Leseprobe: Das Märchenland ist in Gefahr

Jenny rieb sich verwundert die Augen. Das konnte nicht sein! So etwas gab es nicht! Nicht in der Wirklichkeit zumindest. Doch das weiße Kaninchen kam direkt auf sie zu gehoppelt, und es sah genauso aus, wie das Tier aus dem Märchenbuch, das sie gerade hier auf der Wiese gelesen hatte.
„Das Märchenland ist in Gefahr!“, rief das aufgeregte Tier und schwang dabei seinen dunkelblauen Zylinder durch die Luft. Jenny kniff die Augen fest zusammen und riss sie dann wieder auf. Das konnte nur ein Traum sein. Tiere können nicht sprechen. Oder etwa doch?
„Wenn du noch länger dort hocken bleibst, dann wird die Hexe Babula das ganze Märchenland in einem See aus flüssiger Schokolade ertränken!“, schrie das Kaninchen verzweifelt und rollte mit den Augen.
„Ja, was kann ich denn dagegen tun? Wie kommst du überhaupt aus dem Buch heraus? Und warum kannst du sprechen?“ Jenny schüttelte benommen den Kopf.
„So viele Fragen auf einmal! Wo doch jetzt überhaupt keine Zeit dafür ist! Folge mir, und du wirst die Antworten selber finden!“ Das Kaninchen eilte voraus, schlug einen eleganten Haken und verschwand plötzlich in einer verborgenen Höhle im tiefen Gras. Zögernd blieb das Mädchen stehen. Es war wohl doch eher ein Traum.
Da schaute der Kopf des Tieres nochmals aus dem Loch, und eine ungeduldige Stimme erklang: „Ja! Worauf wartest du denn noch?“
Jenny blieb nichts anderes übrig, als dem hektischen kleinen Nager in das enge dunkle Labyrinth zu folgen, denn etwas anderes war es nicht, was sich dort hinter dem Eingang verbarg. Zum Glück war die Achtjährige recht zierlich und klein, sonst wäre sie mit Sicherheit irgendwo auf dem Weg stecken geblieben.
Am Ende des letzten Ganges sah sie ein seltsames diffuses Licht, es schimmerte blau und rosa, und dann stand sie schließlich neben dem Kaninchen auf einer violetten – ja wirklich und wahrhaftig auf einer violetten Wiese. Blumen blühten in allen Farben des Regenbogens unter einem zartrosa Himmel. Es sah alles so unwirklich aus, wie in einem Traum. Und da kamen sie auch schon: unzählige Zwerge, Kobolde und Elfen. Sie bildeten einen Kreis um Jenny und begannen zu tanzen.
„Könnt ihr mir bitte sagen, wo ich hier bin und was ich hier soll?“, fragte sie verwirrt.
Das Kaninchen lüftete seinen Zylinder und verbeugte sich galant.
„Herzlich willkommen im Märchenland, liebe Jenny. Mein Name ist Balthazar, und ich hatte den Auftrag, dich hierher zu bringen.“ „Dein Auftrag?“ „Ja“, entgegnete das Tier mit ernster Stimme, und die Elfen, Kobolde und Feen nickten eifrig mit ihren Köpfen.
„Es ist ja so wunderschön hier!“ Jenny sah sich verträumt um.
„Das wird aber bald vorbei sein. Babula will das Märchenland nämlich zerstören“, sagte ein Kobold mit besorgter Miene, „deshalb haben wir dich ja auch geholt.“
„Wer bist denn du?“, fragte das Mädchen und musterte den kleinen Kerl, dessen Haare bürstenartig hochstanden, skeptisch.
„Ich bin Nepomuck und habe den Auftrag, dich zu der Hexe zu führen“, machte sich der Waldschrat wichtig.
