Wollen Sie auch auswandern?

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Wer auswandern möchte, sollte sich vorher sehr gut erkundigen, denn die Bedingungen sind oftmals ganz anders als gewohnt. In diesem Buch vermischen sich Heiteres, Trauriges und Kurioses, so wie die Autorin, die mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in die Türkei ausgewandert ist, es erlebt hat.

Im Krankenhaus
Kurz nach unserer Ankunft in der Türkei brauchte Hugo irgendein Papier vom staatlichen Krankenhaus, und ich begleitete ihn dorthin. Entsetzt betrachtete ich den wenig ansprechenden, trostlosen Bau mit den vielen Menschen davor. Einige hatten sich einfach auf die Eingangsstufen gesetzt, andere bereits in eine lange Warteschlange eingereiht. „Das ist ja wie auf dem Bahnhof hier“, raunte ich meinem Mann auf Deutsch zu. Alte Leute mit Stock, Mütter mit Kindern, Schwangere, ein Junge mit einem verbundenen Auge – ein Bild der Trostlosigkeit am frühen Morgen. Viele standen schon seit Stunden hier, in der Hoffnung, im Laufe des Tages irgendwann an die Reihe zu kommen. Ansonsten würden sie am nächsten Tag wieder hier warten. Wir bahnten uns unseren Weg durch die Menge, zum Glück brauchten wir ja nur ein Dokument.
Unten bot sich uns das gleiche Bild, die Korridore waren mit Patienten überfüllt, und oben an der Treppe – ich traute meinen Augen nicht – standen Ärzte in weißen Kitteln und rauchten seelenruhig ihre Zigaretten.
Wir wurden ein paar Mal hin und her geschickt und verließen nach knapp einer Stunde mit dem Papier aufatmend das Krankenhaus.
„Hoffentlich werde ich hier nie krank. Hoffentlich muss ich hier nie ins Krankenhaus“, murmelte ich tonlos vor mich hin.
Doch genau das sollte schneller geschehen, als ich es mir träumen ließ. Bekanntlich bekommt man genau das, wovor man sich am meisten fürchtet.

