IfKom: Eine digitale Gesellschaft muss sich ethischen Ansprüchen stellen

IfKom:Bei der Digitalisierung muss ein breiter gesellschaftlicher Konsens erzielt werden,welche ethischen Grundsätze die freiheitliche Gesellschaft verfolgt u. welche Weichen die Politik stellen muss.

Der Ingenieurverband IfKom e. V. mahnt eine intensivere Befassung mit ethischen Aspekten der Digitalisierung an.

Die Diskussionen über Fragen der Ethik im Zusammenhang mit der Digitalisierung sollten nach Auffassung des Berufsverbandes IfKom – Ingenieure für Kommunikation intensiviert und in allen Kreisen unserer Gesellschaft geführt werden. Es muss ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber erzielt werden, welche ethischen Grundsätze eine freiheitliche – aber immer digitaler werdende – Gesellschaft verfolgt und welche Weichen die Politik national und im Europäischen Raum stellen muss. Die Digitalisierung hat neben dem offensichtlichen Nutzen oftmals auch eine gegenteilige Wirkung. Es ist daher aus Sicht der IfKom mehr Gewicht auf die Folgenabschätzung der technischen Entwicklung zu legen. Ingenieurinnen und Ingenieure müssen bereits im Studium befähigt werden, stärker zu reflektieren, welche Auswirkungen sich jeweils aus ihren konzeptionellen Entscheidungen ergeben.

Aus diesem Anlass diskutierten die IfKom mit kompetenten Gästen auf ihrem Neujahrsempfang am 17. Januar 2022 in Hagen über Ethik und Datensicherheit in einer digitalen Gesellschaft. Dabei wurden bestehende Spannungsverhältnisse deutlich, beispielsweise zwischen den Möglichkeiten, die Big Data oder Künstliche Intelligenz bieten und dem Wunsch vieler Menschen nach Privatheit und Schutz ihrer Daten. Dazu stellte der Bundesvorsitzende der IfKom, Dipl.-Ing. Heinz Leymann, fest: „Unter Privatheit verstehe ich, ich kann selbst kontrollieren, wer die Grenze zu meiner eigenen Lebenswelt überschreitet und wer im Rahmen der Digitalisierung was in welchem Zusammenhang über mich wissen darf."

Tech-Konzerne und Handelsplattformen sammeln in erheblichem Umfang Daten. Wie diese Daten verwendet werden und welche Algorithmen welche Entscheidungen treffen, ist häufig nicht transparent. Der im internationalen Geschäft erfahrene und jetzt als Prorektor an der Hochschule für Telekommunikation Leipzig tätige Prof. Dr. Claus Baderschneider vertrat dazu auf dem Podium die Auffassung: „Um die Vorteile großer Verkaufsplattformen zu nutzen, muss man mit seinen Daten bezahlen. Dieses Risiko gehe ich bewusst ein". Dipl.-Ing. Reinhard Genderka aus dem IfKom-Bundesvorstand forderte, dieses Bewusstsein über die Auswirkungen des eigenen Handelns im Sinne der Medienkompetenz bereits vom Kindesalter an zu vermitteln: „Menschen müssen befähigt werden, das Wissen und den Willen für gutes Handeln zu entwickeln, denn Daten können nutzbringend, aber auch als ‚Waffe‘ eingesetzt werden." Claus Baderschneider wies darauf hin, dass beispielsweise die Chinesen eine intensivere Videoüberwachung des öffentlichen Raumes überwiegend positiv sehen, weil dadurch u. a. die Unfälle im Straßenverkehr rückläufig seien. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Überwachung und Sicherheit, ergänzte Reinhard Genderka, werde in einer freiheitlichen Gesellschaft wie unserer unter anderen ethischen Maßstäben bewertet.

Für Dipl.-Ing. Andrea Hansjürgens von T-Systems International führt technisches Verständnis zu einem höheren Maß an Entscheidungskompetenz, da die Folgen besser abgeschätzt werden können. „Bei den aktuellen Innovationen unserer Zeit, wie Künstliche Intelligenz, müssen auch Fragen der Regulierung diskutiert werden. Zudem brauchen wir eine verstärkte Sensibilisierung nicht nur bei großen Projekten, sondern in ganz alltäglichen Situationen, in denen wir mit den Daten anderer Menschen zu tun haben."

Sensibilisierung und Verantwortungsgefühl mahnte auch Prof. Dr. Ralph Dreher, wissenschaftlicher Leiter von FinAF, dem Forschungsinstitut für nachhaltige Ausbildung von Führungskräften, und Vizepräsident der Ingenieurpädagogischen Wissensgesellschaft (IPW) an. „Die Menschen sollten wissen, was sie tun. Studierende müssen befähigt werden, gesellschaftliche Forderungen an ihre Arbeit zu erkennen. In diesem Sinne ist eine erste positive Entwicklung der Curricula zu erkennen. Es muss aber dafür gesorgt werden, dass mehr Menschen, die gestalterisch tätig werden, dafür auch Verantwortung übernehmen. Diese Verantwortung kann man nicht einfach an den Staat oder eine Organisation delegieren."

Die Diskussion zeigt nach Meinung des Ingenieurverbandes IfKom deutlichen Handlungsbedarf auf. Ethisch relevante Aspekte, wie beispielsweise die von der EU geplante Regulierung von Künstlicher Intelligenz, sollten nicht nur in Sachverständigen-Gremien besprochen, sondern breit angelegt in Politik und Gesellschaft diskutiert werden. Kreditwürdigkeit, Krankenkassenbeiträge, individuelle Preise, Job-Zusagen oder eine Wohnungsvergabe dürfen aus Sicht der IfKom eben nicht durch intransparente Algorithmen alleine entschieden werden. Denn auch mit dem Einsatz der Künstlichen Intelligenz entstehen, abhängig von Datenlage und Programmierung, falsche Schlussfolgerungen. Manipulation oder Diskriminierung können nicht ausgeschlossen werden. Die letztendlich verbindliche Entscheidung sollte daher immer einem Menschen vorbehalten bleiben. Die IfKom fordern die Bundesregierung auf, ethische Fragestellungen sowohl im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung als auch bei konkreten Digitalisierungsprojekten zu berücksichtigen. Denn nur zweimal erscheint das Wort „Ethik" im Koalitionsvertrag – beide Male nicht im Zusammenhang mit Digitalisierung.

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