Leben zwischen Sonnenschein und Krisen

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Als die Autorin im Sommer 2000 mit ihrem Mann und zwei schulpflichtigen Töchtern in die Türkei auswandert, weiß sie noch nicht, was alles auf sie zukommen wird. Zubetonierte Abflussrohre, marode Dächer, ein desolates Gesundheitssystem und Niedriglöhne sind nur die Spitze des Eisbergs. Immer wieder wird das Land von Erdbeben und schweren Krisen geschüttelt. Die Türken selbst entpuppen sich dabei als wahre Überlebenskünstler.

Devolution
Es gab nun die ersten Supermärkte, ja, sogar einen Baumarkt in Izmir. Das erleichterte das Einkaufen ungemein, obwohl wir natürlich sehr sparsam sein mussten, da mein Mann ja nach wie vor nicht arbeiten durfte. Die hohen Zinsen ermöglichten uns dennoch ein weitgehend normales Leben. Natürlich waren wir alle nicht versichert. Micki trug damals eine Zahnklammer, und diese Behandlung musste nun fortgesetzt werden. Eine teure Angelegenheit, wenn man so etwas privat zahlen soll. Über einen Bekannten bekamen wir eine Vermittlung an eine Universitätsklinik. Eine Professorin / Kieferorthopädin nahm sich dort unserer an.
„Aber wir haben noch keine Versicherung, das wird doch sicherlich viel Geld kosten“, warf Hugo vorsichtig ein und erklärte unsere Situation. Die Professorin winkte ab und besah sich zunächst Mickis Zähne.
„Kein Problem. Lasst mich nur machen“, sagte sie dann. Die Behandlung unserer Tochter wurde problemlos weitergeführt. Die Methoden waren die gleichen wie in Deutschland auch. „Eventuell muss ich zwei gesunde Zähne ziehen, da der Kiefer zu eng ist“, sagte die Kieferorthopädin. Wir erschraken und riefen meine Mutter an, da in Deutschland von Zähne ziehen nie die Rede gewesen war. Meine Mutter wandte sich dann auch prompt an den Zahnarzt, der Micki damals an den Kieferorthopäden überwiesen hatte.
„Auf keinen Fall gesunde Zähne ziehen lassen!“, lautete die Antwort. Nach Rücksprache mit der behandelnden Professorin stellte sich heraus, dass es auch anders ging und sie nur eventuell gesagt hätte. Im Endeffekt behielt unsere Tochter ihre Zähne und wurde schließlich mit gerichtetem Gebiss aus der Behandlung entlassen – nachdem mein Mann bereits Arbeit hatte und wir alle bei ihm mitversichert waren. Während wir in Deutschland immer ein schönes Sümmchen zuzahlen mussten, hatten wir hier nur einen winzigen Beitrag an Materialkosten zu leisten. Wie die Kieferorthopädin es letztendlich drehte, bleibt wohl ihr Geheimnis. Die türkische Krankenversicherung übernahm anscheinend sämtliche Behandlungskosten, denn sie wurden uns nie in Rechnung gestellt.

