Wenn Wut ein Hilferuf ist – Neues Gruppentherapiekonzept am kbo-Kinderzentrum München

Wenn Kinder mit starken Verhaltensauffälligkeiten den Familienalltag bestimmen, stoßen viele Eltern an ihre Grenzen.
Am kbo-Kinderzentrum München setzt ein neuartiges Therapiekonzept genau hier an.Ein Kind schreit, wirft sich auf den Boden, schlägt um sich. Für viele Eltern ist das ein Moment der Überforderung. Für das Team am kbo-Kinderzentrum München hingegen ist es vor allem eines: eine Form der Kommunikation. Denn hinter scheinbar "unartigem" Verhalten stehen häufig Wünsche, Bedürfnisse, innere Konflikte oder emotionale Überforderung.

Aus dieser Perspektive heraus wurde am kbo-Kinderzentrum ein neues Therapiekonzept entwickelt, das in dieser Form bislang einzigartig ist. Unter der Leitung von Dr. med. Michael-Andor Marton sowie Psychologe Dr. Janos Frisch entstand eine eng verzahnte Kombination aus Kindergruppentherapie und Elterntraining. Vorbild für die Therapiekonzeption war dabei das in London und Heidelberg entwickelte "Leuchtturm-Elterntraining".

Seit Mitte 2023 können Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren im Rahmen einer stationären Behandlung an der sogenannten "Kibonauten-Entdeckungsfahrt"-Gruppe teilnehmen. Zielgruppe sind vor allem Kinder mit Diagnosen wie emotionale Störungen, Aggressionsprobleme, Bindungsstörungen oder ADHS. Gemeinsam sind diesen Diagnosen Schwierigkeiten, die eigenen innere Zustände wahrzunehmen, Impulse zu regulieren und Beziehungen zu gestalten, sodass der Familienalltag bei betroffenen Kindern oftmals durch Konflikte und Eskalationen bestimmt wird.

Mentalisieren als Kernkompetenz

Im Zentrum des Ansatzes steht die Förderung der sogenannten Mentalisierungsfähigkeit – also die Kompetenz, eigenes und fremdes Verhalten als Ausdruck innerer Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse zu verstehen. Ziel ist es, sowohl Kindern als auch Eltern neue Wege im Umgang mit Konflikten zu eröffnen und die Qualität der Beziehung nachhaltig zu verbessern. So sollen die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt und ihre Verhaltensauffälligkeit minimiert werden.

"Mit der parallelen Arbeit in Elterntraining und Kindergruppe setzen wir gezielt an zwei entscheidenden Stellschrauben an: Wir stärken die äußeren Ressourcen des Kindes, indem wir seine Bezugspersonen fördern – und zugleich die inneren Ressourcen, indem wir die emotionalen und sozialen Fähigkeiten der Kinder in der Gruppe weiterentwickeln", so Dr. Marton. "Ziel mentalisierungsfördernder Therapie ist es, das Vertrauen der Kinder in die Kompetenz ihrer Bezugspersonen zu stärken. Dieses Vertrauen wird oft als eine Art ‚Super-Highway’ für die Entwicklung sozialer Fähigkeiten beschrieben – denn wir lernen vor allem von Menschen, denen wir vertrauen."

Eine gemeinsame Sprache für den Alltag

Ein weiteres zentrales Element des Konzepts ist die gemeinsame "therapeutische Sprache": Eltern und Kinder arbeiten in den jeweiligen Gruppentherapien mit denselben Bildern und Metaphern, um Gefühle, Gedanken und Beziehungsmuster zu beschreiben. Das erleichtert die Übertragung in den Alltag und erhöht die Nachhaltigkeitschancen der Therapie über den Klinikaufenthalt hinaus.

"Wenn Familien beginnen, dieselbe Sprache zu sprechen und es Eltern und Kindern gelingt, das Erlernte gemeinsam im Alltag anzuwenden, entsteht die Grundlage für neues Vertrauen und stabile Beziehungen und damit auch für eine nachhaltige Veränderung im Verhalten", so Marton.

Mentalisieren lernen im geschützten Gruppenraum

Die Kindergruppe bietet dabei einen strukturierten, sicheren Rahmen, in dem Konflikte nicht vermieden, sondern gezielt genutzt werden. Unter therapeutischer Begleitung lernen die Kinder, ihre eigenen Gefühle, Gedanken und Motivationen zu erkennen, die Perspektiven anderer zu verstehen und ihr Gegenüber ebenfalls als Träger von Emotionen, Gedanken und Bedürfnissen zu identifizieren.

Gerade die Dynamik unter Gleichaltrigen erweist sich dabei als besonders wirksam: Kinder öffnen sich nicht nur leichter untereinander, sie lernen vor allem voneinander und entwickeln im sozialen Miteinander neue Kompetenzen.

Eltern als Schlüssel zur Stabilisierung

Parallel dazu stärken die Eltern im Elterntraining ihre emotionale Selbstwahrnehmung, üben Perspektivübernahme und erlernen deeskalierende, bindungsfördernde Kommunikationsstrategien. Während das Heidelberger Elterntraining ursprünglich psychisch erkrankte Eltern adressiert, wurde das Konzept am kbo-Kinderzentrum München gezielt auf die sozialpädiatrische Behandlung von Kindern mit psychischen Erkrankungen bzw. Entwicklungsstörungen und deren Eltern angepasst.

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Publiziert durch connektar.de.

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