Kindesentführung, Weltkriegsverbrechen, Europa nach dem Kalten Krieg, ein schräger Kommissar und die Nordsee

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Brandungsmädchen

Als die noch nicht einmal zweijährige Marthe Saalkämper im Mai 1977 aus einem Hotelzimmer auf Texel in den Niederlanden entführt wird, ist der Zweite Weltkrieg noch keine 30 Jahre Vergangenheit und der Kalte Krieg noch mehr als aktuell. Als der 16 Jahre später auch vergangen ist, ist Marthe Saalkämper immer noch verschwunden, der Fall nicht geklärt und ab nun in den Händen von Interpol. Unter der Leitung des erfahrenen, aber auch etwas zerfahrenen dänischen Kommissars Owe Thomson, machen sich mit ihm die junge Polizeianwärterin Juliane Meissner aus Hamburg sowie der ostdeutsche Grenzbeamte Karl Sudberg auf die Suche nach dem verschwundenen Mädchen und geraten in einen Fall, in dem nicht nur scheinbar unfähige Polizisten in den Niederlanden eine wichtige Rolle spielen, sondern auch Annemarieke von Holland, die Prinzessin des Landes, ein dänischer Minister, der Mossad, ein alter albanischer Partisan und seine Familie, sowie ein tyrannischer ehemaliger Wehrmachtsoffizier und sein Sohn mit nur einem Ohr. Darüber hinaus die Brandungsmädchen Espe Johannsson, Greta aus Kasibor und Sophie Martens, sowie die Nordsee in all ihrer Kraft und Erscheinung, die Fähren fast zu Kentern bringt, Leben nimmt, bedroht und immer wieder an Pellworms Küsten schlägt, die Insel auf der letztlich alles kulminiert.
„Brandungsmädchen“ heißt der soeben im Leipziger EINBUCH Buch- und Literaturverlag erschienene Debüt-Roman des Oldenburger Autors Mattias Stolzenberg. Gut 400 eng beschriebene Seiten ist dieser stark, und man spürt als Leser oder Leserin, dass Stolzenberg im Hauptberuf mit Fotografie sein Geld verdient. So ist es nicht nur dieses Krimi-Abenteuer im Nach-Wende-Europa, das sorgfältig dargelegt und erzählt wird, nein, es werden eben auch Personen und Landschaften, Stimmungen und Räume sorgfältig ausgelegt und situativ entsprechend beleuchtet. Und natürlich, für einen in Hamburg geborenen und in Oldenburg lebenden Autor, spielt hier die Nordsee eine ganz besondere Rolle. Gleich zu Beginn „bitterkalt, bedrohlich und mit strahlend weißen Gischtzungen“, als die Brandungsmädchen zum ersten Mal erscheinen; später „charmant mit feinem Sand und doch ein wenig übel gelaunt“, als Kommissar Thomson mit Texel die Insel erreicht, auf der das Mädchen Marthe entführt wurde, immer wieder stockdunkel und bedrohlich, wenn Menschen in ihr zu ertrinken drohen, die Gezeiten ihre unbändige Kraft zeigen, Unwetter toben. Unbeugsam und faszinierend.
„Ich mag eure Nordsee“, sagt Drita aus Baz in Albanien, als sie mit Greta in der Nordseebrandung surft. „Sie ist so wild und so unbeugsam, und ihr Schnaufen so großartig, so tief wie das Trommeln der Hufe von Steppenpferden.“ Und ganz am Schluss: „Das war der absolute Hammer.“
Da ist man dann als Leser oder Leserin an dem Punkt angekommen, dass man sich das Bild nun endlich noch einmal in Ruhe ansehen möchte, also die ein oder andere Stelle noch einmal lesen. Oder doch gleich das ganze Buch.

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Honorarfreie Verwendung, Beleghinweis erbeten,
479 Wörter; 3240 Zeichen