Heute schon gegendert?

Ich fange gleich einmal genderneutral an, indem ich sage: Hallo Leute!
So, oder so ähnlich werden wir demnächst u.a. bei der Lufthansa begrüßt und die Passagiere werden sicherlich ausflippen vor Begeisterung. Andere Firmen werden folgen und bald haben wir eine vollkommen neue Sprache entwickelt, neue Umgangsformen und alles wird natürlich viel, viel besser als bisher.
Mein Nachbar, ein Herr Schwarz, hat bereits seine Namensänderung beantragt. Zu sehr ist der Begriff Schwarz geschichtlich belastet. Das möchte er geändert haben. Und die Vorteile einer Sprachänderung bringen allgemein auch unendliche Vorteile mit sich. Stellen Sie sich mal vor, es gibt keine Schwarzfahrer mehr! Heute noch verachtet, sind die ab morgen nicht mehr existent. Auch die GEZ profitiert, Schwarzhörer gab es vielleicht früher einmal, das ist vorbei. Haaach, in was für eine wunderbare neue Welt wir uns doch begeben …
Ein wenig Bedenken kommen mir trotzdem, ganz besonders für den Fall gendergerechter Ansprache. Sind wir doch einmal ehrlich zu uns selbst. Wie spreche ich denn einen Mann in Frauenkleidern an? Liebe Transe ist sicherlich falsch. Und man weiß ja auch nicht, handelt es sich nicht eventuell doch um eine Frau mit maskulinen Zügen? Das muss man der Korrektheit halber vorab klären. Doch wie geht man in solchen Fällen korrekt vor? Um alle Zweifel auszuräumen bliebe eigentlich nur ein gewagter Blick, ggf. die freundliche Aufforderung: Bevor ich Sie falsch anrede, zeigen Sie bitte mal eben wie ich sie geschlechtsspezifisch einzuordnen habe. Natürlich entbehrt das dann nicht einer gewissen Peinlichkeit, zumindest bei manchen Menschen, andere Personen hingegen sind gar ausgesprochen zeigefreudig.
Es ist ja auch nicht gänzlich auszuschließen, dass man durch schamlose Zeitgenossen mit einer provokanten Gegenfrage konfrontiert wird: Gefällt´s Dir? Grausame Vorstellung!
Ein DNA-Zertifikat könnte Abhilfe schaffen, vielleicht als App auf dem Smartphone?
Dann kommen wir zu den Kindern. In Holland gab es eine Zeit lang grundsätzlich auch die Anrede liebe Kinder, immer im Anschluss an meine Damen und Herren. Weil unsere Sprachartisten aus der Politik das sicherlich zu banal finden, wird es dafür bestimmt auch recht bald eine neu konstruierte Anrede geben. Ich denke da an eine sehr korrekte Bezeichnung wie: Geschätzte heranwachsende Zukunftsträger, oder liebe zukünftige Finanziers unserer Renten. Doch, doch, politisch korrekt und so kritiklos höflich zugleich. Ob es unbekannte Gründe dafür gibt, dass die bisherige neue Anrede in Holland wieder wortlos verschwand, bleibt rätselhaft.
Also Leute, wir müssen uns kümmern. Ich sprach bereits mit einer Vorständin eines großen Konzerns darüber, was mein althergebrachtes Denkschema als rückständig entlarvte. Darf mir nicht noch einmal passieren. Politische Korrektheit ist ab sofort mein oberstes Gebot. Darum bezeichne ich die Klofrau aus dem Bundestag ab sofort höchst respektvoll als Hinterlassenschaftsbeauftragte mit Dufthintergrund!
Willkommen im Zeitalter der Korrektheit, es wird in die Geschichtsbücher eingehen, wetten das?

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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