Brillieren oder Profilieren?

Als die unzertrennlichen Zwillinge Almut und Bastian nach dem Abitur eine Karriere in den Medien starten wollten, sich bei einem Fernsehsender bewarben, da hieß es lapidar: Schreiben Sie uns Ihren Werdegang in möglichst launigen, lebendigen Worten. In etwa so, als wollten Sie sich vor laufender Kamera einem Publikum vorstellen.
Und so begann es:
Wir sind die Kinder der 1. Vorsitzenden der Frauenpower-Partei, der allseits bekannten Politikerin Trulla von Grünspan. Man kann sagen, wir wuchsen in finanziell sehr gesicherten Verhältnissen auf, wurden nicht gegängelt, denn unsere Eltern haben wir extrem selten gesehen. Dafür gab es aber Anita, unsere herzensgute Kinderfrau, der wir in inniger Liebe verbunden sind.
Unser Vater ist ein bekannter Werbe-Experte. Deshalb hetzt er sein ganzes Leben von Termin zu Termin. Als er meine Mutter kennenlernte, befand er sich gerade auf Geschäftsreise. Durch eine Fügung des Schicksals schrammte er mit seinem SUV den SUV unserer Mutter. Ein kurzes Gespräch, auch unsere Mutter hatte noch dringliche Termine einzuhalten, entschloss man sich spontan zu heiraten. Die Hochzeitsnacht fiel wegen terminlichen Diskrepanzen aus, der Erzählung nach wurden wir später bei einem Zufallstreffen in einem Parkhaus gezeugt.
Als wir fünf Jahre alt waren, fragten wir Anita, wer diese Frau ist, die man immer im Fernsehen sieht. Dies sei unsere liebe Mutter, entgegnete Anita, wir könnten stolz auf sie sein. Nachvollziehbar war das für uns nicht, denn wir hatten immerhin unsere liebe Anita, während Mama, wir nennen sie jetzt mal so, als Business-Frau und hochrangige Politikerin dem Glück der Masse verpflichtet war, wie sie in einem Interview einmal erzählte. Geärgert hat uns damals nur, als sie nach unseren Namen gefragt wurde und sie erst einmal länger nachdenken musste.
Dann kam der Tag, an welchem wir volljährig wurden. Es klingelte und vor uns stand eine Frau mit einem riesigen Blumenstrauß. Natürlich freuten wir uns, erfragten ihren Namen, da sagte sie: Ich bin doch Eure Mutter …, aha.
Leider war sie dann schon wieder weg, Termine, Termine, Termine. So begriffen wir, Business-Frau zu sein, erfordert große Opferbereitschaft. Papa schickte uns ein Glückwunsch-Telegramm aus Manila, dazu ein Paket mit Spielsachen. Es war ihm bei all dem Stress wohl entfallen, dass man in unserem Alter andere Interessen hat, Demo´s zum Beispiel. Zum Glück gab es die liebe Anita, sie verschönte uns den Tag mit ihrer Anwesenheit.
Auf der Abi-Feier trafen wir ein paar Reporter. Alle wollten von uns wissen, ob wir nun in die Fußstapfen unserer Mutter treten möchten, oder ob wir mehr nach Papa kommen. Wussten wir nicht, kannten die Zwei überwiegend nur aus der Presse. Anita hielt aber zu uns, zählte alle möglichen Berufe auf, die in diesem schönen Land ein Abitur unumgänglich machen. Offen gestanden, bei all den vielen Berufen war es nicht einfach. Almut überlegte beispielsweise, ob sie nun Einzelhandelskauffrau, Hinterlassenschafts-Beauftragte (früherer Begriff Klofrau), Assistentin einer Geschäftsführung oder gar Harzt-4 Empfängerin werden sollte. Am Schluss stand ein Studium. Sie folgte dem Trend einer minder zielorientierten Jugend, Hauptsache Studium, also Kunst, BWL, Psychologie oder eventuell Philosophie. Ich, Bastian, ging beim Bäcker in die Lehre, hatte ja Abitur. Noch immer klingt mir der Leitsatz der Innung in den Ohren: Wir kriegen alles gebacken …
Banker wäre noch eine andere Möglichkeit gewesen, denn ich bin ein Typ, mit dem man rechnen kann. Allerdings hatte ich keine Lust 90-jährigen Omas noch Bausparverträge zu verkaufen. Vielleicht danach Fachminister zu werden, Berater ebnen den Weg zur Sachkunde.
Anita erzählte uns einmal, als Mama noch Kind war, wollte sie immer auf den Laufsteg, posen für die Welt. Leider war sie etwas zu pummelig dafür. Doch clever war sie schon, hier sehen wir den Grund für ihre Karriere in der Politik. Nicht nur auf den Laufstegen, nein, auch auf jeglichem glatten Parkett schwebt sie quasi über den Dingen, die den spießigen Bürgern wichtig sind.
Wenn Sie so wollen, ist hier eine erbliche Vorbelastung gegeben. Auch wir wollen viel Geld verdienen, stets im Rampenlicht stehen und den Menschen irgendeinen Quatsch erzählen und dafür mit frenetischem Applaus entlohnt werden. Showbusiness ist uns also in die Wiege gelegt worden. Anita war dagegen, können wir uns nur mit dem üblichen Neid erfolgloser einfacher Menschen erklären. Klar, sie machte seinerzeit einen guten Job, ist jedoch kein Grund sich einzumischen, wir haben ihr gekündigt.
Nun freuen wir uns auf die Zusammenarbeit in der neuen TV-Show:
Business-Twins, ein Leben auf der Überholspur!
Diese Geschichte hat eine Moral, familiärer Zusammenhalt oder Anstand, das war einmal …

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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