Spannende Leseprobe aus dem Buch „Mystica Venezia“

Die Nacht war dunkel und geheimnisvoll. Kein Stern ließ sich heute blicken, und selbst der Mond hatte sich hinter düsteren Wolken verkrochen. ‚Na, das passt ja zu unserem Vorhaben‘, dachte Guido, dem ohnehin nicht ganz wohl in seiner Haut war.
„Wo wohnt die Hexe denn?“, fragte er jetzt.
„Wenn Estrella inzwischen nicht umgezogen ist, dann sind wir gleich da.“ Ana Karina zog ihr Tuch fester um die Schultern und wies auf ein düsteres zweistöckiges Haus, das alles andere als einladend aussah.
„Ich dachte immer, Hexen wohnen im Wald“, meckerte Guido unzufrieden.
„Sei mal froh, dass sie hier in der Stadt wohnt und wir nicht noch durch einen Wald kraxeln müssen, jetzt im Dunkeln“, zischte Ana Karina verärgert zurück. Ergeben seufzend trottete Guido hinter seiner Schwägerin her, die jetzt die alte Holztür öffnete und langsam die knarrenden Stufen emporstieg. Im Flur roch es undefinierbar nach Essensresten, Schimmel und angefaultem Holz. Das Haus hatte sicherlich auch schon bessere Zeiten gesehen. Guido rümpfte angewidert seine Nase.
Natürlich wohnte die Hexe ganz oben unter dem Dach. Wie konnte es auch anders sein?!
Guido schnaufte und rang nach Luft. Doch dann fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf.
‚Wie eine Kröte sieht er aus‘, dachte Ana Karina und grinste vergnügt vor sich hin. Die Tür war aufgegangen, noch bevor sie klopfen konnten, und vor ihnen stand eine wunderschöne Frau mit den faszinierensten Augen, die Guido je gesehen hatte. Das Blau schimmerte beinahe violett und stand im Kontrast zu den kohlrabenschwarzen Locken, die ein faltenloses und fast markantes Gesicht wie eine Mähne umrahmten.
,Die Hexe trägt Jeans und eine weiße Bluse’, fuhr es Guido durch den Kopf.
„Kommt doch rein, meine Lieben … Ana Karina, mein Herzblatt“, gurrte die Hexe freundlich. Auf ihrer Schulter saß eine weiße Ratte und musterte die Gäste kritisch mit ihren klugen Augen. Ana Karina umarmte Estrella stürmisch und streichelte dann die Ratte.
„Na was ist, junger Mann“, lachte die Hexe. „Willst du da Wurzeln schlagen?“
Drinnen sagte sie belustigt:
„Die Menschen denken immer, ich müsse weiße Haare, ein Kopftuch und eine schwarze Katze auf dem Buckel haben. Aber ich habe schwarzes Haar und eine weiße Ratte. Das haut die meisten erstmal aus den Pantinen. Darf ich vorstellen: Cinderella. Mach einen Knix, altes Mädel.“ Genüsslich blies sie den Rauch ihrer Zigarette durch die Nasenlöcher. Überall im Raum glimmten Räucherstäbchen. Guido hustete, und die Ratte machte doch tatsächlich eine Bewegung auf Estrellas Schulter, die fast wie ein Knix anmutete. Ana Karina grinste.
„Was führt dich zu mir, Kleines?“, fragte die Hexe.
„Oh wartet, ich bin eine schlechte Gastgeberin.“ Gemeinsam mit Cinderella verschwand sie in der Küche und kehrte nach heftigem Geklapper mit einem Tablett, auf dem drei dampfende Kaffeetassen, eine Zuckerdose, ein Milchkännchen und ein Teller mit allerlei Gebäck standen, zurück.
„Und noch eine irrige Ansicht“, sagte sie mit einem Seitenblick auf Guido.
