Fachkräftemangel real

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Zumindest liest man immer noch gelegentlich darüber. Gänzlich real lief es in der Maschinenfabrik von Helmut X., dem das Schicksal einen kleinen Streich spielte. Das kam so:
Der langjährige Leiter des Einkauf- und Lagerwesens schied urplötzlich durch eine schwere Erkrankung aus. Helmut X. setzte sofort alle Hebel in Bewegung um seinen Betrieb störungsfrei zu halten. Annoncen in allen regionalen Tageszeitungen, Anruf beim Arbeitsamt und sogar der Lokalfunk wurde bemüht. Man suchte einen gewissenhaften und fleißigen Lagerleiter.
Das Ergebnis war kläglich. Ganze fünf Personen meldeten sich und im telefonischen Vorgespräch wurden vier davon abgelehnt. Der fünfte Bewerber erschien dann gut gelaunt mit einer Stunde Verspätung zum Einstellungsgespräch. Helmut X begrüßte ihn und erklärte ihm recht plastisch wie die Aufgabenstellung genau ist. Computerkenntnisse sind natürlich eine Grundvoraussetzung.
„Nu, Combjuder kann ich. Habe sogar einen daheeme. Windau 95, einfach Glasse.“
Helmut machte höflich darauf aufmerksam, dass man im Jahr 2022 schon etwas anspruchsvollere Programme nutzen würde. „Nee, sachen sä bloß sä hamm schon Windau 7? Respekt!“ Spontan verschluckte sich Helmut, sprach dann von Windows 11, dem aktuellsten Programm heutzutage. Wäre da nicht die Not der Stellenbesetzung gewesen … dieser Kandidat wäre gleichfalls abgelehnt worden.
So kam man nach vielerlei Fragen und Antworten zum Thema Gehalt. „Also,“ Helmut ganz Geschäftsmann, „da ihre zukünftige Tätigkeit sehr anspruchsvoll ist, schlägt sich das auch in der Bezahlung nieder. Jedoch mehr als € 6500,00 kann ich ihnen nicht offerieren.“ „Nu, 6500 Euro?“ Der Bewerber rollte mit den Augen, holte tief Luft und baute sich auf. Helmut verstand das vollkommen falsch: „Also gut, 7500, mehr geht aber wirklich nicht.“ Der Bewerber schüttelte Helmut die Hand: „Ich gratuliere ihnen!“ „Wozu? Ich habe keinen Geburtstag?!“ „Nu, sä haben nen guuden Mann eingestellt, dazu gratuliere ich ihnen.“ „Wir sehen uns dann morgen an ihrem neuen Arbeitsplatz.“ Der Bewerber schaute ungläubig. Schon morgen? „Das ist aber schlecht, mit morgen. In zwei Wochen machen wir nämlich ein Grillfest auf meiner Datsche und vorab muss ich doch noch Vorkehrungen treffen. Wir machen nämlich immer Würzfleisch, Broiler mit Domadensosse und vorher ne Soljanka.“
Helmut seufzte kurz auf, gedachte seiner kürzlich Genesung vom Herzinfarkt und stimmte dann zu, man sieht sich also am Ersten des nächsten Monats.
Vier Wochen später: Die Platine für die elektronische Steuerung einer Drehbank ist defekt, muss sofort ausgetauscht werden. Helmut ging persönlich zu seinem neuen Lagerleiter, erfragte das Ersatzteil. „Nu, sowas hamma nich hier.“ „Ja, wird denn nicht rechtzeitig nachbestellt, oder ist es schon bestellt?“ „Das weeß ich doch nich.“ „Dann rufen sie die Firma an, machen sie mal Druck, Produktionsstillstand droht.“ Helmut ging zurück in sein Büro. Am nächsten Tag stellte er fest, noch immer kein Ersatzteil da. Er sprach den Lagerleiter an: „Was hat das Telefonat denn ergeben?“ „Ooch, da muss ich noch anrufen.“ „Bitte waaaas? Ich sagte doch sie sollten die anrufen, das war gestern!“ „Nu, meinten sie etwa sofort anrufen? Kann ich ja nachher mal machen …“ So kam Helmut zu seinem zweiten Herzinfarkt. Der neue Lagerleiter hingegen kündigte fristlos. In seinem Kündigungsschreiben beklagte er ein überaus stressiges Forderungsmanagement. Ein harmonisches Arbeitsverhältnis wird dadurch unmöglich gemacht.
In der Ruhe liegt die Kraft, wie man immer so schön sagt … bringt nur nichts!

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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