„Die Situation des Faches Geographie ist auch 2022 als kritisch einzuschätzen“

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Für das Fach Geographie sehen die Lehrpläne der Schulen in einigen Bundesländern immer weniger Unterrichtszeit vor. Ein Zustand, den der Verband Deutscher Schulgeographen (VDSG) mit Sorge beobachtet und bereits im Jahr 2019 kritisierte. Themen wie der Klimawandel und auch Bewegungen wie Fridays for Future verdeutlichen, so der Verband, dass Geographie ein bedeutendes Fach ist – und den Schülerinnen und Schülern dringend nötiges Wissen vermittelt.

Im Interview erklärt Dr. Simone Reutemann, zweite Vorsitzende des VDSG und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Humangeographie der Technischen Universität Dresden, welches Anliegen Schulgeographinnen und Schulgeographen haben, und was sie gegen das Verschwinden des Fachs Geographie unternehmen. An ihrer Seite im Gespräch ist Melissa Hanke, Doktorandin an der Universität Hamburg, die dieses Jahr zum ersten Mal bei der Jury des Diercke WISSEN Geographiewettbewerbs dabei ist. Der Wettbewerb, veranstaltet vom Verband und von der Westermann Gruppe, ist der größte Schulwettbewerb für Geographie in Deutschland. Hanke verdeutlicht, wie solche Wettbewerbe dazu beitragen können, das Bewusstsein für Geographie bei jungen Menschen zu stärken.

Diercke WISSEN-Team: Frau Dr. Reutemann, was können Sie uns zur gegenwärtigen Lage der Geographie als Schulfach in Deutschland sagen?

Dr. Simone Reutemann: Die Situation des Faches Geographie ist auch 2022 als kritisch einzuschätzen. Beispielsweise wurde die Zahl der Unterrichtsstunden in Bayern und Nordrhein-Westfalen beim Übergang auf das achtjährige Gymnasium reduziert – bei der Rückkehr zur neunjährigen gymnasialen Bildung wurde dies aber nicht wieder rückgängig gemacht. In anderen Bundesländern, wie zum Beispiel Hessen, soll das Fach Politik auf Kosten der Geographie gestärkt werden. In weiteren Bundesländern ist Geographie in der Sekundarstufe I in Fächerverbünden aufgegangen. Ein Problem dieser Verbundfächer ist, dass sie vielfach von Lehrerinnen und Lehrern ausgestaltet und unterrichtet werden, die nicht speziell als Geographie-Lehrkräfte geschult wurden. Aktuelles Beispiel ist Mecklenburg-Vorpommern: Dort soll ein Verbundfach „Gesellschaftswissenschaften“ aus Geographie, Geschichte, Arbeit – Wirtschaft – Technik (AWT) und Politik etabliert werden.

Was wird getan, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Dr. Simone Reutemann: Weil Schulgeographinnen und Schulgeographen vor Ort auf politische Entscheidungen reagierten, verlangsamte sich der Bedeutungsverlust des Faches. Eine Trendwende konnte jedoch nicht erreicht werden. Auf dem Deutschen Kongress für Geographie im Jahr 2019 wurde die Initiative „Roadmap 2030“ mit dem Ziel ins Leben gerufen, das Fach Geographie dauerhaft zu stärken. Hier arbeiten wir Schulgeographinnen und Schulgeographen sehr aktiv mit. Und wir sehen bereits erste Erfolge: Am 12. Januar 2022 fand ein Gespräch statt – mit dabei waren Vertreterinnen und Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Geographie, deren Mitglied wir sind, und die GeoUnion mit dem Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Udo Michallik sowie der Leiter der Abteilung Schulen, Dr. Tobias Funk. Nun wenden wir uns in Zusammenarbeit mit dem Hochschulverband für Geographiedidaktik gegenwärtig an die Kultusministerien der einzelnen Bundesländer, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Außerdem entstand die Broschüre Geographie – das Zukunftsfach, in der die gesellschaftliche Bedeutung unseres Faches dargestellt und zehn bildungspolitische Forderungen zur Stärkung des Schulfachs herausgearbeitet werden.

Frau Hanke – Sie sind als Jurorin Teil von Diercke WISSEN. Wie kann der Wettbewerb Ihrer Meinung nach dazu beitragen, den Stellenwert des Schulfaches Geographie zu steigern?

Melissa Hanke: Als interdisziplinäres Fach verknüpft die Geographie die naturwissenschaftliche sowie gesellschaftswissenschaftliche Perspektive auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. In den Wettbewerbsaufgaben wird dieses Vorgehen aufgegriffen. Das kann das Interesse fördern und die Aufmerksamkeit aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie Zuschauerinnen und Zuschauer gewinnen, sodass die Bedeutung des Fachs Geographie sichtbar wird. Dafür ist es auch wichtig, dass der Wettbewerb für alle zugänglich ist – deshalb können alle Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen im In- und Ausland teilnehmen und sich in drei Runden bis in das Bundesfinale kämpfen, das die größte Aufmerksamkeit genießt.