„Wir stehen nicht unbedingt alle auf Kräutertee.“
„Mein Schwager ist übrigens der Ansicht, dass alle Hexen in einer Hütte im Wald wohnen“, gluckste Ana Karina.
„Ja, wär schön als Altersruhesitz, so eine schicke Hütte im Schwarzwald. Aber ich denke, ich ziehe doch die Zentralheizung einem Ofen vor, und auch die Einkaufsmöglichkeiten sind hier in der Stadt wesentlich besser.“ Sie zog die Stirn kraus und ließ Cinderella über ihren Arm abwärts turnen.
„Aber nur einen Keks, du bekommst sonst ein Bäuchlein“, sagte sie dabei streng. Zu Guidos Entsetzen hüpfte die zierliche Ratte mit einem eleganten Satz direkt auf den Tisch.
„Nein, mein Mädel, an den Teller darfst du nicht!“ Estrella reichte dem Tier einen Keks und sah schmunzelnd zu, wie Cinderella ihn geschickt in ihren kleinen Pfötchen hielt und possierlich daran herumknabberte.
„Sie liebt Spekulatius über alles. Egal, wie alt die schon sind.“ Guido betrachtete skeptisch den Keks in seiner eigenen Hand. Estrella grinste, als die Ratte Männchen machte.
„Hier hast du noch einen … ausnahmsweise! Seht ihr das braune Fellbüschel auf ihrer Stirn? Sie ist kein Albino, deshalb hat sie auch keine roten Augen“, erklärte sie, während Cinderella vor Freude einen regelrechten Tanz auf der Tischplatte aufführte.
„Eines Tages saß sie in meiner Speisekammer am Käse, und danach ist sie nie wieder gegangen. Muss ihr wohl gemundet haben. Überhaupt, es scheint ihr hier zu gefallen. Sie ist mir eine große Hilfe, beim Karten legen. Aber was führt euch denn nun eigentlich zu mir?“
Ana Karina erzählte die ganze Geschichte von Anfang an. Wie ihre Zwillingsschwester von einem Skelett auf die Gondel gezogen wurde und verschwand, von der blinden Malerin, von der Mauer mit dem seltsamen Zeichen, der Schrift an der Wand und ihrem Traum, in dem sie eine ganz andere war … Julietta da Montefeltro.
Estrella runzelte die Stirn. Das klang alles doch ein wenig verworren.
„Na, dann wollen wir mal schaun“, sagte sie ruhig und zog einen schon recht abgegriffenen Kartenstapel unter der Tischplatte hervor.
„Folgt mir am besten hier hinüber, mal sehen, was die Karten uns dazu zu sagen haben. Nehmt eure Tassen ruhig mit.“ Sie fanden in der gemütlichen Sitzecke Platz, die mit weichen Kissen ausgestattet war und deren Mittelpunkt ein runder Tisch bildete. Die glimmenden Räucherstäbchen waren jetzt in unmittelbarer Nähe auf einer Anrichte, wie Guido naserümpfend feststellte.
„Berühre nun den Stapel mit der Hand, und konzentrier dich dabei auf deine Frage, du weißt ja noch, wie es geht“, forderte Estrella Karina auf. Danach mischte sie die Karten, und ihr Gast musste eine von ihnen ziehen. „Das ist deine Personenkarte“, wurde ihr erklärt. Die Karte zeigte das Bild der Hohepriesterin.
„Dachte ich mir schon“, meinte die Hexe und lächelte. „Also, da ist etwas Verborgenes, ein Geheimnis, das dich betrifft. Noch sind die Schleier nicht gelüftet, aber etwas hat sich bewegt, das dein Leben von Grund auf verändern wird.“
Estrella begann, die Karten nach einem bestimmten Muster auszulegen. Dann kam Cinderellas Part. Die Ratte saß bereits erwartungsvoll auf dem Tisch und beobachtete jede Handbewegung ihrer Meisterin mit aufmerksamen Blicken. Auf ein leichtes Nicken hin stupste sie eine der Tarotkarten an und drehte sie vorsichtig um.
