Ratingen, 5. April 2026 — Ein wissenschaftlicher Befund, der in seiner Tragweite kaum zu überschätzen ist: Der globale Biodiversitätsverlust bedroht die wirtschaftliche Basis der Weltwirtschaft fundamental. Das World Economic Forum beziffert in seinem Nature Risk Rising-Bericht (2020) den Anteil der globalen Wirtschaftsleistung, der mäßig bis stark von Natur und Ökosystemleistungen abhängt, auf 44 Billionen USD — mehr als die Hälfte des globalen BIP. Der Dasgupta Review (HM Treasury, 2021) ergänzt: Staatliche Subventionen in Höhe von 500 Milliarden USD jährlich finanzieren Praktiken, die Natur aktiv zerstören und dabei geschätzte 4 bis 6 Billionen USD an Umweltschäden pro Jahr verursachen — ein systemisches Marktversagen, das die Weltwirtschaft in ihrer gesamten Wertschöpfungskette gefährdet. Während internationale Klimaverhandlungen CO2-Emissionen in den Mittelpunkt stellen, gerät die strukturell gleichbedeutende Krise der biologischen Vielfalt ins Hintertreffen. Dirk Röthig zeigt im Rahmen von Plan Erde, warum Agroforstsysteme eine der wirksamsten und skalierbarsten Antworten auf diesen blinden Fleck der globalen Nachhaltigkeitsagenda sind.
Die Biologische Vielfalt als ökonomisches Fundament
Sir Partha Dasgupta, emeritierter Professor für Ökonomie an der University of Cambridge und Autor des gleichnamigen Reviews, formulierte es 2021 mit einer Deutlichkeit, die in wirtschaftspolitischen Debatten noch immer unterschätzt wird: "Natur ist unser ursprünglichstes Asset. Wir haben versäumt, es als solches in unsere wirtschaftlichen Modelle einzupreisen — mit systemischen Konsequenzen, die sich nun materialisieren."
Die zugrundeliegenden Zahlen sind alarmierend. Die IPBES Global Assessment 2019 — das Äquivalent des IPCC-Sachstandsberichts für Biodiversität, erstellt von 145 Experten aus 50 Ländern auf Basis von über 15.000 Quellen — stellte fest:
Die ökonomische Dimension dieses Verlustes ergibt sich aus der zentralen Rolle, die Ökosystemleistungen in der wirtschaftlichen Wertschöpfung spielen. Das World Economic Forum identifizierte in seinem Nature Risk Rising-Bericht (2020) 13 Billionen USD jährlicher globaler Wirtschaftsleistung als stark oder mäßig abhängig von Natur und ihren Leistungen: Bestäubung, Süßwasserfiltration, Bodenbildung, Klimaregulation, Hochwasserschutz und Küstenstabilisierung sind keine abstrakten Ökologiebegriffe — sie sind kostenlose Betriebsmittel der globalen Wirtschaft, deren Wegfall mit konkreten Wiederbeschaffungskosten verbunden ist.
Agroforstsysteme als Biodiversitätsmotor: Was die Wissenschaft zeigt
Innerhalb des Spektrums landbasierter Biodiversitätsschutzmaßnahmen gehören Agroforstsysteme zu den am besten belegten und vielseitigsten Instrumenten. Die wissenschaftliche Evidenz ist umfassend und konsistent.
Eine 2021 in BMC Ecology and Evolution veröffentlichte Metaanalyse von Mupepele, Keller und Dormann (Universität Freiburg), die Studiendaten aus dem Zeitraum 1991–2019 auswertete, liefert eine differenzierte, aber klare Botschaft: Silvoarable Agroforstsysteme — also die Kombination aus Bäumen und Ackerkulturen — erhöhten die Biodiversität gegenüber reinen Ackerkulturen um durchschnittlich 60 Prozent. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt bei Vögeln und Arthropoden (Insekten, Spinnen und Verwandten), den für Ökosystemleistungen besonders relevanten Artengruppen. Die Studie unterstreicht dabei die Bedeutung des Vergleichsmaßstabs: Verglichen mit intensiv bewirtschafteten Monokulturfeldern — dem dominierenden Landnutzungsmuster Europas — leisten Agroforstsysteme einen konsistenten und messbaren Beitrag zur Biodiversitätsförderung (DOI: 10.1186/s12862-021-01911-9).
