Ich habe gewählt!!!

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Eigentlich hatte ich an diesem Sonntag andere Pläne, doch überall liest und hört man, Du musst wählen! Nun gut, mache ich das auch.
Eigentlich war es ein herrlicher Tag. Die Sonne streichelte mich, die Vöglein zwitscherten fröhlich in den Bäumen, azurblauer Himmel und die Herbstblumen erfreuten mich total. Auf dem Weg zu meinem Wahllokal begegneten mir Bekannte. „Ist heute super dort“, riefen sie mir entgegen, das machte große Vorfreude.
Draußen standen die Menschen schon Schlange, alle wollten zur Wahl. Geduldig stellte ich mich an. Nach einiger Zeit qualvollen Wartens kam ich endlich an die Reihe. Ein mit medizinischer Maske ausgestatteter Wahlhelfer forderte mich auf, ihm zu folgen. Natürlich musste ich meine Maske aufsetzen, was ich auch tat. An einem Tisch sagte er, hier können sie sich setzen und überreichte mir einen fast riesigen Wahlzettel. Der war sogar in Leder eingebunden. Vielleicht schrieb deshalb die Presse über die teuerste Wahl seit langer Zeit?
Ich schaute hindurch und muss zugeben, eine schwere Entscheidung für mich. Der Mann von vorhin kam zurück und fragte mich, ob ich schon gewählt hätte. So eine Frechheit aber auch! Das ist doch geheim? Allerdings hatte ich mein Kreuzchen schon gemacht, klappte den ummantelten Wahlzettel wieder zu, überreichte es ihm. „Bitte sehr!“ Der schaute mich erstaunt an: „Und warum sagen Sie es dann nicht?“ Ob der bekloppt ist? Ich sage doch nicht laut wofür ich mich entschieden habe. Das geht niemanden etwas an, reine Privatangelegenheit! „Ich habe meine Wahl mit einem Filzstift deutlich angekreuzt! Genügt das nicht?“ Er schluckte: „Sie haben auf unserer Karte Ihr Wunschmenü angekreuzt??? Das melde ich dem Chef!“ Weg war er.
Mein Essen kam. Bei genauer Betrachtung war es quasi eine Koalition aus verschiedenen Zutaten. Hoffentlich nicht von zu vielen Köchen zubereitet … Brei war allerdings nicht dabei.
Tiefrot leuchtete das Fleisch, nachdem ich es durchgeschnitten hatte. Ein wenig Grün kam zu Vorschein, das war Rosmarin. Mehr gelblich hingegen die Senfsoße. Da hatten wir den Senf! Also ein wenig mehr vom Rosmarin wäre passend gewesen. „Sie sollten mehr Grün wagen“, kritisierte ich beim Kellner. Den juckte das nicht weiter, er zeigte mir die kalte Schulter, als ich plötzlich leicht verbruzzelt auch Schwarz entdeckte. Vom Braun des verbliebenen Fleisches mag ich nicht reden. Eindeutig zu viel an Mischmasch, davon wird auch nichts schmackhafter für meinen verwöhnten Gaumen.
Es half nichts, der Rehrücken verlangte nach Rotwein. Aber nur eine halbe Flasche, zu viel an Rot verdirbt Vieles, nicht wahr? Dann wollte ich meine Zweitstimme nutzen, immerhin hatte ich früher im Kinderchor auch die zweite Stimme gesungen. Also kreuzte ich als Nachtisch noch den Rumpudding auf der Liste an, der Wahlhelfer schnaubte … na gut, ich will ja eine klare Entscheidung nicht scheuen. Noch zwei Klare zum Nachspülen.
Auf dem Heimweg kam ich an der Volkswirtschaft vorbei. Alles grölte herum, es flogen ein paar Biergläser und eine schwarzhaarige Frau umarmte einen hageren Typ, knutschte ihn wild und rief: „Ach, mein süßer Hohlkopf.“ Nicht meine Welt. Half mir jedoch auch nicht weiter, denn plötzlich wurde mir etwas flau zumute. War bestimmt etwas viel Grün oder Rot gewesen, genau konnte ich es nicht sagen. Mit letzter Kraft erreichte ich meine Wohnung, erleichterte mich. Noch eine solche Wahl und alles ist aus, so fertig fühlte ich mich danach. Die nächste Wahl ignoriere ich, denn ich habe fertig!

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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