Was bleibt von Heimat, wenn man das eigene Land verlassen musste? Samer Al Najjars Roman „Labyrinth der verwaisten Wünsche“ erzählt von Revolution und Flucht – vor allem aber von einem jungen Menschen, der nach Sicherheit, Liebe und einem Ort sucht, an dem er bleiben kann. Der Roman erscheint 2026 in zweiter Druckauflage.
Wer über Flucht spricht, spricht häufig über Grenzen, Herkunftsländer, Aufenthaltsstatus und Integration. Weitaus schwieriger ist die Frage, was Flucht im Inneren eines Menschen hinterlässt. Denn mit dem Erreichen eines sicheren Landes endet die Geschichte nicht zwangsläufig.
Genau an diesem Punkt setzt „Labyrinth der verwaisten Wünsche“ von Samer Al Najjar an. Der aus Syrien stammende Schriftsteller lebt heute in Velbert im Kreis Mettmann. Sein Roman verbindet die jüngere Geschichte Syriens mit einer sehr persönlichen Geschichte über Verlust, Erinnerung, Liebe und die Suche nach Zugehörigkeit.
Damaskus 2011: Als Freiheit möglich erschien
Im Mittelpunkt des Romans steht Adam, ein junger Mann aus Damaskus. Seine Verletzungen beginnen lange vor Revolution und Krieg. Als Kind verliert er seine Eltern bei einem Autounfall und wächst anschließend im Haus seines Onkels auf. Geborgenheit, die für andere selbstverständlich erscheint, wird für ihn schon früh zu etwas Zerbrechlichem.
Als 2011 in Syrien Proteste für Demokratie und Freiheit beginnen, schließt Adam sich der Bewegung an. Die Revolution gibt seinem Leben zunächst etwas, das ihm lange gefehlt hat: Hoffnung und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
Doch aus dem politischen Aufbruch werden Verfolgung, Gewalt und Krieg. Nach den Chemiewaffenangriffen in Ghouta 2013 verlässt Adam schließlich Syrien. Sein Weg führt ihn über die Türkei nach Europa und später nach Wien.
Damit könnte eine klassische Fluchtgeschichte enden. Al Najjars Roman beginnt an diesem Punkt jedoch eine seiner interessantesten Fragen erst zu stellen.
Was geschieht nach dem Ankommen?
Adam befindet sich nun in Sicherheit. Doch die Vergangenheit ist mitgereist.
Erinnerungen an seine Kindheit, an Syrien, an die Revolution und an verlorene Menschen lassen sich nicht an einer europäischen Grenze zurücklassen. Auch die Nachricht vom Tod seiner Cousine und Jugendliebe Darin trifft ihn schwer. Die äußere Rettung bedeutet noch keine innere.
So erzählt der Roman Flucht und Migration aus Syrien aus einer Perspektive, die in politischen Debatten leicht verloren geht. Nicht die Bewegung von einem Land in ein anderes bildet seinen eigentlichen Kern, sondern die Frage, wie ein Mensch nach tiefgreifenden Verlusten wieder Vertrauen in das Leben gewinnen kann.
Dabei wird allmählich sichtbar, welches Urbedürfnis hinter Adams scheinbar so unterschiedlichen Wünschen steht: Er möchte irgendwo dazugehören. Er sucht Sicherheit, Geborgenheit und einen Menschen, bei dem er bleiben kann.
Heimat kann auch ein Mensch sein
Gerade deshalb ist „Labyrinth der verwaisten Wünsche“ mehr als ein Roman über Krieg und Flucht. Heimat erscheint darin nicht allein als geografischer Ort.
Adam verliert im Laufe seines Lebens immer wieder das, woran sich Zugehörigkeit festmachen könnte: Eltern, vertraute Menschen, sein Land, politische Hoffnungen und schließlich auch die Vorstellung, einfach irgendwo neu beginnen zu können.
Aus dieser Erfahrung entwickelt sich eines der zentralen Themen des Romans: Heimatverlust und die Suche nach Zugehörigkeit.
Kann ein Mensch eine neue Heimat finden, ohne die alte vergessen zu müssen? Kann Liebe jene Sicherheit geben, die Familie und Herkunft nicht mehr geben können? Und wie viel Vergangenheit trägt ein Mensch in einen Neubeginn hinein?
Der Roman beantwortet diese Fragen nicht mit einer politischen Botschaft. Er macht sie persönlich.
Warum der Roman 2026 wieder besonders aktuell ist
Auch 2026 ist die Zukunft Syriens mit Fragen nach Wiederaufbau, Sicherheit, Rückkehr und dem Leben der syrischen Diaspora verbunden. Für Menschen, die ihr Land vor Jahren verlassen haben, lässt sich die Frage nach Heimat dabei kaum auf die Entscheidung „zurückkehren oder bleiben“ reduzieren.
Viele haben inzwischen anderswo Beziehungen aufgebaut, Sprachen gelernt, Berufe ergriffen und neue Lebensmittelpunkte gefunden. Gleichzeitig bleiben Erinnerungen, familiäre Bindungen und die Geschichte des Herkunftslandes Teil ihrer Identität.
Literatur kann diese Widersprüche anders sichtbar machen als Nachrichten und Statistiken. Sie erlaubt es, für einige hundert Seiten bei einem einzelnen Menschen zu bleiben.
Samer Al Najjars Roman führt dabei zugleich zurück zu den Hoffnungen einer jungen syrischen Generation, die 2011 für politische Freiheit auf die Straße ging. Aus heutiger Perspektive erhält dieser Blick eine zusätzliche historische Dimension.
Vom Arabischen ins Deutsche – durch den Autor selbst
„Labyrinth der verwaisten Wünsche“ erschien erstmals 2020 in arabischer Sprache im Libanon. Samer Al Najjar übertrug sein Werk anschließend selbst ins Deutsche.
Damit bewegt sich nicht nur die Romanfigur zwischen unterschiedlichen Ländern und Lebenswelten. Auch das Buch selbst überschreitet eine sprachliche Grenze: Ein syrischer Autor erzählt seine Geschichte zunächst für ein arabischsprachiges Publikum und gibt ihr anschließend selbst eine deutsche Form.
Die deutsche Ausgabe erschien bei AKRES Publishing und kommt 2026 nun in zweiter Druckauflage heraus.
Vielleicht ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, diesen Roman wieder zur Hand zu nehmen. Nicht, weil Literatur einfache Antworten auf Krieg, Migration oder die Zukunft Syriens liefern könnte. Sondern weil sie eine andere Frage stellen kann:
Was braucht ein Mensch, nachdem ihm beinahe alles genommen wurde, um irgendwann wieder sagen zu können: Hier gehöre ich hin?
Buchinformation
Samer Al Najjar: „Labyrinth der verwaisten Wünsche“
AKRES Publishing, zweite Druckauflage 2026
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Veröffentlicht von:
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