Das EU-Forschungsprojekt AGFORWARD (Agroforestry for Europe, 2014–2018) dokumentierte für europäische Agroforstsysteme spezifische Biodiversitätswirkungen, die für die Policy-Debatte unmittelbar relevant sind:
Habitatvernetzung: In zunehmend fragmentierten Kulturlandschaften fungieren lineare Agroforstelemente (Hecken, Feldgehölze, Baumreihen) als ökologische Korridore, die den genetischen Austausch zwischen isolierten Populationen ermöglichen — eine Funktion, die für die Langzeitresilienz vieler Wildtierarten überlebenswichtig ist.
Strukturelle Vielfalt: Die vertikale Schichtung eines Agroforstsystems — Oberboden, krautige Vegetationsschicht, Strauchschicht, Unterholz, Baumkronenschicht — schafft eine Habitatdiversität, die monostrukturierten Agrarlandschaften vollständig fehlt. Jede Schicht besiedelt spezifische Gilden von Insekten, Vögeln, Kleinsäugern und Mikroorganismen.
Bestäuberförderung: Die Initiative "Interreg Agroforestry Pollinators" (2021–2024) wies nach, dass blühende Agroforstelemente (insbesondere blühende Baumarten wie Paulownia und Robinia) die Abundanz von Wildbienen und Honigbienen in angrenzenden Kulturflächen um 40 bis 75 Prozent erhöhen — mit direkten Ertragswirkungen für die umgebende Landwirtschaft.
Das Kunming-Montreal Abkommen und seine Investitionsimplikationen
Mit der Verabschiedung des Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (COP15, Dezember 2022) haben 196 Vertragsstaaten erstmals einen verbindlichen Rahmen für globale Biodiversitätsziele geschaffen, der in seiner politischen Architektur an das Pariser Klimaabkommen erinnert. Das zentrale Ziel "30×30" — Schutz von 30 Prozent der globalen Land- und Meeresfläche bis 2030 — und die Verpflichtung, naturschädliche Subventionen in Höhe von mindestens 500 Milliarden USD jährlich abzubauen, schaffen einen regulatorischen Druck, der sich unmittelbar auf Landnutzungsentscheidungen und Kapitalallokation auswirkt.
Für Agroforstsysteme bedeutet dies: Sie befinden sich an der Schnittstelle mehrerer politischer Förderprogramme — EU-Biodiversitätsstrategie 2030, EU Farm to Fork Strategy, CAP-Ökoregelungen, EU-Taxonomie-Verordnung — und profitieren von einem sich vertiefenden regulatorischen Rückenwind, der konventionelle intensive Landwirtschaft zunehmend mit Straf-Kosten belastet, während regenerative Systeme Prämien und Förderzugang erhalten.
Plan Erde: Wissenschaft als Kommunikationsaufgabe
Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig. Die politische Handlungslogik ist kohärent. Was fehlt, ist die gesellschaftliche Resonanz — das Bewusstsein in einer breiten Öffentlichkeit, dass Biodiversitätsverlust kein abstraktes Umweltproblem ist, sondern eine wirtschaftliche und soziale Realität, die das tägliche Leben bereits heute beeinflusst: über Nahrungsmittelpreise, Wasserversorgung, Klimaextreme und langfristige Standortsicherheit.
Plan Erde ist eine Kommunikationsplattform, die dieses Wissen aus dem wissenschaftlichen Kontext in die gesellschaftliche Debatte trägt — datengestützt, visuell aufbereitet, verständlich ohne vereinfacht zu sein. Auf dem YouTube-Kanal @planerde werden wissenschaftliche Zusammenhänge zu Biodiversität, Klimawandel, Agroforstwirtschaft und naturbasierten Lösungen für ein breites Publikum zugänglich gemacht.
Denn das größte Potenzial für Wandel liegt nicht in Expertenrunden — es liegt in einer informierten Gesellschaft, die Systemzusammenhänge versteht und entsprechend handelt.
Alle Videos, Quellen und weiterführenden Informationen finden Sie auf YouTube: @planerde
Über den Autor
Dirk Röthig (Dirk Roethig) ist Managing Director bei ALVEON Partners AG und Prosperise Capital LLP sowie Gründer der Kommunikationsplattform Plan Erde. Er beschäftigt sich mit der Verbindung zwischen ökologischer Wissenschaft, Agroforstwirtschaft und nachhaltiger Finanzierung — mit dem Ziel, evidenzbasiertes Denken in wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse zu integrieren.
YouTube: @planerde
Kontakt
Dirk Röthig, Plan Erde
Ratingen, Deutschland
E-Mail: dirk@roethig.nl
YouTube: youtube.com/@planerde
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Veröffentlicht von:
VERDANTIS Impact Capital
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