Sag´s mit Musik

Gelegentlich bekomme ich einen Anfall von Kopfkino. Richtig heftig wütet es vor meinem geistigen Auge. In Full HD ebenso wie in Dolby-Stereo und ich kriege es so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Erst neulich passierte mir das wieder. Ich las nämlich gerade einen Zeitungsartikel über die aktuelle politische Lage, die unpassenden boshaften Kommentare, dabei sind die Politiker, wenn man sie mal persönlich spricht, richtig nette Menschen.  Man ärgert sich im Nachhinein sogar darüber, dass man sie in Gedanken heimlich verfluchte.

So entstand mein Kopfkino. 

Wenn ich mir vorstelle, die Medienanstalten machen mal eine konzertierte große Aktion, lassen die Damen und Herren in einer gewaltigen musikalischen Bühnenshow auftreten, der Bürger würde ihnen zu Füßen liegen! Doch, doch, schließen Sie die Augen, entspannen Sie und die Show beginnt …

Vorhang auf! Zuerst angespannte Stille, noch kein tosender Applaus, mag aber auch am 70 Jahre alten Moderator liegen, der trotz all seiner Schminke auch als rüstiger 100-Jähriger gelten könnte. Aber das nur ganz am Rand erwähnt, denn nun kommt der erste Auftritt.

Wir sehen einen übergroßen Geldsack, bis zum Platzen gefüllt, vor ihm steht der Finanzminister. Im Dagobert Duck Kostüm beginnt er mit melodischer Stimme, untermalt von sanften Geigenklängen, seinen Gesang: It must to be you …

Standing Ovations, exzellente Performance, wie man auf Neudeutsch sagen würde.

Das Publikum ist hin und weg. Kann man das eigentlich noch toppen? Man kann! Nun kommt ein noch völlig unbekannter Mann auf die Bühne. In Lumpen gehüllt, eine Bierflasche in der Hand. Seine krächzende, beinahe blecherne Stimme ertönt: Du hast mich tausend Mal belogen … Leider geschah offenbar eine technische Panne, wurde doch zu diesem Lied ein Foto des Bundestags eingeblendet. Zum Glück schmälerte das den Beitrag nicht weiter.

Begeistertes Publikum. Die ersten Blumen fliegen auf die Bühne.

Was mag jetzt kommen? Der schöne Jens und Husband treten auf. Im Duett singen sie verliebt: Du bist viel zu schön, um alleine nach Hause zu gehn … Fehlt eigentlich nur ein Papagei der süffisant: Gib Küsschen sagt … Doch halt: Kontaktverbot verbleibt aktuell!

Glänzende Augen im Saal, herzzerreißend, die ersten Taschentücher trocknen die feuchten Augen.

Aus dem fernen, dunklem, bayerischen Wald kommt der Hubsi. Er ist nicht nur überzeugter Bayer, sondern auch ein hervorragender Sprachenkenner. Deshalb singt er für uns exklusiv auf Englisch: A man in the woods …

Der ganze Saal schunkelt mit, schööööön …

Was ist das? Eine außerordentlich gut beleibte Dame tritt auf. Wir kennen sie schon aus den besonders wilden Jahren, wo sie ihr Gesangstalent auf zahlreichen Demos trainierte. Was mag sie uns vortragen? Langsam setzt die Musik ein, sie bewegt die Hüften und singt mit klagender Stimme: Ich hab mich tausend Mal gewogen … 

Zugabe rief das Publikum. Die Künstlerin lässt sich nicht lange bitten. Auf ihr Geheiß fallen plötzlich grüne Luftballons vom Himmel.  Schon singt sie: 99 Luftballons, prasseln auf die Erde nieder, 99 Luftballons, verdammt gleich platzt mir das Mieder …

Mitten in dieser anheimelnden Stimmung wird es feierlich. Sehr feierlich, um genau zu beschreiben was soeben abläuft.  Ganz still wird es im Saal, als ein wandelnder Hosenanzug die Bühne betritt. Schüchtern lächelnd greift der Hosenanzug zum Mikrofon. Aus der Ferne erklingt ein Akkordeon in wehmütiger Weise, ein Hauch von Geigen schwebt im Raum … Sag zum Abschied leise Servus …

Wie gut, dass es nun eine Pause gab. Ein verheultes Publikum ist nichts für die Kamera.

Gleich nach der Pause ist eine Preisverleihung geplant. Man möchte Sarah Wagenknecht für ihr soziales Engagement ehren. Klappte letztendlich doch nicht, denn als bescheidener Mensch lehnte sie mit Begründung ab, doch schon vor Jahren einen Oskar bekommen zu haben, weitere Ehrungen wären zu viel des Guten. Da schau her … Chapeau!

Nanu, wen sehen wir auf der Bühne? Andy Scheuer, im Rockeranzug, die Haare nach hinten gestreift, beginnt er ganz im Stil von Elvis … Sein Maserati fährt dreihundertzehn, im Radar hat man´s gesehn, ich will Spass, ich will Spass, jetzt machen wir Dich nass …

Ein tosendes Publikum, alle singen mit.

Plötzlich kommts total emotional. Quasi eine öffentliche Liebeserklärung einer Ehefrau an ihren Mann. Frau Hofreiter singt Herrn Hofreiter an: Du hast die Haare schön, Du hast die Haare schön …

Das alte Lieder von Roy Black in neuem Gewand die Menschen verzaubern können, versucht nun Kevin Kühnert, singt er doch: Ganz allein, ist Kevin hier im Haus …

Spontan gefolgt von Philipp Amthor. Er besann sich auf einen alten Schlager von Elke Best: Du bist nicht mein Typ, drum sei so lieb, hau endlich ab … Nicht alle Zuschauer fanden das gut, denn klein Kevin fing an zu weinen. So etwas rührt immer, armes Hasilein!

Nur gut, dass der Innenminister mit einem Stimmungslied kam, sofort schwang die Stimmung im Saal wieder auf Fröhlichkeit. Wir kloppen durch bis morgen früh und singen bumsvalderah …

Für mich persönlich war das schönste Erlebnis der Chor vom Verfassungsschutz mit dem Lied: Mir san die lustigen Webhacker Buam …

Es gab natürlich auch noch Wortartisten, ehemalige Verteidiger in einem Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden, dafür mit Berater, Zauberkünstler mit ihren Tricks, doch das kommt in einem anderen Kopfkino.

Bevor ich wieder in die Realität zurückkehre, singe ich mit dem Publikum: So ein Tag, so wundersam wie heute …

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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