Knapp sechs Jahre später – es war nach einem schweren Kartoffelsalat mit viel Majonäse und Sahne bei deutschen Freunden – bekam ich nachts fürchterliche Kolik-artige Schmerzen irgendwo in der Gegend zwischen Bauch und Magen. Ich tippte zunächst auf Nierensteine, die ich bereits einmal hatte, obwohl diese Schmerzen jetzt wesentlich heftiger waren und sich mehr auf den vorderen Bereich des Körpers konzentrierten. Um meinen Mann nicht zu wecken, lief ich stumm meine Runden um das aufgestellte Bügelbrett. Vielleicht würde der Stein fallen wie damals, da halfen eben nur viel trinken und Bewegung. Das tat wirklich gut … ich rannte schon fast immer im Kreis, und der Schmerz ebbte nach Stunden ab, so schien es mir. Tagsüber schlief ich erschöpft im Sessel ein. Die heimtückischen Schmerzen kamen wieder, nicht jeden Tag, aber immer öfter und vorwiegend nachts.
„Wir müssen zum Arzt“, sagte mein Mann, der entsetzt abwehrte, als ich ihn bat, sich auf meinen Bauch zu setzen.
Im städtischen Krankenhaus, an dem Hugos Geschäftspartner tätig war, wurden Gallensteine festgestellt. „Die Gallenblase muss raus“, stellte der behandelnde Arzt fest und zog eine Augenbraue hoch.
Oh nein, doch nicht jetzt! Wir erwarteten die Woche Gäste aus Deutschland und befanden uns zudem im Fastenmonat Ramadan. Was, wenn der Arzt fastete und ohne Wasser getrunken zu haben die Operation vornahm. Das ging ja gar nicht!
Ich sagte, dass ich noch warten wolle. „Geben Sie Bescheid, wenn Sie bereit dazu sind, aber warten Sie nicht mehr zu lange“, lautete die Antwort.
Der Besuch kam und ging, die Schmerzen blieben. Ich erinnere mich, dass ich mit unseren Töchtern eines Tages in der Stadt unterwegs war und wir schnell irgendwohin laufen mussten. Unterwegs dachte ich, ich breche zusammen. Mit Mühe und Not hielt ich die Einkäufe durch. Am nächsten Tag fasste ich den Entschluss und meldete mich im Krankenhaus. Nun ging alles ganz schnell. Noch in der gleichen Woche bekam ich einen OP-Termin. Natürlich musste ich schon am Vortag erscheinen – nochmals Untersuchungen, Gespräch mit dem Narkosearzt, und ich hatte die Nacht im Krankenhaus zu verbringen. Die OP war auf den Morgen festgesetzt. „Du kommst gleich als erste dran“, sagte die Krankenschwester zu mir. Das war gut so, nun wollte ich es auch hinter mir haben. Ich bekam ein einfaches Zimmer mit drei schmalen Betten zugwiesen, das Gemeinschafts-WC befand sich auf dem Flur. Mein Mann hatte in der Firma zu tun, und kurzerhand schickte ich ihn fort. „Ich schaffe das schon“, sagte ich. Interessiert schaute ich in den Raum nebenan, wo drei Patientinnen auf dem Boden kauerten und auf einem Propangaskocher Tee kochten. Was es hier nicht alles gab! In einem deutschen Krankenhaus wäre das undenkbar gewesen. Kurze Zeit später erschien die Krankenschwester und fragte mich, ob ich Essgeschirr dabei habe. Ich war verwundert. Ja, gab es das denn hier nicht gestellt?! Jeder Patient bringe sein eigenes mit, wurde mir erklärt. „Oje, das wusste ich nicht. Mein Mann ist schon weg. Dann kann ich eben nichts essen oder trinken“, erwiderte ich. Die nette Schwester winkte ab und brachte mir kurz darauf eine Tasse mit dampfendem Tee. „Das ist meine eigene“, erklärte sie lächelnd. „Lass ihn dir schmecken!“ Ich dankte verblüfft. Essen durfte ich ohnehin nichts mehr. Dann verbrachte ich eine schlaflose Nacht auf dem hohen, viel zu schmalen Bett und bekam prompt Kopfschmerzen. Ich war froh, als morgens eine Schwester erschien und ich den OP-Kittel überreicht bekam. Nachdem ich umgezogen war, musste ich mich auf ein noch schmaleres Bett setzen und wurde durch den Gang Richtung OP geschoben. Unterwegs winkten mir andere Patienten zu: „Geçmiş olsun!“ – Gute Besserung oder genauer: Möge es vorbei sein! Ich bedankte mich und winkte zurück. Vor der Tür zum OP übernahm ein Pfleger das Bett mit mir darauf und erzählte mir alles Mögliche auf Deutsch, er habe in Deutschland gearbeitet, und aus welcher Stadt ich denn käme. Mein Kopfschmerz verstärkte sich, als er mit dem Bett gegen eine Tür stieß. Noch eine Tür – ich war angekommen und musste nun auf den OP-Tisch umsteigen. „Mensch, ist das kalt hier!“ Anklagend wies ich auf das Thermometer an der Wand gegenüber. Vier Grad zeigte es mir an. Jetzt sollte ich die Narkose bekommen, doch die Nadel wurde fehlerhaft in den Arm eingeführt. „Das war nichts, ich muss es nochmal machen“, entschuldigte sich der junge Mann mit hochrotem Kopf. Keine Spur vom Arzt, doch rings um mich herum tauchten immer neue Gesichter auf. „Beeilt euch doch mal mit der Narkose! Ich habe Kopfschmerzen, und mir ist kalt!“, sagte ich verärgert.
Ich erwachte im Aufwachraum, weil jemand mir eine kleine Flasche unter die Nase hielt. „Ich bin so müde, ich will weiterschlafen“, murmelte ich kraftlos auf Türkisch. Im Gang nahm ich schemenhaft Hugos Gesicht wahr. Schwach winkte ich ihm zu. Oh, ich wurde in ein anderes, nett ausgestattetes Zimmer mit eigenem Bad gerollt. Ein Privatzimmer! Das hatte sicherlich der Geschäftspartner meines Mannes organisiert. Der Tropf mit Infusionen wurde angeschlossen, und ich konnte endlich weiterschlafen.
Als ich die Augen aufschlug, waren mein Mann und der OP-Arzt zugegen. Der Arzt zeigte mir einen Behälter. „Schau mal, das ist deine Gallenblase! Das war eine schwere OP, komplizierter als ich dachte. Aber weil du optimistisch drangegangen bist, ist sie gut verlaufen. Die Gallenblase war stark perforiert.“ Fragend blickte ich ihn an. Was bedeutete das?
„Sie war mit Flüssigkeit gefüllt und kurz vor dem Platzen“, erklärte er mir. Interessiert schaute ich mir das Gebilde an, in dem trübes, sandiges Wasser schwamm und einige große Klunker. Gallensteine!
„Aber es ist alles gut verlaufen. Heute Morgen nahm ich noch eine andere Gallenblasen-OP vor, aber die Frau hatte panische Angst und bestand auf einem offenen Eingriff, obwohl es in ihrem Fall ein leichtes gewesen wäre, ebenfalls eine laporoskopische – dabei wird der operative Zugang durch 5 bis 10 mm kleine Löcher vorgenommen – wie bei dir durchzuführen. Dafür muss sie nun mindestens eine Woche hier liegen, während du schon morgen nach Hause darfst, wenn keine Komplikationen auftreten.“ Mit einem Schmunzeln verließ der sympathische Arzt den Raum.