„Das Rad … aha … weiter Cinderella“, sie nickte der Ratte aufmunternd zu, die einen Augenblick suchend verharrte und dann eine andere Karte aufdeckte.
Ana Karina erschrak. Der Tod starrte ihr entgegen. Es folgten vier weitere Karten: Die Kriegerin, die Unterwelt, die Wiedergeburt und vier der Stäbe auf dem Kopf liegend.
„So … “, Estrella strich der Ratte liebevoll über das kleine Köpfchen. Cinderella schloss genießerisch die Augen und gab ein zufriedenes Knispelgeräusch von sich.
„Die vier der Stäbe liegen falsch herum. Ich sehe große Schwierigkeiten und Hindernisse auf deinem Weg, die du jedoch überwinden wirst.“
„Na, die Schwierigkeiten haben wir ja bereits“, bemerkte Guido trocken.
Die Kartenlegerin ging gar nicht darauf ein, sondern sprach ruhig weiter:
„Die Karte der Kriegerin unterstreicht das. Du hast die Kraft und die Entschlossenheit, als Siegerin aus dem Kampf hervorzugehen, solange du einen klaren Kopf bewahrst. Das Rad steht für die acht Jahreskreisfeste. Es zeigt dir, dass du zu einer ganz bestimmten Zeit handeln musst. Der Tod, vor dem du so zurückgeschreckt bist, kündigt eine mentale Veränderung an, einen Neuanfang im übertragenen Sinne … noch befindest du dich in einer Art der Trauer, des Übergangs, doch da ist bereits das Licht in der Ferne.“
Sinnend sah die Hexe eine ganze Weile vor sich hin. Cinderella drehte eine elegante Pirouette auf der Tischplatte.
„Eine Karte fehlt noch“, Ana Karina deutete auf die Unterwelt.
Estrella schien aus weiter Ferne zurückzukehren, wie aus einer Trance.
„Die Unterwelt … diese Karte zeigt dir, dass du an Samhain handeln musst. In der Nacht der Toten, der Nacht vor Allerheiligen. Es ist die Nacht, wo die Grenzen zwischen den Dimensionen durchlässig werden.“
Sie sah Ana Karina direkt in die Augen:
„Christina Maria ist in einer anderen Zeit gefangen und diese Mauer, von der du mir erzählt hast, ist eine Grenze zwischen den Dimensionen. Die liegende 8 ist das Zeichen für Unendlichkeit, doch nur Eingeweihte können sie sehen, kein normal Sterblicher.“
Ana Karina schluckte schwer.
„Was bedeutet das? Eingeweiht?“
„Sie haben deine Schwester statt deiner mitgenommen. Eigentlich bist du diejenige, die sie suchen.“
„Aber wer? Wer sucht mich? Und warum?“
„Du wirst es bald wissen. Es hat bereits begonnen, sich dir in deinen Träumen zu offenbaren“, erwiderte die Hexe ruhig.
Dann ging alles ganz schnell. Guido verschluckte sich und prustete dabei seinen Kaffee über den ganzen Tisch. Sein Gesicht war rot angelaufen. Cinderella stieß einen schrillen Pfiff aus und brachte sich eilends in Sicherheit, wobei sie das noch halb gefüllte Milchkännchen mit dem Füßchen umstieß. Das Chaos war perfekt! Estrella raffte die Tarotkarten zusammen, und Ana Karina klopfte ihrem Schwager ganz ohne Absicht etwas zu kräftig auf den Rücken. Danach rannte sie in die Küche und kam mit einer Rolle Küchenpapier zurück, um die gröbsten Spuren zu beseitigen.
Taschenbuch ‏ : ‎ 264 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3903056701
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Die deutsche Buchautorin Christine Erdic lebt zur Zeit hauptsächlich in der Türkei.
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Sprachtraining an der Uni und machte Übersetzungen für türkische Zeitungen.
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