Der liebe Gott zittert auch manchmal…

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Der Sprecher des Philosophischen Laienarbeitskreises, Dennis Riehle, ermutigt mit einem Erfahrungsbericht zur Auseinandersetzung zwischen eigenem Leiden und dem persönlichen Gottesglauben:

„Bei Ihnen ist es bisher auch nicht so rosig gelaufen“ – Mit diesen Worten empfing mich der behandelnde Arzt vor rund zwei Jahren, als ich nach einem schweren Nierenversagen wieder vollends bei mir war. „52 Diagnosen von Asthma über Diabetes, Lebertumor, Muskelschwund, Nervenleiden, Psychose und Zwangsstörung – da ist ja fast alles dabei“. Nun ja, ich hätte mir wahrlich auch eine etwas feinfühligere Botschaft nach der Rückkehr aus dem lebensbedrohlichen Zustand erhofft, als ich aus dem Tunnel zwischen Diesseits und Jenseits wieder zurückgekommen und nicht zum ersten Mal dem Tod von der Schippe gesprungen war. Aber es war schon nicht ganz falsch: Bereits in früher Jugend hatte ich begonnen, die auf dem Weg liegenden Krankheiten aufzusammeln und zu meinem Eigen zu erklären.

Zweifelsohne war mein Leben nicht so gelaufen, wie ich mir das erhofft hatte. Abitur mit Hängen und Würgen, Studienabbruch, immerhin erfolgreiche Aus- und Weiterbildungen und dreizehn Jahre Selbstständigkeit, danach aber erwerbsunfähig und heute pflegebedürftig. Eine steile Karriere sieht vielleicht anders aus. Allerdings gehört es heute zu meinem Wesen, das Glas stets als halbvoll zu betrachten. Denn wir sollten uns nicht immer an dem messen, was hätte besser laufen können. Blicken wir auf Not und Elend in dieser Welt, dann relativiert sich doch manch eigenes Leiden. Diese Gelassenheit habe ich allerdings nicht immer in mir gehabt. Allzu oft kamen mir in der Vergangenheit die Worte Jesu in den Sinn: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.

Diese Anklage ist menschlich, denn die scheinbar unauflösbare Theodizée-Frage lässt uns Geschöpfe nicht selten ratlos zurück.  Weshalb kann es ein himmlischer, allmächtiger und gutmütiger Vater zulassen, dass seine Kinder in so ungerechter Weise vom Schicksal heimgesucht werden? Kriege, Krankheiten, Naturkatastrophen – sie treffen oftmals die Ärmsten und Schwächsten, scheinen sinnlos und willkürlich zu sein. Dabei besagt doch unser christlicher Glaube eigentlich, dass Gott die Kraft und Stärke hätte, in das Geschehen auf der Erde einzugreifen. Doch wieso merken wir davon kaum etwas?

2019 hatte ich nach einem jahrelangen Ärztemarathon ein Gespräch mit einem Neurologen. Mein Tremor, die psychomotorische Verlangsamung und eine ausgeprägte Körpersteifigkeit hatten die Mediziner früh an ein Parkinson-Syndrom denken lassen. Doch mit meinem damaligen Alter von 34 Jahren wäre das eher ungewöhnlich gewesen, wenngleich die „Schüttellähmung“ keinesfalls eine ausschließliche Erkrankung von Senioren ist. „Wissen Sie“, sagte ich zu dem Arzt, „der liebe Gott zittert auch manchmal, das stört ihn und mich überhaupt nicht. Aber wenn Sie mir zumindest eine Diagnose stellen könnten und mich von dieser Ungewissheit befreien könnten, wäre mir schon wirklich geholfen“. Denn besonders die Frage nach einer Behandlung und Therapie hatten mir Hoffnung gemacht. Dafür bedurfte es aber einer Klarheit über die Ursache meiner Symptome. „Lassen Sie uns noch ein paar Untersuchungen machen, dann haben wir die Lösung“, entgegnete er mir.

Ich nahm meinen Gehstock und wollte mich der Tür zuwenden. „Ach, Moment. Setzen Sie sich doch noch einmal hin“, rief er mir nach. „Sie strahlen eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus. Dabei umfasst ihre Krankente mittlerweile mehrere Meter. Wie schaffen Sie das?“, fragte er mich. Meine Antwort war relativ kurz: „Ich habe mein Gottesbild geändert“, entgegnete ich ihm – und fing an zu erzählen. „Tun wir ihm nicht Unrecht damit, wenn wir ihn immer nur dann anrufen, wenn es uns schlecht geht? Ist es wirklich fair, ihn für alles Übel verantwortlich zu machen – und sobald es uns wieder besser geht, verschwindet er aus unserer Aufmerksamkeit?“.

