KI kann mehr als Texte schreiben: Neue Wege in der Berufsorientierung

Berufsorientierung wird zum Faktor der Fachkräftesicherung

Künstliche Intelligenz wird bislang vor allem mit Automatisierung, Produktivität und neuen Anwendungen in der Arbeitswelt verbunden. Weniger beachtet wird ihr Potenzial für die Berufsorientierung. Künstliche Intelligenz genau dort ansetzen, wo ein zentrales Problem des Ausbildungsmarktes beginnt: bei der Frage, welcher berufliche Weg zu einem jungen Menschen passt.

Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini können Berufe erklären, Fragen beantworten oder Bewerbungen formulieren. Für eine fundierte Berufsorientierung reicht das jedoch nur bedingt. Ihnen fehlen zunächst systematische Informationen über die Interessen, Fähigkeiten und persönlichen Präferenzen der jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer.

Psychologische Diagnostik als Grundlage

Spezialisierte Systeme können diese Lücke schließen, indem sie generative KI mit psychologischer Diagnostik verbinden. Eine mögliche Grundlage ist das RIASEC-Modell von John L. Holland, das berufliche Interessen in sechs grundlegende Bereiche einteilt: Realistisch, Intellektuell-Forschend, Künstlerisch, Sozial, Unternehmerisch und Konventionell.

Aus Antworten zu Interessen, bevorzugten Tätigkeiten und persönlichen Stärken entsteht ein individuelles Profil. Dieses kann anschließend mit strukturierten Informationen über Berufsfelder und berufliche Anforderungen abgeglichen werden. Statt einer einfachen Liste von „passenden“ Berufen entstehen dadurch individuell begründete Empfehlungen, die auch weniger bekannte Berufsfelder berücksichtigen können.

Gerade diese Perspektiverweiterung ist für die Berufsorientierung relevant: Jugendliche kennen häufig nur einen kleinen Ausschnitt der möglichen Ausbildungs- und Studienwege.

Von der Berufsorientierung zur konkreten Ausbildungsstelle

Noch einen Schritt weiter gehen Systeme, die individuelle Orientierung mit konkreten Ausbildungs- und Studienangeboten verbinden. Dabei lassen sich beispielsweise regionale Präferenzen oder gewünschte Starttermine berücksichtigen.

Ein Beispiel hierfür ist Frag KAI, die KI-gestützte App von ALPHA-TEST. Der diagnostikorientierte Gesprächsverlauf wird mit einer Datenbank konkreter Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten verbunden. So können Jugendliche nach der individuellen Orientierung nicht nur passende Berufsfelder kennenlernen, sondern auch konkrete Angebote einschließlich Voraussetzungen und Bewerbungsfristen finden.

Niedrigschwelliger Zugang schafft neue Möglichkeiten

Ein wesentlicher Vorteil KI-gestützter Berufsorientierung liegt in ihrer Niedrigschwelligkeit. Nicht alle Jugendlichen suchen aktiv eine Berufsberatung oder wissen, an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können. Ein digitales System ist unabhängig von Ort und Zeit verfügbar und kann damit einen ersten Zugang schaffen.

Dabei ersetzt KI weder Lehrkräfte noch Berufsberaterinnen und Berufsberater. Gerade persönliche Beratung bleibt wichtig, wenn individuelle Lebenssituationen, Unsicherheiten oder komplexe Entscheidungsfragen eine Rolle spielen. KI kann vielmehr die erste Orientierung, Informationsrecherche und strukturierte Aufbereitung unterstützen.

Golden Nugget für den Mittelstand

Für mittelständische Unternehmen liegt hierin eine besondere Chance. Viele bieten attraktive Ausbildungsberufe und langfristige Entwicklungsperspektiven, sind Jugendlichen aber weniger bekannt als große Arbeitgeber. Wenn individuelle Berufsorientierung mit konkreten regionalen Ausbildungsangeboten verknüpft wird, können auch kleinere und weniger bekannte Unternehmen bereits in einer frühen Phase der Berufswahl sichtbar werden.

Damit verschiebt sich der Zeitpunkt des Recruitings: Unternehmen erreichen potenzielle Nachwuchskräfte nicht erst bei der Bewerbung, sondern bereits dann, wenn diese sich fragen, welcher Beruf überhaupt zu ihnen passen könnte.

Eine bessere Passung zwischen Interessen, Kompetenzen und beruflichen Anforderungen kann zugleich helfen, Fehlentscheidungen und Ausbildungsabbrüche zu reduzieren. Berufsorientierung wird damit nicht nur zu einer Bildungsaufgabe, sondern zu einem Baustein der Fachkräftesicherung.

KI als Ergänzung, nicht als Ersatz

Die Qualität solcher Systeme hängt allerdings entscheidend von ihrer fachlichen Grundlage ab. Entscheidend sind wissenschaftlich fundierte diagnostische Verfahren, transparente Empfehlungen, ein verantwortungsvoller Umgang mit personenbezogenen Daten und eine klare Abgrenzung zwischen technischer Unterstützung und menschlicher Beratung.

KI kann Orientierung personalisieren, Informationen zugänglicher machen und auch weniger bekannte berufliche Möglichkeiten sichtbar machen. Gerade in einer sich dynamisch verändernden Arbeitswelt kann sie damit einen wichtigen Beitrag leisten, junge Menschen frühzeitig mit passenden beruflichen Perspektiven und Unternehmen mit potenziellen Nachwuchskräften zusammenzubringen.

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