Ben, Björn Höcke und die Frage, die viel größer ist als ein Podcast

Es gibt Momente, in denen eine Gesellschaft sich selbst im Spiegel betrachtet – und erschrickt. Nicht, weil sie etwas Neues sieht, sondern weil sie plötzlich erkennt, wie dünn die Schicht geworden ist, die uns voneinander trennt und zugleich miteinander verbindet: Respekt, Zuhören, Menschlichkeit.

Der aktuelle Tumult um Bens Podcast ist so ein Moment.

Ben macht etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: Er lädt Menschen ein, lässt sie ausreden, stellt Fragen, hört zu. Nicht, um zu provozieren. Nicht, um zu manipulieren. Sondern, weil er glaubt, dass man Menschen nur verstehen kann, wenn man ihnen Raum gibt. Dass Demokratie Gespräch braucht, nicht nur Schlagzeilen. Dass Zuhören kein Verrat ist.

Doch als er Björn Höcke eingeladen hat – einen Politiker, dessen Positionen viele Menschen aus guten Gründen kritisch sehen –, brach ein Sturm los. Nicht über Höcke. Sondern über Ben.

Und genau das ist der Punkt, an dem wir uns fragen müssen: Was tun wir da eigentlich?

 

Zuhören ist kein Verbrechen

Es ist traurig, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem allein das Gespräch mit einer umstrittenen Person als moralisches Fehlverhalten gilt. Als wäre Zuhören gleichbedeutend mit Zustimmung. Als wäre ein Dialog gefährlicher als das Schweigen.

Wir verlieren gerade die Fähigkeit, zwischen Gespräch und Gefolgschaft zu unterscheiden.

Wenn wir Menschen dafür angreifen, dass sie reden – oder zuhören –, dann verlieren wir etwas zutiefst Menschliches. Dann verlernen wir, wie Demokratie funktioniert. Dann verlernen wir, wie Frieden entsteht.

 

Die große Schieflage unserer Zeit

Während wir uns über Podcasts empören, laufen im Hintergrund Dinge, die ungleich schwerer wiegen:

  • Waffenexporte in Milliardenhöhe

  • Ausbildung von Soldaten für Kriege, die wir nicht führen wollen

  • Entscheidungen, die Leid verursachen, das wir nie sehen werden

Wir diskutieren erbittert über Worte – und schweigen über Taten, die Menschenleben kosten.

Diese Schieflage ist kaum auszuhalten. Sie erzeugt das Gefühl, dass wir uns in Nebenschauplätzen verlieren, während die Welt an ganz anderen Stellen brennt.

 

Was ist eigentlich so brisant, dass wir Gewalt für unvermeidbar halten?

Es ist eine Frage, die wir uns viel zu selten stellen: Welcher Grund könnte jemals rechtfertigen, einem anderen Menschen Leid zuzufügen?

Wir sind die einzige Spezies, die Waffen baut, um sich selbst zu verletzen. Die Kriege plant. Die Gewalt organisiert. Und gleichzeitig sind wir die einzige Spezies, die über Mitgefühl, Moral und Vernunft verfügt.

Wie kann es sein, dass wir beides gleichzeitig sind?

Ich dachte immer, dass Erwachsene diejenigen sind, die es besser wissen. Die Verantwortung tragen. Die Lösungen suchen. Doch wenn ich sehe, wozu erwachsene Menschen fähig sind – politisch, militärisch, gesellschaftlich –, dann frage ich mich manchmal, ob ich überhaupt zu dieser Kategorie gehören möchte.

Denn das, was wir weltweit erleben, hat nichts mit Reife zu tun. Es hat nichts mit Weisheit zu tun. Es ist schlicht: gemein.

 

Der Sinn des Lebens kann nicht Zerstörung sein

Vielleicht ist es naiv, aber ich glaube fest daran: Der Sinn des Lebens ist nicht, einander zu verletzen. Nicht, einander zu bekämpfen. Nicht, einander zu entmenschlichen.

Der Sinn des Lebens ist Verbindung. Verstehen. Frieden. Menschlichkeit.

Und genau deshalb brauchen wir Menschen wie Ben. Menschen, die reden. Menschen, die zuhören. Menschen, die nicht sofort verurteilen, sondern verstehen wollen, wie andere denken – selbst wenn sie anderer Meinung sind.

Denn Frieden entsteht nicht durch Schweigen. Frieden entsteht durch Gespräch.

In diesem Sinne…

Eure Jessy

Veröffentlicht von:

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Jessy Dürholt veröffentlicht als unabhängige Einzelperson Beiträge zu gesellschaftlichen Themen wie Frieden, Gewaltfreiheit und menschlichem Zusammenleben. Ihre Texte sollen Denkanstöße geben, Perspektiven öffnen und zu einem respektvollen Umgang miteinander beitragen. Sie handelt ohne institutionellen Hintergrund und schreibt aus persönlicher Motivation heraus.

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