Psychosoziale Sprechstunde: Im Mai, Juni und Juli 130 Prozent mehr Hilfsanfragen

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„Die Ampel-Politiker machen sich aktuell eines historischen Versäumnisses schuldig“

Die Psychosoziale Sprechstunde Konstanz, das bundesweit ehrenamtliche Angebot zur psychologischen, sozialen, familiären und integrativen Beratung, hat in den Monaten Mai, Juni und Juli 2022 um 130 Prozent mehr Hilfsanfragen erhalten als in den drei Monaten zuvor. Dies erklärte der Leiter dieser freiwilligen Dienstleistung, Dennis Riehle, in einer aktuellen Stellungnahme. „Wir haben insbesondere im Blick auf Unterstützung bei der Beantragung von Grundsicherungsleistungen nach Hartz IV und Sozialhilfe bei Erwerbsminderung, im Alter und in besonderen Lebenslagen besonderen Bedarf der Menschen in einer durch Teuerung und Knappheit geprägten Zeit des Krieges. Auch die Frage nach Wohngeld und Hilfen für die hohen Energiepreise stehen bei der Beratung ganz im Vordergrund. Dabei lesen wir von teils dramatischen Szenen: Menschen rationieren ihr tägliches Essen und duschen nur noch mit kaltem Wasser. Kinder können nicht mehr an Ausflügen teilnehmen, weil den Familien das Geld dazu fehlt. Und selbst in der Mittelschicht werden Urlaube abgesagt, das Autofahren eingeschränkt und Ventilatoren abgeschaltet. Wir erhalten Unmengen an Zuschriften von Personen in allen Altersschichten und verschiedenen sozialen Klientels, die Rechnungen nicht mehr begleichen können, erstmals im Leben Schulden machen müssen und teilweise nicht mehr in der Lage sind, ein soziokulturelles Existenzminimum für sich und die Angehörigen sicherstellen zu können – obwohl nicht selten sogar beide Elternteile arbeiten gehen und an allen Orten Verzicht geübt wird“, untermauert Riehle seine Erfahrungen in der Beratung der letzten Tage.

„Man merkt zudem eine wachsende Resignation und einen Unmut gegenüber der Politik. Die Anstrengungen der Ampel-Koalition werden von vielen Bürgern als vollkommen unzureichend und ungerecht angesehen. Zweifelsohne wachsen die Vorzeichen für eine gesellschaftliche Spaltung gerade sehr und die Gefahr für eine wachsende Polarisierung an den Rändern steigt an. Insofern ist die Untätigkeit angesichts der außergewöhnlichen Situation, welche gerade die FDP durch ihre Blockadehaltung gegenüber mehr sozialen Ausgleichs einnimmt, für viele Bevölkerungsteile nicht mehr verständlich. Schuldnerberatungen haben immensen Zulauf – und auch bei unserer Sprechstunde spielen sich beschämende Szenen ab“, kommentiert Riehle hierzu. „Wenn Personen bei den Tafeln abgewiesen werden, weil nicht mehr genügend Nahrungsmittel zur Verteilung stehen und die Rente nicht ausreicht, drei Mahlzeiten am Tag zu garantieren, dann komme ich mir vor wie in einer Bananenrepublik – und nicht wie in einem der reichsten Industrieländer“, sagt der 37-Jährige, der auch beobachtet, dass die Knappheit Menschen an ihre psychischen Belastungsgrenzen bringt:

„Zukunftsängste und Stress sind momentan die häufigsten Seelenprobleme, mit denen sich Bürger bei mir melden. Und das ist ganz verständlich, wenn man ihre Not objektiv ansieht“. Die Hilfestellung der Psychosozialen Sprechstunde liegt einerseits in ganz praktischen Empfehlungen für die Inanspruchnahme weiterer Sozialleistungen und Unterstützungen durch die öffentliche Hand: „Hier vermitteln wir an die passenden Stellen, helfen bei Antragsstellung und etwaigem Widerspruch, gleichsam aber auch bei der Suche nach einem zuständigen Ansprechpartner bei Schulden und drohender Wohnungslosigkeit oder Energieabschaltung. Ebenfalls bieten wir eine Übersicht über Anrechte, die Menschen bei Bedürftigkeit haben. Der Verweis an Selbsthilfegruppen gehört ebenso dazu wie die durchtragende Seelsorge und stützende Ermutigung. Wir geben Alltagstipps zum Sparen und versuchen, für den Einzelnen ein Konzept zur eigenen Existenzsicherung zu erarbeiten. Schlussendlich kann man bei uns einfach auch nur die Sorgen niederschreiben, das hilft oft schon ein Stück weiter“.

Riehle sieht erheblichen Handlungsbedarf bei der Politik, die sich nach Meinung des Sozialberaters derzeit eher um das Überleben der Unternehmen anstatt der Bürger kümmert: „Sicherlich kann der Staat nicht alles auffangen. Aber er hat die Pflicht, Umverteilung zu betreiben, Gerechtigkeit zu üben und diejenigen in Verantwortung zu nehmen, die aus der Krise überproportional profitieren. Derzeit macht sich die Politik zum Anwalt der Reichen“, echauffiert sich Riehle und schließt mit den Worten: „Wer in einer der prekärsten Stunden unserer Geschichte die Schuldenbremse einhalten und dafür viele Menschen frierend, hungernd und obdachlos zurücklassen will, bricht seinen Eid und macht sich eines historischen Versäumnisses schuldig“.

Die Psychosoziale Sprechstunde ist bundesweit kostenlos für jeden per Mail erreichbar: beratung@psychosoziale-sprechstunde.de.