Endlich Millionär

Es begann ganz eigenartig. Der Briefträger läutete Sturm bei mir, händigte mir ein Päckchen aus, weil es nicht mehr in den Briefkasten passte. Neugierig und verwundert zugleich öffnete ich es es. Mich traf beinahe der Schlag. Es war von meiner Hausbank und enthielt einen tagesaktuellen Kontoauszug. Ich las einmal, zweimal, dann immer wieder … die erste Zahl im Haben war eine 1, danach folgten auf mehreren Seiten die dazu gehörigen Nullen! Ob das die neue Digitaltechnik war, von der man immer hörte? Zumindest die ausnahmslose Verwendung der Zahlen 1 und 0 könnten das beweisen. Ein Telefonat schaffte Klarheit, ich war mehrfacher Millionär geworden, quasi einfach so über Nacht!
Dabei begann es kurze Zeit davor recht zaghaft. Obwohl ich immer nur für 10 Euro tankte, auch keinerlei Preiserhöhung bemerkte, verringerte sich die Menge an Benzin kontinuierlich. Die Heizölkosten steigerten sich um moderate 87%, das sei aber noch nicht das Ende, hieß es in den Nachrichten. Doch wie kam ich nun zu meinem Dasein als mehrfacher Millionär? Der Spitzenkandidat einer volksnahen Partei erklärte es in einer Fernsehansprache, denn Alle, wirklich alle Bürger waren auf einmal Millionäre geworden. „Wir müssen mehr Inflation wagen“, so sprach er zu uns, lächelte freundlich in die Kamera dabei. Ach soooo war das, wieso kam ich nicht von selbst darauf?
Eigentlich ein sehr kluger Schachzug von der Politik. Schreitet nämlich die Inflation voran, stirbt der Beruf des Bankräubers aus. Jawohl, ist doch entschieden zu mühsam mit einem Schwerlasttransporter vorzufahren, Banküberfall zu rufen und dann die Angestellten zu zwingen die vielen Paletten mit den Geldscheinen aufzuladen. Selbst die Brandgefahr nahm ab. Heiß laufende Geldautomaten, deren Zählwerk bei Auszahlungen überhitzten und in Brand gerieten, wurden demontiert. Unser Land ist sicherer geworden.
Ein schönes Gefühl, Millionär zu sein. Endlich auf Augenhöhe mit Jeff Bezos, Gerhard Schröder, Familie Geissen oder gar Jens Spahn.
In dem Zusammenhang möchte ich zur Ehrenrettung einer bekannten Dame sagen: Die 40.000 Euro hat sie nicht einfach mal vergessen anzumelden, nein, sie schämte sich solch einen Bagatellbetrag überhaupt angenommen zu haben. Wir frisch gebackenen Milliardäre zeigen größtes Verständnis.
Selbstverständlich ist nicht alles Gold was glänzt. Wer nicht flott unterwegs war, konnte im Baumarkt keine Schubkarre mehr kaufen, Lieferengpass aufgrund riesiger Nachfragen. Das ist wirklich ein ernstes Problem. Stellen Sie sich einmal vor, Sie möchten eben zum Bäcker, Brötchen kaufen. Sie packen das inflationäre Geld in die Schubkarre und ziehen los. Doch wehe, Sie haben noch keine Schubkarre! Wie wollen Sie denn nun das viele Geld transportieren? Sie merken es selbst, geht überhaupt nicht! Also kein Geld, keine Brötchen, logisch!
Hungrig im Büro angekommen, rief mich mein Chef zu sich. Im Einzelgespräch erklärte er mir, ich hätte das Prinzip von Leistung und Gegenleistung falsch verstanden. Zwar hätte ich mir stets viel geleistet, aber eben nichts geleistet, mein Gehalt wird daher um 50% reduziert. Beinahe wäre ich ihm vor Dankbarkeit um den Hals gefallen. Die anstrengende Plage des Geldzählens reduzierte sich endlich. Wie beneidete ich plötzlich die wenigen Bürger, die kein Geld haben. Unbeschwert konnten sie durch die Stadt laufen, brauchten weder eine Schubkarre noch einen Bollerwagen für ihre Einkäufe.
Fitness-Studios gingen jetzt zahlreich in Konkurs. Man benötigte die einfach nicht mehr. Durch die Schlepperei der Geldpakete wurde auf natürlichem Weg die körperliche Gesundheit gesteigert. Früher ging ich stets schnaufend die Treppen zu meiner Wohnung hoch. Jetzt bin ich mit Tausendern vollgepackt und springe wie ein junger Hirsch in den 25. Stock hinauf. Inflation machts möglich.
Betroffen und traurig nahm ich vorhin Kenntnis von der Beendigung der beliebten TV-Sendung: Wer wird Millionär?! Der Grundlage entzogen, plant die Produktionsfirma eine Auslagerung nach Zimbabwe. Die Sendereihe nennt sich nun: Wer wird der nächste Inflationär? Der Gewinner bekommt ein Ticket für die Ausreise in die schöne wundersame Republik Absurdistan. Dort angekommen wird er automatisch auch Millionär.
Ist es denn nicht herrlich, so mit dem Geld um sich zu werfen? Zur Vereinfachung der Abrechnungen wird bald in Kilo statt in Summen gerechnet. Will sagen: Ein Brötchen kostet fünf Kilo Tausender. Merken Sie was? Als vor vielen Jahren die häufig kritisierte Mengenlehre an den Schulen eingeführt wurde, war das die Voraussetzung für die Berechnung der Inflation. Wohl dem, der damals aufgepasst hatte, damit behält er den Überblick auch dann, wenn aus den Kilos Doppelzentner werden.
Voller Dankbarkeit blickt die Welt auf uns, immerhin lassen wir andere Länder an unserem Wohlstand teilhaben. Wir werfen mit den Trillionen von Euros nur so um uns. Ist eigentlich klar, wo sollen wir das denn sonst alles lagern? Also ab in die Welt damit, tut Gutes und sprecht darüber. Absurdistan my Love!

Veröffentlicht von:

Ulli Zauner

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