Folgenreiches Missverständnis

In einem Vorort der Landeshauptstadt, der Demokratischen Republik Absurdistan, lebt Hans Immertreu, ein braver Bürger jener Republik. Ordentlich, fleißig und in einem bescheidenen Wohlstand, bewohnt er ein geerbtes Häuschen im Grünen. Gleich daneben ist ein riesiges Grundstück mit einer Prachtvilla, die seit längerer Zeit verwaist ist.
Plötzlich war es mit der Ruhe vorbei. Jemand hatte die Villa gekauft und nun wurde sie renoviert. Hans war recht genervt von all den Hammerschlägen, Bohrgeräuschen usw.; tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, das geht vorüber. Kam auch so, nur anders. Große Möbelwagen fuhren vor, dazu einige Polizeifahrzeuge als Begleitung. Flugs sicherten die Beamten die Außengrenze des Grundstücks, bis der Wagen einer Schreinerei zahlreiche Zaunlatten entlud, die sofort in die Erde gestampft wurden und die Sicht auf die Villa verdeckten.
Hans kratzte sich am Kopf, wer zieht da ein, was soll das werden?
Erklärend näherten sich ihm vier Polizisten. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, erfragten sie die Einsichtnahme in seinen Pass, Registrierungsnummer beim Grundstücksamt und, ganz wichtig, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung bezüglich seiner Person. Hans staunte nur noch. Als er dann jedoch erfuhr der Präsident des Landes soll bald neben ihm einziehen, zeigte er großes Verständnis.
Die Tage vergingen, der Zaun stand, plötzlich war auch der neue Nachbar da. Ein wenig neugierig schaute Hans am Zaun entlang, wo er zu seinem Entsetzen eine Lücke bemerkte. Hatten die Handwerker unachtsam ein paar Latten einfach so herum liegen lassen. „Hallo Herr Präsident, Sie haben nicht alle Latten am Zaun …“ Hans wollte seine nachbarschaftliche Loyalität kundtun. Hätte er besser nicht getan, sofort wurde er umringt, auf den Boden geworfen und in Handschellen ging es in den Polizeibus. „Was habe ich denn getan?“ Hans war völlig perplex als auch außer sich ob dieser Behandlung.
„Sie haben den Präsidenten beleidigt. Das wird Folgen haben, aber nicht zu knapp!“ „Ich habe ihn nicht beleidigt, nur darauf aufmerksam gemacht, dass er nicht alle Latten am Zaun hat.“ „Eben, wir überstellen Sie jetzt dem Haftrichter, gleichzeitig veranlassen wir eine Wohnungsdurchsuchung.“ Schon fuhr der Polizeiwagen auf den Hof der städtischen Haftanstalt.
Beim Haftrichter ging es schnell. Mehrere Beamte bestätigten unabhängig voneinander den Ruf von Hans, das war eindeutig eine sehr, sehr grobe Präsidentenbeleidigung. Im Verhör verhedderte sich Hans in Widersprüche und behauptete stur und steif, dass der Präsident sie nicht alle hätte … wobei er immer noch an die Lücke im Zaun dachte. Der Haftrichter vermerkte im Protokoll: Uneinsichtig, hält an beleidigenden Aussagen fest. Bis zur Hauptverhandlung verbleibt Hans in U-Haft.
Kurz vor dem Gerichtstermin suchte ein Pflichtverteidiger den armen Hans auf, riet dazu sich schuldig zu bekennen und großen Hass auf den Präsidenten als Grund anzugeben. „Das soll eine Verteidigung sein? Was denken Sie sich dabei?“ Richtig wütend konnte Hans werden. „Verstehen Sie doch,“ der Anwalt flehte regelrecht, „es gibt da Präzedenzfälle aus jüngerer Vergangenheit. Ein seit Jahren boshaft gemobbter Mann verlor die Nerven und versprühte Pfefferspray. Dafür bekam er zwei Jahre Gefängnis. Seine Hater, als Verursacher, gingen straffrei aus. Wenn Sie sich also als Hater vor Gericht erweisen, haben Sie gute Chancen ebenso straffrei aus dem Gericht zu gehen. Erwarten Sie vor Gericht keine Gerechtigkeit, sondern immer nur ein Urteil.“
Verdrehte Welt, Hans war vollkommen durcheinander. Da meinte er es gut und nun soll das alles ganz anders schildern?
Am Tag der Verhandlung nahm Hans auf der Anklagebank Platz und lauschte voll inneren Bebens der Anklageverlesung.
„Hohes Gericht,“ der Staatsanwalt begann mit ernster Miene, „wir sehen hier einen Mann mit einem scheinbar untadeligen Lebenslauf. Daran erkennen Sie bereits die Raffinesse eines Gegners unserer Republik. Er wollte uns täuschen, in Sicherheit wiegen, bis sein krankhafter Hass auf den nobelsten und edelsten Bürger des Landes, unseren allerseits sehr beliebtem Herrn Präsident, in aller Öffentlichkeit auf das Schändlichste beleidigt wurde. Nicht genug damit, erst gestern wiederholte er im Verhör seine boshaften Aussprüche. Hier muss die Justiz einen Riegel vorschieben, das können wir nicht dulden.“
Hans kroch in sich hinein, beinahe sah er sich selbst als boshafte Kreatur. „Ich wollte doch nur darauf aufmerksam machen, dass der Präsident echt nicht alle hat, da war doch diese Lücke …“
„Angeklagter, Sie warten bis man Sie fragt!“ Richtig böse klang die Richterin.
Mit Rücksicht auf die ggf. erschütterte Psyche der verehrten Leserschaft, vermeidbaren Tränenausbrüchen, vielleicht gar Mitleidsbekundungen, verzichte ich hier auf weitere Schilderungen der Verhandlung. Der Verteidiger von Hans behielt übrigens recht. Eine Gefängnisstrafe für Hans unterblieb. Er wurde in die Psychiatrie verwiesen.
Jener Präsident hat den Lattenzaun auf Anraten seiner Sicherheitsexperten gegen eine Betonmauer getauscht. Keine weitere Chance für boshafte verbale Angriffe.

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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