Kaiserliches Krisenmanagement

Obwohl ich nicht der Sucht nach TV unterliege, gehört ein abendliches Informationsprogramm zum täglichen Ritual. Nachrichten, Berichte aus aller Welt, stets in Kenntnis einer Sachlage die Geschehnisse überschauen zu können ist mir wichtig.

Ganz überraschend kam dann in den öffentlichen Programmen eine Ansprache von Kaiserin Angelique, die ihren verehrten Untertanen Mut in der Krise machen wollte. Mütterlich wohlmeinendes Lächeln, blickte sie in die Kamera:

Liebe Untertanen, Bürger, Nachbarn, Betroffene und Genesende, Hoffende und Verzweifelte,

lange habe ich überlegt, ob ich Sie heute ansprechen soll, doch die Zeit ist wohl gekommen, um Ihnen zu sagen: Fürchtet Euch nicht, ich bin bei Euch alle Tage.

Mit diesem Bibelspruch möchte ich meine tiefe Verbundenheit zu Ihnen, meine geliebten Untertanen, zum Ausdruck bringen. Gleichzeitig mit manchen Vorurteilen und falsch verstandenen Maßnahmen durch Erklärung um Ihr freundliches Verständnis bitten.

Ein halbes Jahr ist um, wenig Erfreuliches ist zu vermerken. Die Ausbreitung des Corona-Virus hat uns, dem Stab kaiserlicher Landesführung, viele schlaflose Nächte beschert. Anordnungen wurden kritisiert, nicht beachtet, selbst Krawalle kamen vereinzelt vor. Inzwischen werden Sie alle gemerkt haben, es geht aufwärts, unsere Entscheidungen stehen in der Welt beispielhaft da.

Nun besehen Sie einmal Ihren Kontostand. Die Schließung der Vergnügungsbetriebe, selbstredend nur vorübergehend, verschafften Ihnen unverhofften Zuwachs an Kapital, weil es nicht ausgegeben werden konnte. Also ein Grund dankbar zu sein.

Zusätzlich haben wir die Mehrwertsteuer gesenkt, weil ein Mehr an Wert derzeit nicht vorhanden ist. Die dadurch eintretenden Spareffekte wurden wieder unschön in den Medien kommentiert, leider ohne die genannten Beispiele konsequent durchzurechnen. Schreibt doch ein Journalist, er habe ein paar Sachen beim Discounter gekauft, Ersparnis € 1,98, hilft ihm nicht wirklich. Da habe ich mich ernsthaft gefragt, wie kauft der ein?  

Klotzen, nicht kleckern! Ein altes deutsches Sprichwort bewahrheitet sich wieder einmal. Hätte er für mehr als € 700,00 eingekauft, sehe die Einsparung ganz, ganz anders aus. Die Wirtschaft muss unterstützt werden, hocken Sie nicht auf Ihrem Geld, tragen Sie zur Stärkung der Unternehmen bei.

Essen Sie mehr. Zwar werden Sie an Gewicht zunehmen, Gesundheitsrisiken steigen, Sie sollten aber auch an die Ärzteschaft denken. Die leben immerhin davon, Ihrer Gesundheit zu dienen, Krankenhäuser ebenso, die gebeutelte Pharma-Industrie nicht zu vergessen. Lassen Sie sich durchchecken, ermöglichen Sie den Menschen ein geregeltes Einkommen. Denken Sie nicht immer nur an sich!

Überfluten Sie die Kaufhäuser, geplante Schließungen wird man sofort zurücknehmen müssen, Ihr Verantwortungsbewusstsein ist angesprochen. Nicht der Unternehmer entscheidet über Wohl und Weh, sondern Sie mit Ihrem Kaufverhalten!

Merken Sie es nun? An allen Ecken wird geschimpft, die Kaiserin ist schuld, dabei ist es fast immer der falsch agierende Untertan. Musste auch mal gesagt werden!

Die Auto-Industrie, Produzent der in der ganzen Welt angesehenen kaiserlichen Fahrzeuge, leidet unsäglich. Warum greifen Sie nicht zu Hilfsmaßnahmen? Müssen Sie unbedingt Ihr altes Auto länger als zwei Jahre behalten? Jahreswagen sollte es heißen. Natürlich nicht, indem Sie ein Fahrzeug erwerben, das schon ein Jahr alt ist, sondern möglichst jedes Jahr ein neues Auto bestellen. Die Umwelt wird es Ihnen danken, stets fahren Sie mit der aktuellsten Technik. Wem das zu teuer ist, der öffentliche Nahverkehr benötigt auch Ihre Unterstützung. Hocken Sie nicht im Eigenheim herum, füllen Sie den Einkaufsbeutel mit Euro-Scheinen und dann los.

Ein weiterer Punkt ist die Kritik an der Einführung der Grundrente. Unfassbar, meine lieben Freunde. Laut Statistik benötigt eine Einzelperson knapp über € 800,00 monatlich. Wir toppen das deutlich. Ich erinnere an eine Aussage des Ex-Kollegen Franz M. von der Opposition, der schon damals so sagte: Mit € 600,00 im Monat ist man nicht arm … Nimmt man nun unsere Berechnung als Grundlage, können die Rentner nur jubilieren.

Apropos Rente: Die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters wird schon wieder bemängelt. Merkt denn niemand wie ungeheuer fit heutzutage die Rentner mit 65 Jahren sind? Selbst ich möchte nicht schon mit 65 in den Ruhestand, ich denke sogar noch weiter, werde eventuell dem Beispiel des Genossen Wladimir folgen und bis in das Jahr 2034 Eure geliebte Kaiserin bleiben. Seien wir doch mal ehrlich, wer- außer mir- soll denn die Geschicke des Kaiserreichs dermaßen perfekt leiten können? Die sind doch alle noch viel zu jung, da muß erst einmal Lebenserfahrung kommen. Da zittere ich spontan vor Angst um mögliche verfrühte Änderungen. Nur davon kamen die Zitteranfälle, wurde mal wieder total falsch dargestellt.

Nicht vergessen möchte ich die Fluggesellschaften, eigentlich die ganze Reiseindustrie. Die armen Firmen hatten im letzten halben Jahr nichts zu lachen. Langsam geht es auch hier wieder aufwärts. Liebe Untertanen, reist so viel wie Ihr könnt, unbedingt auch ins Ausland. So lernt Ihr Euer Heimatland, das Kaiserreich, doppelt zu schätzen.

Nun habt Mut, verhelft dem Kaiserreich zu neuem Ansehen und wirtschaftlicher Blüte. Singt nicht mehr das kaiserfeindliche Lied: Wir woll´n unsren alten Kaiser Willem wiederhaben, das ist out. Angelique-Power ist das Schlagwort für Zukunft!

Dann schaltete der Sender wieder auf Reklame um. 

Tief ergriffen begab ich mich zur Nachtruhe. Als der Wecker mich am nächsten Morgen aus dem Schlaf riss fragte ich mich selbst: Wieso träume ich immer so absurde Dinge? Wer erklärt es mir?

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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