdic lebt zur Zeit hauptsächlich in der Türkei.
Beruflich unterrichtet sie in der Türkei Deutsch für Schüler (Nachhilfe), sie gab
Sprachtraining an der Uni und machte Übersetzungen für türkische Zeitungen.
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Frau Christine Erdiç

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