Die auf den ersten Blick stabil erscheinende Wirtschaftslage war in Wirklichkeit alles andere als stabil. Im Jahr 2002 brach die Wirtschaft ein. Devolution! Hundertprozentige Geldentwertung – unsere Lira war von einem Tag auf den anderen nur noch die Hälfte wert. Doch abermals Glück im Unglück! Die Devolution kam gerade zu der Zeit, als mein Mann seine deutsche Rentenauszahlung in DM überwiesen bekam. Plötzlich hatten wir Geld! Was damit tun? Hugo hatte schon einmal im Metallwarenhandel gearbeitet. Einen kleinen Laden kaufen? Wir studierten die Zeitungen – zu jenen Zeiten meine Lieblingsbeschäftigung, da ich mit einem Ferienhaus oder einer Wohnung im Ferienort Çeşme spekulierte. Es war ein Witz! Wir wohnten in der Türkei, aber in Izmir konnte man nicht ins Meer!
Die Immobilien in Çeşme waren zu teuer für uns – und im günstigen aber überlaufenen Kuşadası fühlte ich mich nicht wohl. Aber jetzt wäre es möglich! Die Preise waren eingefroren, mit unseren Devisen umgerechnet nur noch halb so hoch. Es sollte übrigens über ein Jahr dauern, bis die Preise der Devolution annähernd angeglichen wurden. Momentan stockte alles. Wer wollte oder konnte jetzt schon etwas kaufen? Viele Läden meldeten Konkurs an, und eins der neuen Einkaufszentren wurde zur Geisterstadt.
„Es hat keinen Sinn! Einen Laden können wir kaufen – aber für die Ware habe ich dann kein Geld mehr übrig. Ich muss ja was zum Verkauf anbieten“, resignierte mein Mann schließlich.
„Was jetzt?“, fragte ich.
„Ich weiß es nicht! Aber du wolltest doch immer ein Feriendomizil in Çeşme“, antwortete er.
Ich war natürlich sofort Feuer und Flamme. Wir fuhren also direkt nach Çeşme zu einem bekannten Immobilienmakler, der uns mehrere Häuser an der Küste präsentierte. Doch die wirklich schönen Villen in Ilıca waren noch immer zu teuer, die Häuser in den Ferienanlagen oft abseits und zu dieser Zeit öde und verlassen. Und – wollten wir wirklich so wohnen – eng an eng? Zudem musste dort an den Häusern vieles ausgebessert werden, und mir graute bei der Vorstellung, hier einmal einen Tag im Winter zu verbringen. Wir waren schon nahe dran, unseren Plan zu verwerfen, als meinem Mann etwas einfiel. „Warum schauen wir eigentlich nur immer nach einem Ferienhaus außerhalb des Ortskerns und nicht nach einer Wohnung direkt in Çeşme?“
Mit Schwiegermutter im Gepäck düsten wir an einem Vormittag los, als die Kinder in der Schule waren. Wir kannten von Çeşme eigentlich nur das Zentrum. Genau dort begaben wir uns nun auch hin. Hier gab es jedoch nichts für uns. Nirgends war ein Schild mit dem Hinweis satılık – zum Verkauf.
„Urkiyes Tochter hat doch hier eine Wohnung, die sie verkaufen will.“ Urkiye war eine entfernte Verwandte aus dem Dorf meines Schwiegervaters, die mal in Deutschland gelebt hatte, aber schon lange zurückgekehrt war. Ihre beiden Kinder hingegen waren in Deutschland geblieben und nutzten die Wohnung nur selten im Urlaub, den sie mit ihren Familien lieber bei den Eltern auf dem Dorf verbrachten. Zielstrebig führte uns Schwiegermutter in eine uns unbekannte Richtung. „Hier muss es sein – ah ah“, sie wies auf einen düsteren Eingang. Das Mehrfamilienhaus hatte einst Blick aufs Meer gehabt, nun hatte man ein Gebäude direkt davor gesetzt.
„Jetzt weiß ich auch, warum die verkaufen wollen!“, sagte Schwiegermutter entrüstet. Kurzerhand wandte sie sich an eine vorbeigehende Passantin. „Entschuldigung. Wissen Sie, ob hier irgendwo eine Wohnung zum Verkauf steht?“
Bingo! Die Dame musste eine Einheimische sein, die sehr gut Bescheid wusste.
„Die Straße weiter, dann rechts um die Ecke hinter dem Park gibt es drei Neubauten. Fragt doch dort mal nach.“
Wir bedankten uns und folgten der Wegbeschreibung. Den Park hatten wir auch noch nie zuvor gesehen. „Der Ort ist viel größer als ich dachte“, sagte ich erstaunt. Hier war alles breiter angelegt als im Zentrum, das nur zehn Gehminuten entfernt war. Es stellte sich heraus, dass ein Ehepaar ihre neu erworbene Wohnung im zweiten Stock wieder verkaufen wollte. Der Bauherr, den wir aufsuchten, riet uns aber ab.
„Viel zu teuer! Für das gleiche Geld könnt ihr in einem anderen meiner Neubauten zwei Wohnungen im Pattere haben.“
„Nicht im Pattere“, raunte Schwiegermutter uns zu. „Wenn da mal die Toiletten überlaufen …“ Mich gruselte es: Das hatten wir doch schon mal. Trotzdem sahen wir uns die Wohnungen an. Zunächst die unbenutzte aus zweiter Hand. Flur, zwei Schlafzimmer, Bad mit Fenster, Stube und Küche ineinander übergehend, schmaler Küchenbalkon zum Wäsche aufhängen. Und dann traten wir erwartungsvoll auf den großen Balkon, der Stube und das größere der Schlafzimmer miteinander verband. Welch ein atemberaubender Blick! Vor uns die alte Festung, freier Blick in drei Richtungen. Der Hafen ist nur fünf Minuten entfernt, wenn auch nicht sichtbar von hier.
„Ist das schön!“, rief ich begeistert aus.
Eigentlich stand unser Entschluss nun bereits fest, dennoch folgten wir dem Bauherren noch in die anderen Wohnungen im Haus schräg gegenüber. Diese waren identisch und schmal geschnitten und längst nicht so hell. Man schaute vom Balkon aus gegen andere Häuser. Wortlos sahen wir uns an – die Entscheidung war gefallen! Schon bald bekamen wir die Papiere und konnten die Wohnung auf Hugos Namen anmelden. Dank der Devolution waren wir nun Besitzer eines Feriendomizils in einem begehrten Luftkurort mit Thermalquellen im Meer, und das auch noch in erreichbarer Nähe, rund 90 Kilometer von unserem Haus in Izmir entfernt.
(Leseprobe aus dem Buch ENDSTATİON ANATOLIEN)

Als Taschenbuch und E-Book erhältlich.

©byChristine Erdic

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Die deutsche Buchautorin Christine Erdic lebt zur Zeit hauptsächlich in der Türkei.
Beruflich unterrichtet sie in der Türkei Deutsch für Schüler (Nachhilfe), sie gab
Sprachtraining an der Uni und machte Übersetzungen für türkische Zeitungen.
Mehr Infos unter Meine Bücher- und Koboldecke
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