„Aber warum will sie denn das schöne Märchenland zerstören? Gefällt es ihr hier nicht? Oder ist sie einfach nur böse wie die Hexe in Hänsel und Gretel?“
„Nein, sie ist nicht wirklich böse, aber sie meint, dass die Menschen nicht mehr an Wunder und Märchen glauben und das Märchenland damit überflüssig geworden ist. Sie will es in ein riesiges Schokoladenland verwandeln. Mit Schokofontänen, Marzipanlandschaften und viel buntem Zuckerwerk. Denn Süßigkeiten mögen die Kinder ja immer noch“, sagte Balthazar traurig.
„Wenn ich mir das so richtig überlege, finde ich die Idee mit dem Schokoladenland gar nicht mal so schlecht“, überlegte Nepomuck und hüpfte von einem Bein auf das andere.
Das Kaninchen sah ihn missbilligend an und wies empört auf ein Feld: „Schau mal, was sie mit den Karotten gemacht hat!“ Jenny zog verwundert eine dicke gelbe Karotte aus dem Boden.
„Aber … die ist ja ganz aus Marzipan!“ rief sie verwundert aus und nahm einen Bissen. Es schmeckte köstlich. „Hmm, lecker…“
„Siehst du! Ich habe es ja gewusst! Den Menschenkindern sind Marzipan und Schokolade eben wichtiger als Märchen!“, sagte eine Elfe anklagend und schlug wild mit ihren grünlich schimmernden Flügeln.
Jenny schüttelte ihren Kopf. „Ich mag Süßigkeiten, das stimmt schon. Aber sie können niemals die wunderschönen Märchen ersetzen. Eine Welt ohne Märchen und Fantasie wäre doch traurig und grau.“ Ernst sah sie die Elfen, Feen und Kobolde an. Dann wandte sie sich wieder dem Kaninchen zu.
„Was soll ich denn nur machen, Balthazar? Sag es mir, denn ich möchte nicht, dass das Märchenland zerstört wird.“
Das Tier winkte ihr, ihm zu folgen. Es ging in einen Wald mit wunderschönen bunten Bäumen. Nach einiger Zeit wurde der Wald dichter, und schließlich gab es nur noch Tannen. Hier, wo die grünen Sonnenstrahlen kaum den Boden berührten, hatte die Hexe Babula ihr Domizil. Die Zwerge, Elfen und Kobolde blieben, bis auf Nepomuck, immer weiter zurück und waren dann auf einmal ganz verschwunden. Das kleine schiefe Hexenhäuschen war reichlich mit köstlichen Lebkuchen und Plätzchen verziert. Jenny widerstand dem Drang, einfach etwas davon abzubrechen und zu kosten. Es ging ja um viel wichtigere Dinge jetzt.
Zaghaft klopfte das Mädchen an die Tür. Das Kaninchen blieb vorsichtshalber in sicherem Abstand hocken.
Von drinnen ertönte ein schauriges Lachen. Kurz darauf öffnete sich knarrend die Tür, und eine bucklige grauhaarige Hexe trat heraus.
„Wir haben dich schon erwartet, Jenny“, schnurrte der schwarze Kater auf Babulas Rücken und fixierte das Mädchen mit seinen neongrünen Augen. Balthazar verschwand lieber hinter einem Busch. Vor dem Stubentiger hatte er großen Respekt.
„Komm nur herein, mein Kind, ich habe auch leckeren selbstgebackenen Kuchen und heiße Schokolade für dich“, säuselte die Hexe verführerisch.
Jenny folgte ihr zögernd ins Innere der kleinen Hütte, doch Nepomuck zischte wie ein geölter Blitz an ihr vorbei. Innen wirkte die Hütte plötzlich viel größer und geräumiger, fast wie ein kleiner Palast. Durch die Fensterscheiben aus Zuckerguss fiel sanftes Licht in den Raum mit den kunstvoll geschnitzten Holzmöbeln.
„Alles Lug und Trug“, kicherte Babula und stellte einen Teller mit Lebkuchen auf den Tisch.
Jenny schüttelte den Kopf „Ich will deinen Lebkuchen nicht und auch nicht deine heiße Schokolade“, sagte sie mit fester Stimme.
