Was ist wirklich passiert – und was haben wir daraus gemacht?

Beobachtung und Interpretation liegen im Alltag oft erstaunlich nah beieinander. Eine Reaktion wird wahrgenommen – und beinahe gleichzeitig entsteht eine Erklärung dafür. Doch was wurde tatsächlich beobachtet und was bereits interpretiert? Für Claudia Gorbach, Initiatorin und Mitentwicklerin von HumanSystemic, ist diese Unterscheidung eine wichtige Voraussetzung, um menschliche Situationen differenzierter zu betrachten.

Wenn aus einer Beobachtung eine Erklärung wird

Ein Mensch wird während eines Gesprächs plötzlich leiser. Sein Blick richtet sich nach unten. Nach einer Frage entsteht eine längere Pause.

Was ist passiert?

Schnell entstehen mögliche Erklärungen: Das Thema belastet ihn. Vielleicht ist er traurig. Vielleicht hat er Angst oder fühlt sich unwohl.

Tatsächlich wahrnehmbar ist zunächst jedoch nur: Die Stimme wurde leiser, der Blick veränderte sich und es entstand eine Pause. Alles Weitere ist bereits eine Interpretation des Beobachteten.

Genau diese Trennung ist im zwischenmenschlichen Kontakt nicht immer selbstverständlich. Denn Wahrnehmung und Bedeutung können sich innerhalb kürzester Zeit miteinander verbinden.

Für Claudia Gorbach berührt das eine grundlegende Frage: Wie viel von dem, was wir über eine Situation zu wissen glauben, haben wir tatsächlich wahrgenommen – und wie viel davon haben wir selbst hinzugefügt?

Wahrnehmung entsteht nicht ohne Vorgeschichte

Menschen betrachten Situationen nicht losgelöst von ihren eigenen Erfahrungen. Erwartungen, Überzeugungen und persönliche Bewertungen beeinflussen, worauf sie achten und wie sie Wahrgenommenes einordnen.

Deshalb kann derselbe Vorgang unterschiedlich beschrieben und verstanden werden.

Auffällige Informationen können dabei schnell mehr Gewicht erhalten als andere. Bestehende Überzeugungen können dazu beitragen, dass passende Hinweise stärker wahrgenommen werden. Eigene Erfahrungen oder Gefühle können auf eine andere Person übertragen werden. Aus wenigen Beobachtungen kann so eine weitreichende Schlussfolgerung entstehen.

Das bedeutet nicht, dass Interpretationen grundsätzlich falsch sind. Ohne Einordnung wäre Verständnis kaum möglich. Entscheidend ist vielmehr, die eigene Interpretation nicht mit einer feststehenden Tatsache zu verwechseln.

Eine Erklärung kann plausibel erscheinen und trotzdem zunächst nur eine von mehreren möglichen Erklärungen sein.

Erst wahrnehmen, dann differenzieren

An diesem Punkt setzt die Wahrnehmungsphase innerhalb von HumanSystemic an.

Claudia und Johannes Gorbach haben die HumanSystemic-Methode so strukturiert, dass die Wahrnehmung bewusst vor der weiteren Einordnung steht. In der ORDO-Prozessarchitektur bildet sie die erste von insgesamt fünf Phasen.

Zunächst geht es darum, Informationen möglichst offen aufzunehmen: beobachten, zuhören und Veränderungen wahrnehmen, ohne sie unmittelbar mit einer abschließenden Bewertung zu versehen.

Erst anschließend folgt die Differenzierung. Beobachtungen werden miteinander verglichen, Unterschiede herausgearbeitet und mögliche Zusammenhänge betrachtet.

Diese Reihenfolge bedeutet nicht, dass Fehlinterpretationen ausgeschlossen werden können. Sie lässt jedoch Raum für eine wesentliche Möglichkeit: Die erste Erklärung muss nicht die richtige sein.

Ein Zusammenhang beweist noch keine Ursache

Besondere Sorgfalt ist auch dann erforderlich, wenn bestimmte Beobachtungen wiederholt auftreten.

Zeigt eine Person beispielsweise bei einem bestimmten Thema mehrfach eine ähnliche Reaktion, kann dies auf einen relevanten Zusammenhang hinweisen. Daraus unmittelbar eine Ursache abzuleiten, wäre jedoch ein weiterer Schritt.

HumanSystemic behandelt solche möglichen Zusammenhänge deshalb zunächst als Hinweise beziehungsweise Arbeitshypothesen, die weiter geprüft werden. Auch die zeitliche Nähe zweier Ereignisse wird nicht automatisch als ursächliche Verbindung verstanden.

Das ist insbesondere bei komplexen menschlichen Anliegen relevant. Persönliche Erfahrungen, Beziehungen, Lebensumstände und aktuelle Ereignisse können miteinander verbunden sein. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass sich eine Situation auf eine einzige Ursache zurückführen lässt.

Offenheit bedeutet auch, die eigene Erklärung infrage stellen zu können

Die Trennung zwischen Wahrnehmung und Interpretation ist damit nicht nur eine methodische Frage. Für Claudia Gorbach betrifft sie auch die Haltung gegenüber anderen Menschen.

Wer bereits überzeugt ist zu wissen, warum sich jemand auf eine bestimmte Weise verhält, kann weitere Informationen leicht durch genau diese Erklärung betrachten. Wer dagegen unterscheiden kann zwischen dem, was tatsächlich beobachtet wurde, und dem, was daraus geschlossen wird, hält zunächst mehrere Möglichkeiten offen.

Das verlangt Aufmerksamkeit und manchmal Geduld.

Nicht jede Pause muss sofort erklärt werden. Nicht jede Reaktion benötigt unmittelbar eine Bedeutung. Und nicht jede Vermutung muss zur Gewissheit werden.

Eine einfache Frage kann deshalb am Anfang eines differenzierteren Verständnisses stehen:

Was habe ich tatsächlich wahrgenommen – und was glaube ich, dass es bedeutet?

Allein diese Unterscheidung löst noch kein Problem. Sie kann jedoch verhindern, dass eine vorschnelle Erklärung den Blick auf das verstellt, was sich tatsächlich zeigt.

Über Claudia Gorbach

Claudia Gorbach ist Initiatorin der Marke HumanSystemic und Mitentwicklerin der HumanSystemic-Methode. Ihre langjährige Erfahrung in der Begleitung persönlicher Entwicklungs- und Veränderungsprozesse floss gemeinsam mit Johannes Gorbachs Kompetenz in Prozessdenken, Strukturentwicklung und Didaktik in die Entwicklung von HumanSystemic ein.

Veröffentlicht von:

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