Eigentlich ist es in türkischen Krankenhäusern üblich, dass Patienten einen refakçı – einen Begleiter bei sich haben, der sich um alles kümmert. Nicht immer gibt es eine Klingel, mit der man die Schwester herbeirufen kann. Ich entdeckte eine und schickte meinen Mann kurzerhand wieder zur Arbeit. Den Tag verbrachte ich mit Schlafen und Lesen. Ich bekam noch Schonkost, die ich mit knurrendem Magen herunterschlang. Die Schwester wurde am Abend abgelöst, und die Nachtschwester unterhielt sich gerne mit mir. „Wo ist dein refakçı?“, fragte sie mich. „Bei meiner Tochter zu Hause, ich komme aber klar“, erklärte ich. „Sicher, wir zwei machen das schon“, sorgfältig überprüfte sie meine Unterlagen. „Also, die Bettpfanne ist noch immer nicht benutzt, wie ich sehe – das geht aber nicht! Wenn du morgen hier raus willst, musst du das ändern. Vorher gibt es keine Entlassung.“ Ich hasste Bettpfannen, aber das leuchtete mir schon ein. Es sollte im Laufe des Abends dann auch wirklich noch klappen. Am nächsten Morgen läutete ich schon früh nach der Schwester, bat sie aber, die paar Schritte bis zum Bad gehen zu dürfen. Nur nicht wieder die Pfanne! Nun war das neu gestaltete Zimmer mit eigener Dusche und WC ja nett gemeint, aber alleine war es mir unmöglich, mit dem Infusionsständer über die hohe Schwelle zu kommen – das war auch der Grund, weshalb ich die Schwester zu Hilfe gerufen hatte. Lachend hob sie das Gestell ins Bad, und ich atmete auf.
Die Visite kam zu meiner Enttäuschung recht spät, erst nach dem Mittagessen, da morgens noch OPs auf dem Plan standen. Hugo erschien sogar noch vor dem Arzt, der den Verband entfernte und sich die genähten Löcher in der Bauchdecke besah. Ja, es war alles in Ordnung. Ich bekam einen Termin zum Fäden ziehen lassen direkt in seiner Praxis und wurde mit einem festen Händedruck entlassen. Freudestrahlend fuhr ich mit meinem Mann im Auto davon. Eigentlich hatte ich viel mehr Spaß gehabt als damals bei den Kaiserschnitten in Deutschland – und außerdem hatte ich ja so viel zu berichten! Mein Mund stand keine Minute still. Fortan habe ich übrigens kein Problem mehr damit, eventuell in ein türkisches Krankenhaus zu müssen – und das ist auch gut so. Denn das sollte es noch längst nicht gewesen sein!

Aus dem Buch ENDSTATION ANATOLIEN.
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©byChristine Erdic

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Die deutsche Buchautorin Christine Erdic lebt zur Zeit hauptsächlich in der Türkei.
Beruflich unterrichtet sie in der Türkei Deutsch für Schüler (Nachhilfe), sie gab
Sprachtraining an der Uni und machte Übersetzungen für türkische Zeitungen.
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