Eine kleine Hand griff nach dem Teller, und der Kater fauchte. Er machte einen riesigen Satz, doch der Kobold verschwand in Windeseile mit seiner Beute.
„Was willst du denn dann?“, fragte die Hexe erstaunt.
„Ich will, dass das Märchenland erhalten bleibt in all seinen Farben und mit all seinen Wesen. Du hast kein Recht, es zu zerstören!“, rief das Mädchen aufgebracht.
„Schau mal dort hinten hin. Ich habe einen Kessel erschaffen, aus dem bis in alle Ewigkeit Schokolade fließt, genug für dich und alle Kinder auf dieser Erde. Dieser Quell wird nie versiegen. Ich werde das ganze Märchenland darin ertränken. Dann gibt es nur noch mich und euch“, kicherte die Hexe.
„Du bist wirklich böse! Du darfst die Elfen, Kobolde, Feen und all die anderen Bewohner des Märchenlandes nicht in deiner heißen Schokolade ertränken! Und wenn du das Märchenland vernichtest, dann kann auch deine Katze gar nicht mehr sprechen!“ Jennys Augen blitzten vor Zorn.
„Hmm, ja das stimmt“, sagte Babula nachdenklich mit einem besorgten Blick auf ihr Haustier und runzelte die Stirn. „Aber die Menschen wollen ja gar keine Märchen mehr lesen oder hören, und sie haben schon lange aufgehört, an Wunder zu glauben.“
„Dann müssen wir sie eben dazu bringen, wieder an Märchen und Wunder zu glauben. Aber das schaffen wir nicht, wenn du hier alles zerstörst“, antwortete Jenny mit entschiedener Stimme.
„Gut, wir werden es versuchen, Jenny. Ich werde das Märchenland nicht zerstören, solange noch ein Mensch auf der Welt an uns glaubt, das verspreche ich dir.“
„Ich werde immer an euch glauben!“ Jenny sah der Hexe fest in die Augen.
„Eigentlich ist es ja sehr schade um die schöne Schokolade“, murmelte die bedauernd.
„Aber die nicht versiegende Schokoquelle kann doch trotzdem bleiben und Teil des Märchenlands sein“, tröstete das Mädchen Babula.
Der Kater rieb sich schnurrend an ihren Beinen: „Ich halte das für eine ausgezeichnete Idee“, sagte er, „was wäre die Welt ohne Kaninchen und Kobolde. Wen soll ich denn dann jagen?“
„Und ich muss jetzt gehen, um Balthazar und Nepomuck die frohe Botschaft zu verkünden!“, rief Jenny und eilte frohgemut zur Tür hinaus. Doch was war das?
Jenny rieb sich abermals die Augen. Kein violettes Gras, keine Blumen in Regenbogenfarben! Kein bunter Wald! Und wo war das Hexenhaus, wo waren all die Zwerge, Elfen, Feen und Kobolde geblieben? Kein Balthazar war zu sehen und auch kein Nepomuck!
Da lag nur das aufgeschlagene Märchenbuch vor ihr auf der grünen Wiese inmitten all der gelben Butterblumen. Schmetterlinge flatterten lustig im Wind, und eine helle Sonne strahlte warm vom blauen Himmel. Was war das bloß für ein seltsamer Traum gewesen?
Kopfschüttelnd griff sie nach dem Buch, um es zuzuklappen. Es war jetzt wirklich höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Ihre Mutter würde sicherlich schon mit dem Essen auf sie warten. Da war ihr, als würde ihr das Kaninchen auf dem Bild zuzwinkern. Ja, sie hatte es sogar ganz deutlich gesehen! Sie zwinkerte verschwörerisch zurück und machte sich fröhlich vor sich hin summend auf den Weg.
Eine neue Aufgabe lag vor ihr: den Menschen die wunderschöne Welt der Märchen wieder nahe zu bringen.
(Auszug aus dem Buch „Nepomucks Märchen“)

©byChristine Erdic

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