Bereits im 1. Buch Mose wird deutlich, dass Gott uns das größte Geschenk gemacht hat, das Eltern ihren Jüngsten überhaupt geben können. Gott hat uns zu selbstständigen, freien und entscheidungsfähigen Wesen gemacht, die über ihr Leben ganz wesentlich mitbestimmen. Sie sind in der Lage, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – und ihre Existenz in die eigenen Hände zu nehmen. Gott traut uns zu, dass wir unsere irdischen Jahre meistern können. Und er schenkt uns das Vertrauen, dass wir auch schlimme Phasen bewältigen können. Denn, so ist es meine Überzeugung mittlerweile, ohne das Leid kann es auch kein Wachstum geben. Die christliche Parabel der Auferstehung wäre nicht möglich gewesen, wenn Jesus nicht zuvor das Kreuz hätte tragen müssen und durch den Überlebenskampf am Kreuz gegangen wäre.

Viele unserer Krisen auf dem Globus sind menschengemacht. Wären wir lernfähig, wenn Gott uns jedes Mal vor der heißen Herdplatte bewahren würde? Wir würden nicht erkennen, dass gewisse Erfahrungen nötig sind, um daraus Lehren ziehen und unser künftiges Verhalten ändern zu können. Ist derjenige, der vermeintlich in Millionen und Milliarden schwimmt und subjektiv auf der Welle des Glücks und der ewigen Gesundheit zu reiten vermag, tatsächlich der Zufriedenere? Oder nicht vielleicht doch eher der Hilflose, sobald etwas nicht nach seinem Plan läuft? Lediglich diejenigen, die gestürzt sind, können sich auch wieder aufrichten – und wissen, dass aus dem Zusammenbruch Neues entsteht. Es braucht eine Katharsis, um zu entdecken, dass wir nicht auf dem Boden liegend zurückgelassen werden. Denn unsere Anwürfe an Gott, er würde uns im Dreck alleine kauern und weinen lassen, stimmen einfach nicht. Viel eher wirkt er durch Zeichen, die wir in der Not nicht als die seinigen zu deuten vermögen. Es ist die Solidarität unserer Mitmenschen, durch die Gottes Gegenwart und Hilfe deutlich wird.

Ich erinnere mich gut, wie mir in den bangen Stunden meines Lebens immer wieder die Hand gereicht wurde. Durch meine Angehörigen, die mir Mut zusprachen, mich am Krankenbett besuchten und mir Hoffnung gaben. Durch Freunde und Kollegen, die durch ihre kleinen Gesten ihren Rückhalt zum Ausdruck brachten. Durch völlig Unbeteiligte, die Hilfe und Unterstützung anboten. Heute ist es mein fester Glaube, dass Einschnitte in unserer Biografie wichtig sind. Wir können das Wunder unseres hiesigen Daseins nur dann erfassen, wenn wir gelitten haben. Sicherlich ist die Verteilung des Leids nach unserem menschlichen Ermessen unangemessen. Allerdings sollten wir aus der vor allem europäisch kultivierten Sichtweise, wonach Drangsal und Pein ausschließlich schrecklich seien, keine voreiligen Schlüsse ziehen. Unser Gejammer und Gemecker sind oftmals groß, aber auch wehleidig. Gottes Antwort und Eingreifen in die Dramatik der Welt folgen nicht auf dem Fuße. Stattdessen wirkt er erst dann, wenn er es für richtig hält – und wenn wir schon nicht mehr damit gerechnet haben.

Unsere Erwartung, dass er Leiden verhindert, um uns vor jedweder Bedrängnis zu verschonen, ist überaus nachvollziehbar und allzu diesseitig. Gott ist kein Airbag, aber Ersthelfer. Er wendet die Unfälle in unserem Leben nicht ab, weil er uns nicht die wertvolle Erfahrung der Auferstehung nehmen möchte. Stattdessen schickt er uns sein Erbarmen, indem er durch Humanität wirkt und unsere Nächsten als Werkzeuge für das Entfliehen aus der Not eifrig nutzt. Untätigkeit können wir ihm wahrlich nicht vorwerfen. Viel eher steht es uns gut zu Gesicht, nicht im Selbstmitleid zu versinken, sondern seine Symbole der Ermutigung wahrzunehmen. Nachdem meine Parkinson-Diagnose mittlerweile gesichert ist, habe ich das Hadern überwunden. Viel eher bin ich dankbar über all diese Zeichen des Miteinanders: Ob Ärzte und Therapeuten, ob Eltern oder Bekannte, ob Nachbarn und Mitbürger im Alltag, die mir beistehen, ihn zu bewältigen: Sie alle lassen mich nicht allein zurück. Und das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Gottes Gegenwart. Insofern möge er uns die Augen öffnen, die positiven Dinge wertzuschätzen und den Moment zu genießen. Schnelllebigkeit nimmt uns den frohen Mut und die Zufriedenheit, die für das Durchstehen von Krisen notwendig sind. Erinnern wir uns daran: Nur wer gedemütigt war, kennt die Perspektive des Horizonts. Leiden neu verstehen: Schwierig, aber eine Chance!

Kontakt: Philosophischer Laienarbeitskreis | Dennis Riehle | Martin-Schleyer-Str. 27 | 78465 Konstanz | Mail: info@philosophischer-laienarbeitskreis.de.

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