Und was wird sich dieses Jahr im Vergleich zu den letzten Wettbewerben verändern?

Melissa Hanke: Zum einen wird das Bundesfinale aufgrund der Corona-Pandemie zum ersten Mal digital durchgeführt, damit alle auf Abstand von zu Hause aus teilnehmen können. Zum anderen hat sich die Ausrichtung des Wettbewerbs verändert: Wir freuen uns, das Themenspektrum noch weiter aufgefächert zu haben und einige Fragen zu aktuellen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen zu können. Außerdem haben wir einige neue Aufgabenformate für die Finalistinnen und Finalisten integriert, die auch für das Publikum spannend sein werden – neu im Katalog sind beispielsweise Fragen nach gesuchten Orten oder Sehenswürdigkeiten, zu denen die Finalistinnen und Finalisten immer weitere Informationen erhalten. Je weniger Hinweise sie brauchen, um die Frage richtig zu beantworten, desto mehr Punkte erhalten sie.

Frau Dr. Reutemann, warum ist gerade das Schulfach Geographie denn so wichtig?

Dr. Simone Reutemann: Das Fach setzt sich mit den globalen Herausforderungen auseinander, indem es Zukunftsthemen wie den anthropogenen, also maßgeblich vom Menschen beeinflussten Klimawandel altersgemäß aufbereitet und dann den Schülerinnen und Schülern entsprechend vermittelt. Die Klimakrise wird ihr Leben prägen, sie müssen die lokalen und globalen Auswirkungen ertragen und Lösungsmöglichkeiten entwickeln. Die Geographielehrkräfte möchten hier vor allem lösungsorientiert mit den Lernenden arbeiten. Zudem betrachtet das Fach Geographie die unterschiedlichen Räume von lokal bis global.

Frau Hanke, spiegelt sich das auch bei Diercke WISSEN wider?

Melissa Hanke: Ja, das Thema Klimakrise ist für uns von hoher Relevanz, sodass wir in diesem Jahr in allen Runden Fragen zu dem Thema aufgenommen haben. Sie zielen sowohl auf Ursachen als auch auf Folgen und Handlungsmöglichkeiten im Kontext des Klimawandels ab.

Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer schloss ihren Bachelor in Geografie ab und absolviert darin gerade ihr Masterstudium. Sie veröffentlichte auf Instagram ein Plädoyer für das Fach, das für sie eine wesentliche Motivationsquelle für ihre Tätigkeit ist. Wie kann die Geographie jungen Menschen helfen, sich zu organisieren und die Klimakrise anzugehen?

Dr. Simone Reutemann: Auf Instagram hat Luisa Neubauer wirklich eine wunderschöne Liebeserklärung an unsere Welt verfasst. Ihre Worte motivieren auch andere, sich für unsere Lebensumwelt zu engagieren und auch entsprechend zu leben. Im Geographieunterricht werden die Grundlagen für ein zukünftiges, eigenverantwortliches Handeln gelegt.

Frau Dr. Reutemann, was wäre aus Ihrer Sicht wichtig, damit junge Menschen bestmöglich von der geographischen Bildung profitieren können?

Dr. Simone Reutemann: Voranstellen möchte ich, dass Schülerinnen und Schüler großes Interesse für das Fach Geographie zeigen. Um ihnen einen qualitativ hochwertigen Geographieunterricht zu ermöglichen, möchte ich auf einige der bildungspolitischen Forderungen verweisen: Geographie muss als eigenständiges Fach mit qualitativ gut ausgebildeten Lehrkräften durchgängig in der Sekundarstufe I und II unterrichtet werden. Das Unterrichten durch fachfremde Lehrerinnen und Lehrer ist bei den zu behandelnden Zukunftsthemen weder sinnvoll noch angemessen. Gerade auch in der Oberstufe sollten sich die Lernenden eigenverantwortlich für ihre Fächer entscheiden können.

Und was würden Sie Schülerinnen und Schülern raten, die sich auch außerhalb des Schulunterrichts mit der Geographie beschäftigen möchten?

Dr. Simone Reutemann: Macht es! Haltet die Augen offen! Und nehmt an den verschiedenen geographischen Wettbewerben teil!

Frau Hanke, Sie sind zum ersten Mal Jurorin für Diercke WISSEN – auf was freuen Sie sich am meisten?

Melissa Hanke: Ich freue mich ganz besonders auf das Bundesfinale! Im Aufgabenteam haben wir gemeinsam einige neue Fragenformate eingeführt und uns bei der Fragenkonzeption viele Gedanken gemacht, sodass wir ganz gespannt darauf sind, wie alle Beteiligten reagieren werden. Ganz besonders freuen wir uns dabei natürlich auf das Kennenlernen der Finalistinnen und Finalisten.