Vorweihnachtliche Patchwork Konferenz

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Kurz VPK genannt, soll das entstandene Chaos entwirren und Klarheit schaffen. Zu viele Menschen glauben nicht mehr so recht an den Weihnachtsmann, verspotten ihn oder begehren gar auf. Zeitgemäß war jene Struktur auch nicht mehr, Modernisierungen waren unumgänglich. Natürlich blieb das den himmlischen Wesen nicht verborgen. Daher rief ER zu einer Konferenz, deren Bedeutung von so großer Wichtigkeit war, dass man sogar den Osterhasen aus dem Winterschlaf holte.
„Willkommen, ihr lieben fleißigen Elfen, Engel, Wichtel, Zwerge. Ganz besonders herzlich begrüßen wir Knecht Ruprecht, der sich kurz vor dem 06. Dezember noch die Zeit nahm, uns von seinen letzten Erfahrungen zu berichten. Bitte, fang an!“ Der Sprecher machte mit der Hand eine auffordernde Geste, Knecht Ruprecht begann: „Wir müssen uns von überholten Vorstellungen lösen. Die Menschen sind anders geworden. Keine Frömmigkeit, nur Forderungen stellend und niemals zufrieden sein. Natürlich gibt es Ausnahmen, leider nur recht selten. Schenkte ich im letzten Jahr noch dem kleinen Horst eine Modelleisenbahn, war er überglücklich. Danach kam ich zum Jensieboy, der zeigte sich völlig anders. Zuerst musste ich in den zweiten Stock seiner Villa, weil es ein Geschenkezimmer gab. Das war recht beschwerlich, denn mein Sack war noch prall mit Äpfeln, Nüssen und Mandarinen gefüllt. Ein Gedicht wollte Jensie nicht aufsagen, stattdessen bekam er so komisch flammende Augen und forderte mich auf, komm her mit deinem Sack!“
Gemurmel machte sich breit. Helge, der Vorarbeiter der Elfen, meldete sich zu Wort: „An unserer Werkstatt wurden wir mit einer Demo provoziert. Menschenmassen marschierten vorbei, zeigten Transparente auf denen zu lesen war: Wir sind die Weihnachtsmänner!“
Noch Schlimmeres ereignete sich in einer mittelalterlichen Stadt. Dort stand Phillip am Tor und forderte eine Mindestgeschwindigkeit von 250 Km/h für den Weihnachtsschlitten. Immerhin leben wir in einer schnelllebigen Zeit, man sollte sich anpassen.
„Hier muss zwingend eine Frau entscheiden!“ Elfin Renate machte darauf aufmerksam, dass in der weihnachtlichen Hierarchie keine Frauenquote existierte. Ein Unding in unserer modernen Zeit. Jedermann und Frau zeigten sich einsichtig. So wurde die zarte Elfe Claudia zur Vorsitzenden der Weihnachtskonferenz gemacht. Eine kluge Entscheidung, denn ihre Worte waren von Gewicht geprägt.
„Wenn ich auch mal was sagen dürfte …?“ Die grüne Hexe vom Stadtwald ergriff das Wort. „Die ewige Pupserei der Rentiere schädigt das Klima und die Vegetation. Weihnachtsmann, bitte stell sofort die Ernährung der Rentiere um. Der lichter werdende Wald gibt zu vielen Menschen Gelegenheit mein Hexenhäuschen zu finden. Ich war gezwungen, es in grüner Tarnfarbe anzustreichen. Im Prinzip muss ich bereits befürchten, dass die bekannten kriminellen Geschwister Hänsel und Gretel mich überfallen und in den Ofen schieben.“
Also eine braun werdende grüne Hexe wollte selbstverständlich niemand der Anwesenden. Dafür war nun endgültig klar: Eine Reformation der weihnachtlichen Gebräuche ist überfällig!
„Moment mal …“ Ein empörter Osterhase meldete sich, „was ist denn mit mir? Glaubt ihr etwa, mir ergeht es besser? Was in meinem Namen letzte Ostern an faulen Eiern ins Nest gelegt wurde, spottet jeder Beschreibung. Alles gehört auf den Prüfstand!“
„Ja, genau wie du sagst ..“ Ein bärtiges Wesen mit ausgeprägter Sopranstimme und grell geschminkten Lippen stellte sich auf das Podium. „Leute, was ist mit uns, den Fabelwesen? Gendert endlich mal. Eine Weihnachtsmännin oder Dragqueen ist doch die perfekte Lösung. Lange genug wurden wir ignoriert.“
In diesem Moment brach ein Stimmengewirr aus, schlimmer als ein Orkan. Vorschläge, Gegenvorschläge, Ablehnungen, manche schimpften sogar, andere waren voll des Lobs. Eigentlich verstand man sein eigenes Wort nicht mehr.
An jener Stelle muss der Bericht enden, denn es ist wie überall heutzutage. Man kommt nicht in die Pötte. Redet und redet und redet, Flickwerk vom Feinsten ohne greifbare Fortschritte, was bekanntlich auf Neudeutsch Patchwork heißt.
Hosiannah in der Höh, meine Ohren tun schon weh!
Und Weihnachten fällt dann wohl auch bald aus.

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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